Spätestens seit der russischen Annexion der Halbinsel Krim im März 2014 ist das Bedrohungsgefühl in Polen wieder massiv gestiegen. Ein Ergebnis ist, dass die Zahl der  zivilen Selbstverteidigungsgruppen steigt.    Die  Regierung stellt  eine 35.000 Männer und Frauen zählende „Territorialverteidigung“ auf.  Im Fall eines Angriffs auf Polen sollen die Einheiten wie einst die Heimatarmee während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg als Guerilla agieren und den regulären Truppen beistehen.

Polen verlässt sich auf sich selbst

Das Nato-Mitglied Polen setzt neue Akzente. „Eigene Stärke aufbauen, irgendwie. Das ist der Trend in Polens Sicherheitspolitik“, sagt Andrzej Karkoszka, Berater der polnischen Wehrindustrie. Investiert wird in Projekte und Strukturen, innerhalb derer Polen selbst eine Führungsrolle übernehmen kann und nicht mehr als Juniorpartner abhängig ist vom Wohlwollen etwa der USA. Dazu gehört der Aufbau einer 4.000 Mann starken polnisch-litauisch-ukrainischen Brigade. Das Kalkül:  Das ukrainische Militär soll gegen Russland gestärkt und das Nachbarland an die Nato herangeführt werden.

Teile des Verbandes übten bereits im Zuge des Großmanövers „Anakonda“ der polnischen Armee mit Nato-Verbänden.  Auch die rund 3.000 Soldaten starke EU-Battlegroup der Visegrad-Staaten Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn geht auf eine polnische Initiative zurück. Und Polen hat ein „Hilfsprogramm zur regionalen Sicherheit“ angekündigt, mit dem Nachbarländer militärisch fit gemacht werden sollen, auch mit Hilfe von Krediten für Waffenkäufe.

Warschau demonstriert seinen Willen, zur militärischen Führungsnation Osteuropas aufzusteigen und zum „Sicherheitsgaranten“ für die baltischen Staaten, wie Staatspräsident Andrzej Duda sagt.

Zwischen den Meeren

Polen ist ambitioniert, überdies geistert in Warschau ein altes geopolitisches Konzept wieder durch die Flure der Macht: Intermarium heißt es, zu Deutsch „zwischen den Meeren“. Gemeint ist ein ostmitteleuropäischer Block von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer und zur Adria, angeführt von Polen. „Die Staaten Ostmitteleuropas denken darüber nach, einen solchen Block zu schaffen“, sagt Duda.  So soll ein Gegengewicht zu Moskau geschaffen werden sowie Stabilität in einer Region, auf der der Druck des Machtkampfs zwischen Russland und dem Westen lastet.

Auch eine Folge deutscher Politik

Polens Sicherheitspolitik ist auch eine Folge der außenpolitischen Ausrichtung Berlins: Man traut den Deutschen nicht zu, ihre zögerliche sicherheitspolitische Haltung aufzugeben. Und viele Polen glauben, Berlin verfolge eigene Interessen mit Russland.

Intermarium also? Stanislaw Koziej bleibt gelassen. Für den ehemaligen Vizeverteidigungsminister und Chef des polnischen nationalen Sicherheitsrats ist der Plan vor allem Rhetorik. Aber auch er ist für eine intensivere Zusammenarbeit Polens mit Ländern in Ostmitteleuropa, jedoch ohne Nato oder EU zu vernachlässigen. Polen verlässt sich zunehmend auf sich selbst.