Jena - Lothar König grummelt wie ein aufziehendes Gewitter. „Konstantin Wecker? Auf keinen Fall. Der nicht. Bitte nicht!“ Er grummelt weiter, man versteht ihn nicht genau, und Hannes, der neben ihm am Schreibtisch sitzt, macht eine neuen Vorschlag. „Ton, Steine, Scherben?“ – „Ja , Ton, Steine, Scherben. Und Beethoven, die Neunte“, brummelt Lothar König weiter. „Aber nicht eine mit Karajan, eine mit dem aus Leipzig, dem Dings, wie heißt der noch?“ „Masur, Kurt Masur?“, fragt Hannes vorsichtig. „Ja, den meine ich. Kurt Masur.“

Lothar König, 59, Jahre alt, barfuß in Sandalen, Cargohose, Schlabberhemd, ein Bart biblischen Ausmaßes, ist der Jugendpfarrer von Jena. Er sieht ein bisschen wie ein Obdachloser aus, dieser linke Gottesmann. An diesem Spätnachmittag sitzt er mit Hannes, seinem Mitarbeiter, zusammen und sucht die Musik aus, die sie am Abend auf der Demonstration gegen Rechtsextreme spielen wollen.

Lothar König ist ein guter Gesprächspartner für alle, die etwas über das Terror-Trio Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe wissen wollen. Er kann erzählen, was los war Anfang der Neunziger in Jena. Wie das war, als sich Jugendliche radikalisierten, als sie auf einmal nicht mehr Frisuren wie Dieter Bohlen trugen, sondern Glatze.

Die haltlosen Jahre

Der Jugendpfarrer König sitzt in seinem Büro an einem Tisch, der mit CDs, Papier, Kaffeetassen, Gläsern, Kannen und Mobiltelefonen überladen ist. Es sieht hier nicht aus wie in einem Haus der Jungen Gemeinde, eher schon wie in einem verrauchten Pub in Dublin.

Lothar König kennt sie seit den Anfängen, die Neonazis, die Kameradschaft Jena. Er kennt die Zeit, in der die braune Bewegung groß wurde. Die haltlosen Jahre nach der Wende, als die Verhältnisse so verunsichernd waren, dass viele erst mal losrannten. Ohne zu wissen, wohin. Er kennt Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe, den Weg, den sie nahmen. Ein Weg, der für die beiden Männer am 4. November mit dem Tod in einem Wohnmobil in Eisenach endete. Und für ihre Kumpanin vier Tage später in einer Chemnitzer Gefängniszelle.

Sie waren eine Dreierbande und Uwe Mundlos war der Anführer. „Der Schlaue“, sagt Pfarrer König. „Ein pfiffiges Kerlchen.“ Sohn eines Informatikprofessors, mit einem behinderten älteren Bruder. Naturwissenschaftlich interessiert, gut in Mathe und Physik, „so ein Genauer“. Einer, der zu DDR-Zeiten Westwaren hatte, vermutlich wegen des Professoren-Vaters. Die Eltern leben in Jena, mit ihnen könne man aber nicht reden. „Da ist zu.“

Böhnhardt sei anders gewesen, ein „Naziproll“, sagt der Pfarrer. Hilfsarbeiter, Kampfsportler. Der habe Waffen geliebt, vor allem Dolche. So ein Mitläufertyp, der Handlanger vom Mundlos, grob und schnell, wenn es ums Zuschlagen ging. Eigentlich einer, der dem Mundlos suspekt und unangenehm gewesen sein müsste.