Nazi-Netzwerk: Blood&Honour-Deutschland-Chef war bis 2010 V-Mann

Am Donnerstag hatte Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) im Abgeordnetenhaus noch eine mögliche V-Mann-Tätigkeit des früheren Deutschland-Chefs des Nazi-Netzwerkes Blood&Honour (B&H), Stephan L., dementiert. „Nach jetzigem Kenntnisstand“ spreche nichts dafür, dass L. für die Berliner Polizei oder den Verfassungsschutz gearbeitet habe, sagte Geisel. Was der Senator offenbar nicht wusste: Einen Tag zuvor hatte ein Verfassungsschützer aus dem Kölner Bundesamt (BfV) im geheim tagenden Parlamentarischen Kontrollgremium des Bundestages L.s Spitzeltätigkeit bestätigt.

Deckname „Nias“

Demnach habe der in der rechten Szene unter dem Spitznamen „Pinocchio“ bekannte L. von mindestens 2002 bis spätestens 2010 unter dem Decknamen „Nias“ mit dem BfV zusammengearbeitet. Seine Aufgabe sei unter anderem gewesen, das BfV bei der Aufklärung von Nachfolgestrukturen der im Jahr 2000 verbotenen deutschen B&H-Division zu unterstützen.

Am Dienstag hatte die ARD den V-Mann-Verdacht gegen L. erstmals öffentlich gemacht. Sie berief sich dabei auf einen offenbar aus dem Jahr 2000 stammenden Vermerk der Staatsschutzabteilung des Berliner Landeskriminalamtes. Darin heißt es, L. „wurde durch das LKA 514 an das BfV vermittelt“. Vor dem Kontrollgremium des Bundestages legte nun der BfV-Vertreter ausdrücklich Wert auf die Feststellung, dass der Ex-B&H-Chef erst 2002 als V-Mann verpflichtet worden sein soll. Offenbar will das Amt dem Vorwurf begegnen, man habe  bereits vor dem Verbot der deutschen B&H-Sektion im Herbst 2000 mit L. kooperiert.

Dieser Verdacht ist damit aber nicht aus dem Raum. Üblicherweise geht der Verpflichtung eines Informanten als V-Mann eine längere Zeit der Werbung und Überprüfung des Kandidaten voraus. In dieser „Anwärmphase“ kommt es bereits zu regelmäßigen Treffen mit der Kontaktperson, bei denen auch schon Informationen abgeschöpft und Aufträge erteilt werden können.

Das 1987 in Großbritannien gegründete militante Neonazi-Netzwerk Blood&Honour versteht sich als Elite der rechten Szene. Mit schätzungsweise 200 Mitgliedern gehörte der deutsche B&H-Ableger bis zu seinem Verbot 2000 zu den größten „Divisionen“ in Europa.

Die deutschen Sicherheitsbehörden hatten gleich mehrere ranghohe Zuträger rekrutieren können. Dazu gehörten auch Führungskader der B&H-Sektionen in Thüringen und Sachsen. Diese hatten ab Januar 1998 den späteren NSU-Terroristen Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe bei ihrem Leben im Untergrund geholfen. Sie betreuten das flüchtige Trio, besorgten Wohnungen, Geld und Waffen. Der Kontakt hielt an: So sollen Mundlos und Böhnhardt 2007 zusammen mit einem ehemaligen B&H-Führungskader aus Sachsen ein Nazi-Rockkonzert besucht haben, auf dem sich das alte Netzwerk traf. Beim Konzert dabei war auch Stephan L., der zu jener Zeit in BfV-Diensten stand.