Im Krüger-Park herrscht Krieg. Kein Tag vergeht, an dem in dem südafrikanischen Nationalpark keine Kugeln schwirren. Sie gelten entweder einem jener archaisch wirkenden Dickhäuter, deren Hörner auf dem Schwarzmarkt bis zu eine Million Dollar einbringen. Oder sie werden zwischen Wildhütern und Wilddieben abgefeuert, die sich in der Buschsteppe zwischen Südafrika und Mosambik regelrechte Gefechte liefern. Allein in diesem Jahr wurden in dem Reservat bereits 451 Nashörner erlegt.

Jeden Tag stolpern die Ranger über ein totes Rhinozeros, das mit einer klaffenden, von Fliegen umschwärmten Schusswunde über dem Maul auf dem staubtrockenen Boden liegt. Manche mussten sich bereits in psychologische Behandlung begeben, weil sie den Anblick der Tiere nicht verkraftet haben. „Wir drohen den Krieg zu verlieren“, sagt Südafrikas Umweltministerin Edna Molewa.

Wieder vom Aussterben bedroht

Achtungserfolge gibt es nur selten. Kürzlich erschossen Mitglieder der Rhino-Task-Force im Krüger-Park vier Wilddiebe, drei weiteren gelang die Flucht. Allein in diesem Jahr wurden in Südafrika 167 Personen festgenommen, die mit dem kriminellen Hornhandel in Verbindung stehen sollen. Trotzdem steigt die Zahl der landesweit getöteten Tiere immer weiter. 2013 wurden bereits 854 tote Nashörner gezählt. Wenn es so weiter gehe, warnen Tierschützer, würden die vor dem Aussterben geretteten Dickhäuter schließlich doch noch von der Erde verschwinden – und zwar schon in den nächsten 20 Jahren. In Mosambik, dessen Limpopo-Park an den Krüger-Park angrenzt, sind die letzten Exemplare sowohl der Breit- wie der Spitzmaulnashörner bereits ausradiert. „Wenn wir erlauben, dass diese großartigen Tiere aussterben“, sagt der Sprecher der südafrikanischen Nationalparkbehörde Sanparks, Reynold Thakhuli, „käme das unserem Selbstmord gleich.“

Untätigkeit kann man der Regierung in Südafrika, wo 90 Prozent aller noch verbleibenden Breit- und 40 Prozent aller Spitzmaulnashörner auf der Welt leben, nicht vorwerfen. Allein im Krüger-Park, der so groß ist wie Hessen, wurden 400 Ranger stationiert, die sich ganz dem Kampf gegen die Wilddiebe widmen; ihnen stehen 200 Soldaten zur Seite, die die Grenze zu Mosambik sichern.

Die Wildhüter haben in den vergangenen vier Jahren über zwanzig Wilderer getötet und Dutzende verhaftet. Doch jedem festgenommenen Wilddieb folgen mehrere verarmte und verzweifelte Glücksritter nach. „Solange wir die Nachfrage in Ländern wie China und Vietnam nicht in den Griff bekommen, werden wir den Krieg nie gewinnen“, ist man in der Kapstädter Peace-Park-Stiftung überzeugt.

Schon vieles ausprobiert

Ausprobiert wurde schon vieles. Man lud vietnamesische Regierungsbeamte in den Krüger-Park ein, damit sie sich ein Bild von dem Gemetzel machen können. In China und Vietnam wurden Erhebungen zum Profil der Konsumenten in Auftrag gegeben, um gezielte Kampagnen planen zu können. Es soll sich zumeist um erfolgreiche Geschäftsleute handeln, die das vermeintlich Wunder bewirkende Nashornpulver schon aus Prestigegründen einnehmen. Schließlich wurden Grenzschützer auf Flughäfen ausgebildet, um das wertvolle Pulver aufzuspüren. Mancher private Reservatsbesitzer ging inzwischen dazu über, seinen Tieren das Horn abzusägen. Im Nachbarland Botswana hat die Regierung sogar einen „shoot to kill“-Befehl erteilt: Begegnet ein Wildhüter einem verdächtigen Burschen im Park, kann er ihn ohne Warnschuss töten.

Genutzt hat alles nichts. „Jeden Tag weiter dasselbe zu tun, hilft uns auch nicht weiter“, meint Umweltministerin Edna Molewa trocken. Verzweifelt will es die Regierung von Jacob Zuma nun mit zwei neuen, sehr konträren Strategien versuchen. Auf politischer Ebene fordert Pretoria eine Freigabe des Handels mit den Hörnern. Gleichzeitig hat die Regierung grünes Licht für Experimente vor Ort gegeben, diese mit Giftstoffen zu behandeln. Beide Maßnahmen haben leidenschaftliche Verfechter, werden jedoch von Kritikern nicht weniger leidenschaftlich als kontraproduktiv oder gar kriminell verworfen.

Für Ministerin Molewa steht fest: Nur eine drastische Reduzierung der Preise kann das große Schlachten stoppen. Für ein Gramm wird derzeit mehr als für die gleiche Menge Gold oder Kokain bezahlt. Dem inflationären Preis begegne man am ehesten durch eine drastische Vermehrung des Angebots, geben Experten wie der australische Ökologe Duan Biggs der Ministerin Recht: „Es ist der Handelsbann, der die Nashörner unnötig sterben lässt.“

Als Alternative schlägt Biggs einen von einer Zentralen Verkaufsbehörde streng kontrollierten Markt vor. Das Angebot an Nashornpulver soll dadurch gesichert werden, dass den Rhinozerossen regelmäßig das Horn gestutzt wird. Der Nasenfortsatz wachse von alleine wieder nach. Nach Biggs' Schätzungen reichten die Hornspäne von 5 000 Rhinozerossen aus, um die derzeitige Nachfrage abzudecken. Da in Afrika gegenwärtig noch rund 20 000 Nashörner leben, gebe es noch einen „ausreichenden Spielraum“.

Kritikern verschlägt dieser Vorschlag beinahe die Sprache. Die Strategie erfordere nicht nur einen ständigen Eingriff in die Natur, wenden sie ein. Sie habe auch unübersehbare Folgen für die Nachfrage, die durch die festen Preise womöglich nur noch weiter angeheizt würde. „1,5 Milliarden potentielle Konsumenten in Fernost stehen weltweit 28 000 Nashörnern gegenüber“, wendet Lucy Boddham-Whetham von der Tierschutzorganisation „Save the Rhino“ ein. Es sei keine Frage, wie dieses Kräftemessen ausgehen werde. Die Experten wollen ferner wissen, wie eine „kontrollierte Vermarktung“ gewährleistet werden soll, wenn schon ein Bann nicht überwacht werden kann. Betrug und Korruption würden auf diese Weise nur noch weiter Tür und Tor geöffnet.

Eine Giftspritze ins Horn

Als letzte Rettung wird unter Ökologen deshalb die radikale Methode betrachtet, die derzeit in mehreren Nationalparks in der südafrikanischen Provinz Kwa-Zulu/Natal erprobt wird. Dort spritzen Veterinäre den Dickhäutern eine Substanz ins Horn, die für sie selbst harmlos, für menschliche Konsumenten jedoch „hoch giftig“ sei. Sterben wird ein Mensch daran zwar nicht, sagen die Tierärzte, doch könne er „ernsthaft“ an Übelkeit und Erbrechen erkranken. Zusammen mit dem Gift wird noch ein grellroter Farbstoff ins Horn gespritzt, der auch im Pulver klar auszumachen ist. Dadurch soll verhindert werden, dass ein Konsument vor Gericht geht, weil er nicht vorgewarnt worden sei.

Mancher Jurist hält die Methode dennoch für kriminell. „Der Einsatz von Gift im Kampf gegen Wilderer ist mit dem Einsatz chemischer Waffen im Krieg zu vergleichen“, zitiert die Tageszeitung Mercury einen nicht namentlich genannten Rechtsexperten. Den Tierschützern sind solche Einwände egal: Statt sich den Kopf über mögliche Zivilklagen zu zerbrechen, solle man sich lieber auf den Kampf gegen das eigentliche Verbrechen konzentrieren, meint der Naturschutzchef der Provinz Kwa-Zulu/Natal, Meshack Radebe. Noch ist die Debatte bloß akademischer Natur, bisher wurde noch kein Vietnamese mit Bauchkrämpfen ins Krankenhaus eingeliefert. Doch das erste mit Gift behandelte Rhinozeros soll bereits getötet worden sein. Südafrikas Nashornschützer warten nun gespannt auf die Auswirkungen.