Der Nato-Gipfel am Montag in Brüssel befasst sich mit dem Verhältnis zu China und Russland. Wie schon zuvor bei den G7 wurde deutlich, dass der Westen China als eine wesentlich stärkere Bedrohung sieht als noch vor wenigen Jahren. Im Umgang mit Russland deutet sich eine gewisse Ernüchterung an. Von einer Entspannung kann in diesem Zusammenhang allerdings nicht die Rede sein. Vielmehr müssen die Europäer unter der US-Führung einen „modus vivendi“ in einer Welt finden, in der das westliche Modell nicht mehr dominiert. Die Verschiebung der Koordinaten hat Auswirkungen auf die Beziehungen der Supermächte. Waren es im Kalten Krieg klare Blockzugehörigkeiten, sind heute oszillierende Bewegungen zu beobachten. Es fällt den Großmächten schwerer, ihre Verbündeten zu berechnen. Einzelne Staaten versuchen seit geraumer Zeit, vorrangig ihre eigenen Interessen zu verfolgen.

Für die Nato ist in diesem Zusammenhang die Türkei das größte Problem. Das wurde auch am Montag deutlich. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan warf den Nato-Verbündeten mangelnde Unterstützung im Kampf gegen den Terrorismus vor: „Leider haben wir in unserem Kampf gegen jede Form von Terrorismus nicht die Unterstützung und Solidarität von unseren Verbündeten und Partnern erhalten, die wir erwartet haben“, sagte Erdogan am Montag in einer Videobotschaft. Die Türkei kämpfe an vorderster Front gegen den Terrorismus wie etwa gegen die Terrormiliz IS und die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK, betonte Erdogan vor einem Treffen mit US-Präsident Joe Biden.

Was Erdogan nicht erwähnte, ist die Tatsache, dass die Türkei in Syrien mit einem völkerrechtswidrigen Einmarsch die territoriale Souveränität Syriens verletzt hat, um sich die Region einzuverleiben, die bis nach Idlib reicht. Die Türkei kämpft in Syrien mit islamistischen Söldnertruppen gegen die syrische Armee. Seit dem Eingreifen Russlands, das von Syriens Präsident Baschar Al-Assad zu Hilfe gerufen wurde, kämpfen pro-türkische Verbände auch gegen die Russen. Zuletzt war am Wochenende ein russischer Soldat bei Idlib getötet worden. Die russische Luftwaffe antwortete mit Bombenangriffen. Laut UN-Angaben sei auch ein Krankenhaus getroffen worden, berichtet die regierungsnahe türkische Zeitung Sabah. Russland gibt an, dass die Söldner-Trupps die Taktik verfolgen, menschliche Schutzschilder einzusetzen, um ihre Angriffe durchzuführen.

Innerhalb der Nato stößt die Türkei auf besonderen Widerstand Frankreichs, obwohl zu Beginn des Syrien-Krieges auch französische Söldner in der Region aufgetaucht waren. Der größte Widerspruch zwischen Paris und Ankara besteht allerdings im Hinblick auf Libyen. Erdogan und der französische Präsident Emmanuel Macron sprachen bei einem längeren Meeting in Brüssel über Libyen und Syrien. Laut einer Mitteilung des Élysée-Palasts sei man übereingekommen, in beiden Ländern zu „kooperieren“.

Der frühere EU-Botschafter in der Türkei, Marc Pierini, schrieb in Le Monde, dass es einer Kraftanstrengung bedürfe, um die Türkei zu einem klaren Bekenntnis ihrer Nato-Mitgliedschaft zu bewegen. Sorge bereitet der Nato und insbesondere den USA die Annäherung der Türkei an Russland: Wegen des Kaufs des russischen Raketenabwehrsystems S-400 durch die Türkei hatten die USA Sanktionen gegen den Bündnispartner verhängt. Biden hatte den türkischen Präsidenten im Wahlkampf öffentlich als Autokraten bezeichnet und einen härteren Kurs angekündigt. Hinter den Kulissen wird weiter verhandelt: Laut Hürriyet ist Ankara bereit, auf die Aktivierung der Raketen zu verzichten. Doch die Amerikaner fordern, dass die S-400 nach Russland zurückgeschickt werden.

Auch beim Thema Syrien herrscht offiziell Uneinigkeit: Die Türkei kritisiert immer wieder die Unterstützung der USA für die Kurdenmiliz YPG in Syrien. Für Ankara ist die YPG der syrische Ableger der PKK, die in der Türkei, den USA und Europa auf der Terrorliste steht. Die USA dagegen sehen in der YPG einen Verbündeten gegen Assad.

Doch auch für Russland bleibt die Situation unübersichtlich: Seit einiger Zeit ist Erdogan ein enger Verbündeter der ukrainischen Regierung und stützt diese in ihrem Streit mit Moskau. Davon profitieren wiederum die USA, die erst dieser Tage ein Kriegsschiff ins Schwarze Meer entsandt haben. Deutschland spielt in diesem Machtpoker keine Rolle. Erdogan traf Bundeskanzlerin Angela Merkel erst nach Macron und dem britischen Premier Boris Johnson. Das Treffen war den türkischen Medien nur wenige Zeilen wert.