Ostritz - Es hat funktioniert, durchatmen. „Ich bin so froh, dass es vorbei ist, endlich“, sagt Marion Prange. Sie ist die Bürgermeisterin von Ostritz, es ist das Wochenende, vor dem sich viele gefürchtet haben in der kleinen ostsächsischen Grenzstadt. Drei Tage lang Hunderte Neonazis aus ganz Europa auf einer privaten Hotelwiese an der Neiße, um Hitlers Geburstag zu feiern. Laute Nazimusik, mögliche Krawalle mit Gegendemonstranten, Ärger, die Stadt voller Polizisten, überall Kontrollen, Belagerungszustand.

Aber nun ist Sonntag, es ist vorbei und die parteilose Bürgermeisterin ist froh, weil es bislang unerwartet glücklich ausgegangen ist. Sie ist auch stolz, weil ihr Ostritz es richtig gemacht hat und sich nicht hat unterkriegen lassen an diesem brütendheißen Wochenende, das ein Alptraum aus Randale und Gewalt, fliegenden Flaschen und Steinen hätte werden können.

Friedliches Feiern auf dem Marktplatz

Ostritz an der Neiße, 2300 Einwohner, hat sein Zeichen gesetzt gegen den braunen Irrsinn. Bürgermeisterin Prange, die mit anderen monatelang das Friedensfest dagegen organisiert hat, kann sehr zufrieden sein: Eine Menschenkette am Freitagabend aus 1000 Leuten.

Was für Bilder: Einige trugen Kerzen, einige sangen die Nationalhymne, andere Bachs Dona Nobis Pacem. Friedliches Feiern auf dem Marktplatz mit insgesamt rund 3000 Menschen, mit Würstchenbude, Chören, mit Musik und Künstlern, Hüpfburg, einem Festzelt, das aus allen Nähten platzte.

„Gezeigt, dass in unserer Stadt kein Platz für Nazis ist“

Und dazwischen entspannt vor sich hin strickenden Frauen, die Ruhe selbst als wäre nichts. „Wir haben gezeigt, dass in unserer Stadt kein Platz für Nazis ist“, sagt stolz Michael Schlitt vom Internationalen Begegnungszentrum Kloster Marienthal, Pranges Mitstreiter. Rechnung aufgegangen, Glück gehabt, keine Gewalt, kein Imageschaden, im Gegenteil. Bedenkt man, was alles hätte passieren können, ist Ostritz mit einem braunen Auge davongekommen. Sieg für den  Aufstand der Anständigen.

Sonntagmittag, überall im Ort das große Aufatmen. Die Neonazis ziehen ab, ihre Feier ist seit den späten Nachtstunden vorbei. Auch viele Gegendemonstranten von „Rechts rockt nicht“, der linken Musikfeier, sind längst auf dem Heimweg.

Polizei zieht zufrieden Bilanz

Die Polizei, die mit rund 1000 Beamten dafür sorgte, dass sich nicht die falschen Leute zu nahe kamen, zieht zufrieden und entspannt Bilanz. Die befürchteten Ausschreitungen sind ausgeblieben. Polizisten aus mehreren Bundesländern, dazu Kollegen aus Polen und Tschechien, waren in und um Ostritz präsent. Das wirkte wohl: Keine Schlägereien, keine Randale, keine eingeworfenen Scheiben oder demolierte Häuser.

Was festgestellt wurde, war der übliche Kram, man fand angeblich ein paar Messer und verbotene Transparente, ein bisschen Cannabis. Ansonsten ging es um das „Verwenden von Kennzeichen verfassungsfeindlicher Organisationen“: Ein paar Leute zeigten den Hitlergruß. Andere liefen mit verbotenen T-Shirts herum. Am Sonnabend zog die Polizei auf dem Gelände des Neonazi-Festivals alle T-Shirts ein, die mit der Aufschrift „Arische Bruderschaft“ bedruckt waren.

Großes Betrinken am Supermarkt

Es hatte ein Alkoholverbot für das Festivalgelände gegeben, erlassen vom Landratsamt Görlitz, bestätigt vom Bautzener Oberverwaltungsgericht. Es führte dazu, dass Neonazis in Gruppen zum Supermarkt gingen, sich dort mit Bier und Schnaps eindeckten, sich betranken und dann zum Festgelände zurückwanderten. Zwischendrin hin und wieder Geschimpfe und kleine Reibereien mit Gegendemonstranten, angeblich eine blutige Nase eines Neonazis. Aber die Polizei verhinderte auch dort Schlimmeres.

„Der Kampf gegen Rechts muss aus der Mitte der Gesellschaft heraus geführt werden“, hatte Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) am Freitagabend gesagt, als er als Schirmherr das Friedensfest eröffnete. „Ich verurteile diese Demonstration der Rechtsextremisten auf das Schärfste.“ Es sei den Leuten in Ostritz nämlich nicht egal, welchen Ruf ihre Stadt habe, so der Ministerpräsident, offensichtlich zufrieden mit dem, was die Ostritzer selbst auf die Beine gestellt hatten. Offensichtlich auch erleichtert: Es sei nämlich gut, wenn Protest nicht verordnet werde, sondern von den Menschen selbst komme.

„Man steht zusammen“

Irgendwie, so der Eindruck, wirkt das große Friedensfest dieser kleinen Stadt ermutigend, ganz wie etwas, das sich Orte und Bürgermeister, denen ähnlich braune Heimsuchungen drohen, abgucken könnten.

„Man steht zusammen“, stellt die Grünen-Landtagsabgeordnete Franziska Schubert zufrieden fest. Sie kommt aus der Gegend und kennt sich aus. Sie meint die vielen Ostritzer, sie meint Sachsens Parteipolitiker von CDU bis Grüne, die sich sonst gerne verzanken und ineinander verhaken, aber an diesem Wochenende mal Einigkeit zeigen. „Das Ostritzer Beispiel sollte Schule machen“, findet sie. Wer weiß, vielleicht tut es das ja. Bürgermeisterin Prange gibt sicher gerne Auskunft.