Berlin - In diesen Tagen ist viel mit sorgenvollem Unterton über die Konzentration russischer Truppen an der Grenze zur Ukraine berichtet worden. Moskau sprach stets von zeitlich begrenzten Manövern und der jetzt angekündigte Rückzug der Soldaten scheint dies zu bestätigen. Es ist bemerkenswert, dass ganz ähnliche Aktivitäten der USA und ihrer Nato-Verbündeten zur gleichen Zeit im Westen Russlands in der Öffentlichkeit praktisch unerwähnt geblieben sind, obwohl der übergeordnete Zusammenhang auf der Hand liegt.

Bereits seit dem März laufen hier die Vorbereitungen für eines der größten Manöver in Europa seit dem Ende des Kalten Krieges. Unter dem Namen „Defender Europe 2021“ werden mehr als 28.000 Soldaten aus 26 Nationen die Verlegung von Truppen und Material und die Zusammenarbeit mit den USA üben. „Defender Europe 2021 demonstriert unsere Fähigkeit, als strategischer Sicherheitspartner auf dem westlichen Balkan und im Schwarzen Meer zu fungieren und gleichzeitig unsere Fähigkeiten in Nordeuropa, im Kaukasus, in der Ukraine und in Afrika zu erhalten“, heißt es auf der Website der siebenten US Army Europe (USAREUR). Gemeinsam wäre man in der Lage, „auf jede Krise zu reagieren, die sich ergeben könnte“.

Das Manöver ist die ein wenig abgespeckte Variante der schon im vergangenen Jahr geplanten „Defender Europe“-Übung, bei der allein mehr als 20.000 US-Soldaten nach Europa verlegt werden sollten. Das Unternehmen wurde wegen der aufkommenden Corona-Pandemie abgebrochen und findet nun mit knapp 3000 US-Soldaten statt, die in diesen Tagen samt Material an deutschen Nordseehäfen eintreffen und quer durch die Bundesrepublik und Österreich Richtung Südosten transportiert werden. Im Mai sind dann 30 Einzelmanöver in zwölf Staaten geplant, darunter in Bulgarien, Ungarn, Rumänien, Kroatien und dem Kosovo, aber auch in Estland an der Westgrenze Russlands. Beteiligt sind Einheiten aus der Ukraine und Georgien, also weiteren Staaten mit direkten Grenzen zu Russland.

Nach Darstellung der die Bundesregierung beratenden Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) ist „eine solche Übung notwendig geworden, weil sich die sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen in Europa verschärft haben. Seit der Annexion der Krim durch Russland 2014 sowie der russischen Intervention im Donbass und in Syrien wuchs in Europa die Sorge vor einer zunehmend aggressiven russischen Politik. Als Reaktion darauf haben die Nato-Staaten das Thema kollektive Verteidigung wieder ins Zentrum ihrer Planungen gestellt“.

Nach Ende des Kalten Krieges seien Bundeswehr und andere Nato-Streitkräfte sukzessive auf Auslandseinsätze wie in Afghanistan ausgerichtet worden. Infolgedessen hätten „die meisten Nato-Staaten verlernt, ihre Streitkräfte im Bündnisgebiet, das heißt auf europäischem Territorium, rasch bereitzustellen, zu bewegen und im Einsatzraum zu kooperieren. Das müssen sie nun wieder in allen Facetten erlernen“, stellte die SWP fest. Kern sei „das Üben der strategischen Fähigkeiten, die die Staaten für die kollektive Verteidigung an den Rändern des Bündnisgebietes brauchen“. Deutschland würde dabei vor allem die Rolle des Transitlandes übernehmen. Im Unterschied zum Kalten Krieg gilt das Land nicht mehr als Hauptkampfzone, sondern vor allem als Aufmarschgebiet für die Allianz.

Bei Ankunft der ersten US-Truppen für das Manöver vor einem Jahr hatte der zuständige Bundeswehr-Generalleutnant Martin Schelleis erklärt, Russland sei wegen der Annexion der Krim zwar „Auslöser, aber nicht Anlass für die Übung“. Militärische Fähigkeiten könnten nur langfristig wieder aufgebaut und gepflegt werden. „Was sich die Nato jetzt wieder aneignet, kann Russland schon lange.“

Aufmerksamkeit und Kritik an dem Manöver halten sich in Deutschland bislang in Grenzen. Einzig der Linke-Politiker Oskar Lafontaine kommentierte jüngst das Geschehen: „Während das gegen Russland gerichtete Manöver Defender Europe 2021 mit 30.000 Soldaten aus 26 Ländern läuft, jammern die westlichen Medien wieder über die aggressive Moskauer Politik, weil Russland seine Truppen an der ukrainischen Grenze verstärkt. Das Lügen geht weiter: Die Einkreisung Russlands ist ‚Verteidigung‘.“

Selbst wenn man der westlichen Argumentation folgt, es gehe nur um die Einübung von Fähigkeiten, wie sie Russland gerade an seiner Grenze gezeigt habe, so fällt doch die ausdrückliche Erwähnung der Schwarzmeer-Region in der Mitteilung der US-Kommandoführung auf. Dort stoßen die gegensätzlichen Interessen der Nato und Russlands besonders eklatant aufeinander, denn dort ist mit der Schwarzmeerflotte eine der wichtigsten strategischen Kräfte des russischen Militärs stationiert, mit der Moskau seine Machtoptionen im östlichen Mittelmeer und dem Nahen Osten unterstreicht. Ihre Bewegungsfreiheit einzugrenzen, ist Teil jeglicher strategischer Überlegungen der Nato in dieser Region. „Europe Defender“ zeigt auf jeden Fall, dass auf beiden Seiten der Bündnisgrenzen für den Ernstfall geübt wird. Es geht um ein Gleichgewicht der Kräfte – wie einst im Kalten Krieg.