Frankfurt - Der Däne Anders Fogh Rasmussen ist ein Mann mit guten Manieren und tadellos sitzenden Anzügen. Wenige Wochen wird er nur noch als Nato-Generalsekretär an der Spitze des Verteidigungsbündnisses stehen, bevor ihn Anfang Oktober der Norweger Jens Stoltenberg ablöst.

Am Donnerstag und Freitag wird Rasmussen im walisischen Newport zum letzten Mal einen Nato-Gipfel leiten. Doch er verabschiedet sich nicht etwa leise aus seinem Amt, sondern überaus selbstbewusst. Mit Blick auf die drei baltischen Nato-Partner und Russland sagte er kürzlich:  „Wir müssen sicherstellen, dass das Bündnis jeden Verbündeten gegen jeden Angriff verteidigen kann.“

Das ist zwar im Grunde eine Selbstverständlichkeit. Doch im Angesicht der Ukraine-Krise klingen solche Sätze wie eine Drohung in Richtung Moskau. In den vergangenen Jahren hatte die Sprachregelung stets gelautet, dass der Nordatlantik-Pakt gegen vieles gerichtet sei – aber ganz bestimmt nicht gegen Russland. 

Gemeinsam nach vorn

Und so dürfte dann auch ein wesentliches Ergebnis des Gipfels lauten, dass das Bündnis seinen Schutz für die östlichen Mitgliedstaaten verstärken wird. Wenn man so will, kehrt die Allianz zu ihren Wurzeln zurück. Sie wurde ja 1949 überhaupt gegründet, um eine euro-atlantischen Sicherheitsordnung zu schaffen, bestehend aus den USA, Kanada und den westeuropäischen Staaten. Diese einte die Furcht vor einem sowjetischen Angriff – und vor einem Wiedererstarken des gerade erst besiegten Kriegstreibers Deutschlands. 1955 trat die junge Bundesrepublik dem Bündnis bei, die Angst vor den Sowjets aber blieb. Über Jahrzehnte hinweg standen sich waffenstarrende Militärblöcke in Europa gegenüber: Im Westen die Nato unter Führung der USA, im Osten der Warschauer Pakt unter dem Kommando der UdSSR. 

Nach dem Ende des Kalten Kriegs und dem der Sowjetunion bemühten sich die Nato und Russland, gemeinsam nach vorn zu schauen. 1991, zu Beginn der Jelzin-Ära, wurde Russland Mitglied im Programm „Partnerschaft für den Frieden“. 1997 unterzeichneten beide Seiten die Nato-Russland-Grundakte, die zumindest formal bis heute die Basis der Beziehungen bildet. Darin heißt es: „Die Nato und Russland betrachten einander nicht als Gegner.“ Dieser Gedanke wurde 2002 in Rom in einer feierlichen Erklärung bekräftigt. Zugleich richteten beide Seiten den Nato-Russland-Rat ein. Das ist ein ständiges Gremium, in dem Fragen von gemeinsamem Belang verhandelt werden sollen. 

Wie ein altes Ehepaar

In der Praxis freilich war das Verhältnis nie spannungsfrei: Die Nato führte Krieg gegen Serbien, einen traditionellen Verbündeten Russlands. Sie rückte auch immer näher an das Riesenreich heran, indem sie ab 1999 ein Dutzend Staaten aus dem einstigen Moskauer Einflussbereich  aufnahm. Beim Bukarester Nato-Gipfel im Frühjahr 2008 stand auch eine Entscheidung über den Beitritt der ehemaligen Sowjetrepubliken Ukraine und Georgien an. Die damalige US-Regierung unter George W. Bush warb entschieden dafür, europäische Verbündete unter Führung Deutschlands und Frankreichs blockierten einen Beschluss. Wenige Monate später kam es zum Krieg zwischen Georgien und Russland. Das Bündnis setzte die Arbeit des Nato-Russland-Rats aus – bis 2009 unter Führung des neuen US-Präsidenten Barack Obama ein Neuanfang in den Beziehungen versucht wurde. 

So ähneln die Allianz und Russland heute einem alten Ehepaar: Sie können nicht miteinander, aber ohne einander können sie auch nicht. Der Versuch des Westens, Moskau am Aufbau eines Raketenabwehrsystems zu beteiligen, ging in den vergangenen Jahren gründlich schief. Die Russen trauen der Nato nicht und betrachten das Projekt als Bedrohung ihrer Sicherheit. Zum Verdruss des Westens hält Moskau seine schützende Hand über den syrischen Diktator Baschar al-Assad. Gleichzeitig gibt es Themen, bei denen sich Russland kooperativ zeigt – etwa im Hinblick auf den Atomstreit der Staatengemeinschaft mit dem Iran. 

In den vergangenen Jahren waren russische Staatspräsidenten stets eingeladen, wenn die Nato ihre Gipfeltreffen abhielt. Jetzt in Newport ist das anders, die Anwesenheit Wladimir Putins ist nicht erwünscht. Der allerdings hat das Bündnis schon wissen lassen, wie er auf die geplante stärkere Präsenz von Nato-Truppen in Osteuropa reagieren will: Bei der geplanten Neu-Formulierung der russischen Militärdoktrin soll das westliche Bündnis als „äußere militärische Bedrohung“ eingestuft werden.