Berlin - Präsident Wladimir Putin hatte im Fall der unheilvollen westlichen Interventionen im Irak, in Libyen und Syrien recht. Hätte Russland in Syrien nicht eingegriffen, herrschten dort heute islamistische Terroristen. Man muss kein Freund Assads sein, um festzustellen, dass er – ähnlich wie der ägyptische Militärdiktator al-Sisi – sein Land vor weit Schlimmerem bewahrt. All das ignorieren ideologisch einbetonierte Politiker wie Norbert Röttgen (CDU) oder Annalena Baerbock (Grüne).

Mildernd rechne ich Putin an, dass Russland nur schwer zu modernisieren ist, bedenkt man die zweihundertjährige Epoche, in der Gewaltherrscher, Massenmörder, kommunistischer Zentralismus und deutsche Vernichtungskrieger Land und Leute immer wieder ruinierten. Zudem wurden die Menschen dort nach 1990/91 von den zumindest zeitweiligen westlichen Siegern der Geschichte gedemütigt. Neben dem Krieg in Libyen beging der amerikanische Präsident Obama seinen zweiten großen Fehler, als er 2014 Russland als schwächliche „Regionalmacht“ verspottete.

Aus all diesen Gründen plädierte ich lange für Nachsicht gegenüber Putin – bis zum 30. November 2018. Damals war Putin zum G20-Gipfel nach Buenos Aires gereist, ebenso der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman, der kurz zuvor den regierungskritischen Journalisten Jamal Khashoggi in hinterhältiger Weise hatte ermorden lassen. Aber Putin begrüßte diesen Auftraggeber eines politischen Mordes mit derart männlich-einverständiger Freude, dass mich noch heute Ekel überkommt, wenn ich mir das Video ansehe. Es besteht kein Zweifel daran, dass der Präsident Russlands den gescheiterten Mordversuch an dem für ihn so unbequemen Alexej Nawalny begünstigt hat. Dazu erteilt man keinen schriftlichen Befehl. Man deutet seinen Leuten an: Der Mann ist extrem schädlich – niemand wird euch fragen, wie ihr es gemacht habt.

Dank eines russischen Piloten, eines geistesgegenwärtigen russischen Notarztes, dank Angela Merkel und der Charité scheiterte der Mordanschlag. Die Indizien sind eindeutig: Der Kreml ließ die Kleidung Nawalnys sofort verschwinden, und inzwischen ist dank westlicher Investigatoren und eines trickreichen Telefonats Nawalnys auch klar, worum es vor allem ging: um die im Hotel mit Nowitschok vergiftete Unterhose.

Dieses Dessous führt zu Michail Bulgakows 1924 in der Sowjetunion veröffentlichter Geschichte „Eine Teufeliade“. Darin erzählt der Autor von einem Funktionär namens Unterhoser. Auf dessen gedrungenem Hals sitzt ein eiförmiger Kopf, „genauso unbehaart wie ein Ei, und er glänzt dermaßen, dass auf dem Schädel beständig Lichter spielen“.

Unterhoser genießt die Macht, spricht „rasch, abgehackt und gewichtig“ und entfernt jene, die es besser können. Deshalb soll auch der allseits geachtete Genosse Korotkow beseitigt werden: „Der nichts hörende Unterhoser heulte wie eine Sirene“, heißt es bei Bulgakow, „wandte sich im Laufen um und schrie: ‚Ergreifen Sie Maßnahmen, damit ich nicht aufgehalten werde!‘“ Aber wie durch ein Wunder übersteht Korotkow alle „Maßnahmen“.

Die Leute stöhnen weiterhin unter diesem „ewig glattrasierten, grünlichen Kerl“. Doch irgendwann stürzt Unterhoser die Treppe hinunter, brüllt mit „dünner Stimme“ „Hilfe!“, und Genosse Korotkow schaut ungläubig hinterher: „Er lachte lauter und immer lauter, bis seine schier unaufhörlichen Gelächtersalven das ganze Treppenhaus erfüllten.“