US-Präsident Donald Trump versucht die Gefahren zu ignorieren.
Foto: imago images/ZUMA Wire

BerlinWer sich einen politischen Reim auf die Corona-Pandemie zu machen versucht, kann schnell zu der Erkenntnis kommen, dass viele Länder, die derzeit in autokratischer Selbstherrlichkeit regiert werden, eher schlecht durch die Krise kommen. Besonders auffällig sind dabei die großmäuligen Staatenlenker, die burschikos bereit sind, sich über wissenschaftliche Expertisen hinwegzusetzen und dem Virus gewissermaßen mit aufgekrempelten Ärmeln entgegenzutreten, selbst wenn sie wie Boris Johnson und Jair Bolsonaro persönlich an Covid-19 erkranken

In den USA hat Donald Trump sein Krisenmanagement früh darauf beschränkt, die Gefahren zu ignorieren. Zuletzt gängelte er Gouverneure, weil sie daran festhielten, die Schulen geschlossen zu halten. Der brasilianische Präsident Bolsonaro nutzt die Lage zur Verschärfung sozialer Konflikte in seinem Land und lässt sich noch dafür feiern, dass er der Epidemie unerschrocken trotzt, als sei sie mit flapsigen Sprüchen zu besiegen.

In Ländern wie Russland und der Türkei steigen die Fallzahlen, obwohl man vermuten muss, dass dort nur unzureichend getestet wird. In der Hoffnung, dass die Touristen bald wieder in Scharen an die türkische „Adria“ strömen, sendete das Fernsehen unlängst Bilder aus großen Hotelanlagen, in denen die Desinfektionsmaßnahmen kräftigen Nebel erzeugten. Die Sichtbarkeit der hygienischen Vorkehrungen ist wichtiger als deren Wirkung.

Als vor ein paar Tagen die Nachrichten über friedliche, aber auch gewaltsame Proteste in der serbischen Hauptstadt Belgrad nicht abrissen, wurde erst allmählich deutlich, dass es sich dabei nicht um die Zusammenkünfte von Partyfreunden handelte, die sich gegen streng gehandhabte Ausgangssperren richten. Vielmehr artikuliert sich in Belgrad ein handfester Widerstand gegen den gerade erst in einer Wahl bestätigten Präsidenten Aleksandar Vucic, der sich mit abrupten Richtungswechseln zu den Corona-Infektionen in seinem Land verhalten hat, als wären diese ein willkommener Erfüllungsgehilfe seiner politischen Strategien.

Zu Beginn der Corona-Krise hatte sich der rechtsnationale Putin-Verehrer Vucic in den Populisten-Chor eingereiht und das Virus als „lächerlich“ bezeichnet. Trotz vergleichsweise geringer Fallzahlen ging er plötzlich zu rigiden Ausgangssperren über, die am 1. Juni jedoch wieder aufgehoben wurden, als seien sie ein beliebig einzusetzendes Steuerungsinstrument. Insgeheim aber tragen die Proteste in Belgrad die Züge eines diffusen zivilen Widerstands gegen eine autokratische Politik, die die Bürger als Geiseln der Interessen des Machterhalts betrachtet.

Es wäre wohl zu optimistisch, aus diesen disparaten Beispielen ein Abklingen der Attraktivität populistischer Politikstile herauszulesen. Noch immer ist das Paradox weitgehend unverstanden, dass die Wähler rücksichtslosen Politikdarstellern selbst dann noch vertrauen, wenn sie längst bewiesen haben, dass sie sich um die sozialen Belange der Bevölkerung wenig scheren. Man steht weiter fassungslos vor dem Phänomen, dass Donald Trump meint, sein eklatantes Versagen in der Corona-Krise mit Schuldzuweisungen gegen China und die Weltgesundheitsorganisation WHO kaschieren zu können.

Zur Beschreibung eines solchen Politikstils hat man sich zuletzt häufig der Terminologie der Psychopathologie bedient. Dass Donald Trump ein unverbesserlicher Narzisst sei, gehört inzwischen zu den Gemeinplätzen politischer Rhetorik. Die Beschreibung gesellschaftlicher Phänomene mit der klinischen Terminologie narzisstischer Störungen knüpft an die Überlegungen des amerikanischen Sozialhistorikers Christopher Lasch an, der bereits Ende der 70er-Jahre von einem „Zeitalter des Narzissmus“ gesprochen hatte. Lasch fand für seine damalige Diagnose vielfältige Belege, etwa den damals auffälligen Hang zu esoterischen Bewegungen, eine in Selbsterfahrungskursen betriebene Nabelschau des Mittelstandes und die exzessiven Bedürfnisse Jugendlicher nach Party und Selbstinszenierung.

Christopher Lasch holte in seinem 1979 erschienenem Buch zu einem gesellschaftskritischen Rundumschlag aus, zu dem nicht zuletzt die Bemerkung gehörte, dass die Politik zu einer Veranstaltung verkommen sei, in der die Protagonisten wie Talkmaster agieren. Aus heutiger Sicht lesen sich Laschs Beispiele, in denen Richard Nixon und Henry Kissinger einen besonderen Platz einnehmen, wie rührige Versuche, der „blinden Elite“ (so ein späterer Titel Christopher Laschs über „Macht ohne Verantwortung“) die Leviten zu lesen.

Wenn die Narzissmus-Diagnose nach wie vor treffend ist, dürfte ein Rückruf der populistischen Akteure zu politischer Verantwortung und Vernunft allerdings vergeblich sein. Insbesondere in der Corona-Krise ist zum Vorschein gekommen, dass Trump, Bolsonaro und Co. Gefahren und Probleme der sozialen Wirklichkeit bestenfalls als Herausforderung begreifen, um die Liebe des eigenen Spiegelbildes zu evozieren. Deren Gier nach Bestätigung ist unermesslich. Doch durch das Internet und die sozialen Medien wird ihr fortwährend neue Nahrung zugeführt.

Es gehört zum weiten Feld der narzisstischen Störungen, dass Menschen, die derlei Symptome aufweisen, nicht nur bewundert werden wollen, sondern selbst gern grenzenlos bewundern. Nicht zufällig ist bei Trump immer alles gleich großartig („great“). Die undifferenzierte Begeisterung, die Lasch als allgemeines Zeitphänomen beobachtet hatte, kann ebenso schnell in unkontrolliert-aggressive Verachtung umschlagen. Wenn nicht alles täuscht, ist hier ein neuer Teufelskreis der Macht entstanden, der beiden Bedürfnissen gerecht wird.