Was hat man den Neandertalern nicht alles unterstellt. Da mussten sie in Werbespots erst mühsam lernen, dass es bessere Mittel gegen Halsschmerzen gibt als einen Schlag mit der Keule auf den Kopf. Oder dass Kugeln aus Stein doch ziemlich verletzungsträchtige Fußbälle abgeben.

Dem gängigen Klischee zufolge gelten die ausgestorbenen Cousins des modernen Menschen also nicht gerade als geistige Überflieger. Allerdings haben Experten schon länger Zweifel am Bild vom dümmlichen Neandertaler. Neue Studien bescheinigen ihm nun sogar ein Kunstverständnis, das sich durchaus mit dem unseren messen kann.
Altersbestimmung mit Tücken

Dabei hatten Wissenschaftler den modernen Menschen Homo sapiens bisher für den begnadetsten Künstler der Geschichte gehalten. Wenn nicht sogar für den einzigen. Nur ihm hatte man zum Beispiel genügend Talent und Grips für die eindrucksvollen Höhlenmalereien zugetraut, die vor Zehntausenden von Jahren in West-Europa entstanden. So ganz sicher konnte man da allerdings nicht sein.

Schließlich haben die Steinzeit-Künstler ihre Werke nicht signiert. Nur aus dem Alter der Felsbilder kann man also schließen, wer sie gemalt hat. Nach allem, was die Fossilienfunde bisher verraten, ist der moderne Mensch erst vor etwa 45.000 bis 40.000 Jahren aus Afrika nach Europa gekommen. Falls es Felsbilder aus früheren Epochen gibt, sollten diese also von Neandertalern geschaffen worden sein.

Allerdings hat auch die Altersbestimmung bei solchen Malereien ihre Tücken. „Höhlenkunst genau zu datieren, ohne sie dabei zu zerstören, war bisher kaum möglich“, erklärt Dirk Hoffmann vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Nun aber sind er und seine Kollegen dabei ein gutes Stück weitergekommen. In der neuen Studie hat das internationale Forscherteam die Kunst in drei spanischen Höhlen mit modernen Untersuchungsmethoden genauer unter die Lupe genommen.
In La Pasiega im Nordosten, in Maltravieso im Westen sowie in Ardales im Süden Spaniens haben die Designer vergangener Epochen die Wände nicht nur mit Hirschen, Pferden und Rindern verziert, sondern auch mit Punkten und abstrakten Zeichen, mit Handabdrücken und Felsritzungen. Im Laufe der Jahrtausende haben sich auf diesen Malereien Kalkschichten abgelagert.

Deren Alter aber lässt sich mit Hilfe der sogenannten Uran-Thorium-Methode sehr genau bestimmten. Dieses Verfahren nutzt die Tatsache, dass der Kalk von Natur aus winzige Mengen radioaktives Uran enthält, das im Laufe der Zeit zu Thorium zerfällt. Aus der in einer Probe gefundenen Thorium-Menge lässt sich also zurückrechnen, wann dieser Prozess begonnen hat.

Dies haben die Forscher in mehr als 60 Proben abgelesen – und dabei Erstaunliches über die unter dem Kalk liegenden roten Linien, Punkte, Scheiben und Handabdrücke herausgefunden. Demnach haben die kreativen Höhlengestalter diese Dekorationen schon vor mehr als 64.000 Jahren angebracht – mindestens 20.000 Jahre bevor die ersten bekannten Vertreter der modernen Menschen europäischen Boden betraten. Es waren also wohl Neandertaler, die Licht in die drei Höhlen brachten, einen guten Platz für ihr Werk auswählten, Pigmente zusammenmischten – und zu malen begannen. Ein komplexes Unterfangen, das auf einigen Verstand schließen lässt.

Zumal die Höhlenmalereien keineswegs der einzige Hinweis darauf sind, dass in den Köpfen der Neandertaler ein erstaunlicher Schöpfergeist steckte. Mit der gleichen Methode haben die Forscher nämlich auch noch einen weiteren Fundort in der Cueva de los Aviones im Südosten Spaniens untersucht. In dieser Küstenhöhle hatten Archäologen durchbohrte Muscheln, rote und gelbe Farbpigmente, sowie Behälter mit komplexen Pigmentmischungen entdeckt.

Da dieses Erbe der frühen Europäer ebenfalls von einer Kalkschicht bedeckt war, konnten Dirk Hoffmann und seine Kollegen auch dort ihre radioaktive Uhr ablesen. Demnach sind diese Hinterlassenschaften etwa 115.000 Jahre alt – und damit sogar deutlich älter als ähnliche Funde aus Süd- und Nordafrika. Dort hat vor etwa 70.000 Jahren der moderne Mensch mit Farben und durchbohrten Muscheln hantiert, die er möglicherweise als Schmuck trug.

Sowohl moderne Menschen als auch Neandertaler haben also Gegenstände besessen und Werke geschaffen, die eher symbolischen als praktischen Wert hatten. Und damit hatten beide bereits eine wichtige Schwelle auf dem Weg zur heutigen menschlichen Kultur überschritten. „Auch Neandertaler konnten symbolisch denken und waren in ihren geistigen Fähigkeiten nicht vom modernen Menschen zu unterscheiden“, folgert João Zilhão von der Universität Barcelona, der an beiden Studien mitgearbeitet hat.

Offenbar war der lange unterschätzte Cousin unserer eigenen Linie also durchaus ebenbürtig. Umso rätselhafter ist es, warum der Neandertaler gegen Homo sapiens den Kürzeren gezogen hat und ausgestorben ist. An mangelnden Halstabletten und schlechten Fußbällen hat es sicher nicht gelegen. An fehlendem Grips aber auch nicht.