Natascha Wodin: „Mir verschließt sich der Sinn dieser Waffenlieferungen“

Durch die Waffenlieferungen dreht man an einer gefährlichen Eskalationsspirale, sagt die russisch-ukrainischstämmige Schriftstellerin Natascha Wodin.

Natascha Wodin, deutsche Schriftstellerin mit russisch-ukrainischen Wurzeln.
Natascha Wodin, deutsche Schriftstellerin mit russisch-ukrainischen Wurzeln.Isolde Ohlbaum

Berlin-Man sollte Wladimir Putin zusichern, dass es keine Nato-Osterweiterung gibt, sagt die russisch-ukrainische Schriftstellerin Natascha Wodin im Interview mit der Berliner Zeitung. Nur noch das könnte Putin vielleicht dazu bewegen, den Krieg einzustellen.

Frau Wodin, wann haben Sie vom Kriegsausbruch erfahren und was haben Sie in diesem Moment gefühlt?

In meinem Leben haben sich zwei Dinge ereignet, die ich nicht für möglich hielt: Der Fall der Berliner Mauer und Corona. Die Nachricht von Putins Überfall auf die Ukraine hat diesen zwei Dingen ein drittes hinzugefügt. Ich habe das am Tag des Angriffs erst am späten Nachmittag erfahren, wie so vieles Wichtige im Leben, weil ich Nachtschreiberin und Tagschläferin bin.

Haben Sie am Abend gebetet?

Nein, ich habe geweint. Die Geschichte der Menschheit hat gezeigt, dass Gott weder Kriege noch anderes Leid auf der Welt verhindert. Er mischt sich nicht ein. Wir müssen unsere Probleme selbst lösen.

Finden Sie, dass die westlichen Politiker sich richtig verhalten und verhalten haben?

Nein, das finde ich nicht. Putin hat einen durch nichts zu rechtfertigenden, barbarischen Krieg begonnen, aber es wäre vielleicht nicht dazu gekommen, wenn der Westen sich anders verhalten hätte. Putin wollte am europäischen Haus mitbauen, wie er in seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag im Jahr 2001 und auch später immer wieder betont hat, er hat dem Westen und Deutschland, das einst immerhin sein Land überfallen und an die 30 Millionen Sowjetbürger ermordet hat, immer wieder die Hand hingestreckt, aber man ließ sie in der Luft hängen. Man hat ihn ignoriert und schließlich in einer Art und Weise dämonisiert, dass man sich über seine Verbitterung nicht wundern muss. Und man hat sich bekanntlich nicht an die Vereinbarung gehalten, dass es nach der deutschen Wiedervereinigung keine Osterweiterung der Nato geben wird. Das war die Voraussetzung dafür, dass Gorbatschow der Wiedervereinigung zugestimmt hat. Ich glaube, das weiß inzwischen der letzte Mensch in Hintertupfingen, aber von einem Politiker habe ich bisher noch keine einzige ernsthafte Stellungnahme zu diesem Punkt gehört.

Wie könnte es gelingen, den Krieg zu stoppen?

„Wir scheißen auf eure Sanktionen“, sagte vor ein paar Tagen Viktor Taterinzew, der russische Botschafter in Schweden. Ich glaube, man kann jetzt der Ukraine nur noch dadurch helfen, dass man Putins immer wieder gestellte Forderung erfüllt und ihm die schriftliche Zusicherung gibt, dass es keine Osterweiterung der Nato mehr geben wird. Es ist wie ein Dolchstoß ins Herz der Ukraine, aber nur noch das, wenn überhaupt, könnte Putin in meinen Augen dazu bewegen, den Krieg einzustellen. Stattdessen hat Deutschland nun beschlossen, doch Waffen an die Ukraine zu liefern. Was mir dabei nicht in den Kopf geht: Wir wissen, dass die Ukraine gegen Putins militärische Übermacht keine Chance hat. Könnte sie den Krieg mit Hilfe der deutschen Waffen gewinnen? Wohl kaum. Insofern verschließt sich mir der Sinn dieser Waffenlieferungen, die nur dazu beitragen können, dass der Krieg sich ausweitet und womöglich in einer atomaren Apokalypse endet. Nach Bekanntwerden der geplanten Waffenlieferungen hat Putin ja auch prompt reagiert und seine Atomstreitkräfte in Alarmbereitschaft versetzt. Ich verstehe das taktische Vorgehen der Politiker nicht. Anstatt alles nur Erdenkliche dafür zu tun, um das Schlimmste zu verhindern, wird immerzu weiter an der hochgefährlichen Eskalationsspirale gedreht.

Ich las eine Reportage von jungen Männern, die mit dem Turnbeutel in den Krieg ziehen und von entschlossenen Frauen, die noch nie eine Waffe in der Hand hatten. Muss man dann nicht hoffen, dass der Krieg schnell gewonnen wird, damit nicht so viele Ukrainer sterben?

Es kann auch nicht wünschenswert sein, dass Russen sterben. Die Menschen werden nicht gefragt, sondern in Kriegen seit jeher verheizt, den schmutzigen Zielen wahnsinniger Diktatoren geopfert. Der ukrainische Heldenmut in Ehren, aber die Jungs und Mädchen sollten zu Hause bei ihren Eltern bleiben und nicht sinnlos ihr Leben opfern, ihr Tod wird der Ukraine nichts nutzen.

Wäre es schade um den ukrainischen Staat in seiner jetzigen Gestalt? Wären die Menschen unter einer prorussischen Regierung weniger frei und noch ärmer?

Der ukrainische Staat in seiner jetzigen Gestalt ist ein hochkorrupter Oligarchenstaat ohne unabhängige Gerichtsbarkeit und damit kein Rechtsstaat. In meinem Buch „Nastjas Tränen“ habe ich davon erzählt, dass ein Ehepaar einen gut gehenden Copy-Shop in Kiew betreibt und eines Morgens an der Tür zu diesem Geschäft von zwei bewaffneten Männern erwartet wird. Gehen Sie wieder nach Hause, sagen sie, das Geschäft gehört jetzt uns. Alle Versuche, diese Banditen zur Verantwortung zu ziehen, liefen ins Leere, weil die Miliz bestochen ist. Es geht aber nicht darum, unter welcher Regierung es den Ukrainern am besten gehen würde, es geht um das Recht der Ukraine auf Selbstbestimmung. Putin will sie in eine Bruderschaft zwingen, die sie nicht wollen. Dazu hat er kein Recht.

Ist Putin verrückt geworden? Und wenn ja, welche Form von Verrücktheit kann das sein?

Ich kenne ihn nur aus dem Fernsehen, aber ich könnte mir denken, dass er an Paranoia leidet, der Krankheit, zu der man alle KGB-Leute erzogen hat. Er kommt mir vor wie ein Cäsar in seinem letzten Machtrausch und deshalb auch zu allem fähig. Vielleicht ist er auch an einem inneren Endpunkt angelangt, und der Angriff auf die Ukraine ist eine Art erweiterter Suizid.

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Privat
Zur Person
Natascha Wodin 1945 als Kind verschleppter sowjetischer Zwangsarbeiter in Bayern geboren. Ihr Vater war Russe, ihre Mutter Ukrainerin. Als die Tochter 11 Jahre alt war, suchte die Mutter den Tod in einem nahen Fluss. Natascha Wodin wuchs in Lagern und Heimen auf. Als junge Frau übersetzte sie Literatur aus dem Russischen und lebte zeitweise in Moskau. Sie war mit dem Schriftsteller Wolfgang Hilbig verheiratet und schrieb autobiographisch inspirierte Romane. Für den Roman "Sie kam aus Mariupol" bekam sie den 2017 den Preis der Leipziger Buchmesse. So wurde sie einer großen Öffentlichkeit bekannt. Seit vielen Jahren lebt Natascha Wodin in Berlin Prenzlauer Berg.

Haben Sie russische und ukrainische Freunde? Was denken die? Kennen die jemanden, der mit fliegenden Fahnen in diesen Krieg zieht?

Ich weiß, dass viele Menschen in Russland große Angst vor einem Angriff der Nato haben, manche reservieren sich bereits Plätze in Luftschutzkellern. Von dieser Angst in der russischen Bevölkerung macht man sich hier keine Vorstellung. In der Ostukraine habe ich weitläufige Verwandte: Sie, die mit der russischen Literatur aufgewachsen sind, wollen nicht in die EU, sie wollen in ihrem russischen Kulturraum bleiben. Ein ukrainischer Freund erzählte mir zu Beginn des Bürgerkriegs in der tief gespaltenen Ostukraine, dass sein russisch orientierter Bruder auf der Flucht vor ukrainischen Soldaten auf tragische Weise ums Leben gekommen ist. Prowestliche Ukrainer haben sein Elternhaus angezündet, er selbst kann das Grab seiner Eltern in einem Dorf im Donbass nicht mehr besuchen. Er hatte lange Zeit gehofft, Putin würde eingreifen und den Krieg in der Ostukraine beenden, aber das, was jetzt passiert, hat seinen Blick auf seinen Präsidenten drastisch verändert. Putin hatte ja bisher große Zustimmung in der russischen Bevölkerung, das verändert sich jetzt, viele Russen wollen diesen Krieg nicht. Es gibt aber auch solche, die behaupten, es gäbe gar keinen Krieg, das sei eine westliche Propagandalüge. Andere loben Putin dafür, dass er der Ukraine zuvorgekommen ist, sonst hätte die Ukraine Russland überfallen. Wir erleben zur Zeit eine Art atomare Explosion von Lügen, Fake-Nachrichten und Desinformationen.

Gibt es einen nennenswerten Widerstand gegen Putin in Russland? Hat der Widerstand eine Chance, sich zu organisieren? Was passiert mit den Menschen, die jetzt in den Städten demonstrieren und gefangen genommen werden?

Ich war vor anderthalb Jahren nach langer Zeit wieder in Moskau und konnte nicht glauben, was ich sah. Eine Megacity mit zaristischem Pomp, ein allgegenwärtiger, biblisch anmutender Tanz ums goldene Kalb. Die Menschen rennen alle, die sechsspurigen Autostraßen sind verstopft. Nach drei Tagen hatte ich das Gefühl, ich sei um ein Jahr gealtert, Berlin kam mir nach dieser Reise vor wie ein Dorf, das Mittelalter. In der Sowjetzeit gab es eine Losung: „Wir werden Amerika einholen und überholen.“ Das neue Moskau demonstriert Putins Hybris, seinen immer noch bestehenden Wunsch, Amerika zu überholen. Was mit den Menschen passiert, die jetzt in Russland gegen den Krieg zu demonstrieren wagen, weiß ich nicht. Es ist ja sogar verboten, von Krieg zu sprechen, der verordnete Terminus technicus lautet „militärische Operation“. Putin lässt keinen Widerstand mehr zu, hinter jeder Kritik wittert er den Westen, Spionage, Sabotage. Und darüber hinaus hat der Demokratiegedanke weder in der Ukraine noch in Russland Wurzeln. Pluralität ist kaum bekannt, es muss immer Einigkeit um jeden Preis herrschen.

Ihr letzter Roman „Nastjas Tränen“ handelt von einer Ukrainerin, die nach Berlin kommt. Wer ist diese Frau und warum bleibt sie in Deutschland, obwohl sie eigentlich immer Heimweh hat?

Weil Heimweh immer noch besser ist als Hunger. Sie hatte nach dem Zerfall der Sowjetunion in der Ukraine einfach nichts mehr zu essen für sich und ihren Enkel. Ihr konnte kein Gehalt mehr bezahlt werden, weil die Staatskasse leer war, Nastjas letzter Lohn nach fast dreißig Jahren Dienstzeit als leitende Bauingenieurin war ein kleiner Sack Reis. Sie hat ihren Enkel bei seinem Großvater gelassen und sich einfach in einen Zug nach Berlin gesetzt, es war eine Verzweiflungstat. Ich habe sie durch eine Zeitungsannonce gefunden, über die ich eine Putzfrau suchte. Eines Tages legte ich, um ihr eine Freude zu machen, eine Schallplatte mit ukrainischer Volksmusik auf. Da begann sie plötzlich zu weinen. Und in diesem Moment habe ich in ihr das Heimweh meiner ukrainischen Mutter in Deutschland erkannt. Heute lebt Nastja wieder in der Ukraine. Vor zwei Tagen ist sie mit ihrem inzwischen erwachsenen Enkel aus Kiew auf ihre Datscha geflohen, die im Winter eigentlich nicht bewohnbar ist. Aber die Leute tun sich dort zusammen, heizen die Öfen, führen sich Wärme in Form von Wodka zu, backen Brot, weil es im Laden keines mehr gibt. Und warten auf das, was kommen wird.

Ihre Mutter kam als ukrainische Zwangsarbeiterin nach Deutschland und hat sich das Leben genommen, als Sie 11 Jahre alt waren. Jahrzehnte später haben Sie angefangen zu recherchieren, welches Leben Ihre Mutter vor dem Krieg hatte. Ihr wohl berühmtestes Buch „Sie kam aus Mariupol“ erzählt davon. Was war das für ein Land, das Sie bei Ihren Recherchen entdeckt haben?

Zuerst habe ich die vorrevolutionäre Ukraine mit ihren immensen Klassenunterschieden entdeckt. Die meisten Menschen lebten in unvorstellbarer Armut, der italienische Großvater meiner Mutter war ein steinreicher Kaufmann, der die ukrainische Donbass-Kohle ins Ausland exportiert hat. Väterlicherseits stammte meine Mutter aus dem ukrainischen Landadel, ihr Vater, der sich als Student mit den Bolschewiki verband, wurde von der zaristischen Regierung für zwanzig Jahre nach Sibirien verbannt. Als er am Ende seiner Verbannung nach Mariupol zurückkehrte, begann die Revolution. Meine Mutter, die 1920 geboren wurde, hat in der Ukraine nichts anderes erlebt als Bürgerkrieg, Repressionen, den Stalinterror, die Zeit der Zwangskollektivierungen, in der Millionen Ukrainer verhungert sind. Schließlich der Einmarsch der deutschen Wehrmacht in ihrer Heimatstadt Mariupol, die der Weltbevölkerung spätestens jetzt zum Begriff wird. Die Schwester meiner Mutter, die vor dem Krieg in Odessa studierte und schließlich als Konterrevolutionärin in den Gulag verschleppt wurde, beschreibt in ihrem Tagebuch, dass es damals an der Uni verboten war, Russisch zu sprechen. Nur Ukrainisch war erlaubt. Später, in der Sowjetunion, hat man kaum noch unterschieden zwischen Russen und Ukrainern, es war praktisch ein Volk mit einer langen gemeinsamen Geschichte. Doch jetzt ist diese wohl an ihrem katastrophalen Ende angelangt. Der Krieg geht mitten durch Familien, mitten durch den einzelnen Menschen, der wie ich russischer und ukrainischer Herkunft ist.

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