Berlin - Wie präsentiert sich jemand, der noch vor kurzem des Landesverrats beschuldigt wurde, nun aber dadurch eine Art Superstar mit Bekanntheit weit über die Internet-Szene hinaus geworden ist? Markus Beckedahl, Gründer des Blogs Netzpolitik.org, kommt in Jeans und T-Shirt auf die Bühne in der Berliner Kulturbrauerei – und mit dem Rucksack, in dem er immer seinen Laptop herumträgt. „Ich muss erst mal kurz was trinken“, sagt er. Dann legt er los.

Die Empörung über die Ermittlungen gegen Beckedahl wegen der Veröffentlichung von Ausschnitten aus einem als vertraulich eingestuften Verfassungsschutzbericht hat Spuren in der politischen Landschaft hinterlassen. Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) versetzte Generalbundesanwalt Harald Range in den einstweiligen Ruhestand. Beckedahl fordert auf der von ihm organisierten Konferenz „Das ist Netzpolitik!“ weitere Aufklärung. „Die Landesverratsermittlungen sind eingestellt, aber viele Fragen sind noch offen“, befindet er.

Beckedahl setzt seine Hände zur Untermalung des Gesagten nur sparsam ein, dafür wippt er hinter dem Rednerpult immer wieder mit den Füßen. Nervosität? Ungeduld? Er will wissen, wer alles hinter den Ermittlungen steckte. Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen sei ohne jeden Zweifel einer der Haupttäter, befindet der Aktivist und Journalist. „Aber Maaßen wird das Ganze nicht ohne Rückendeckung aus der Politik gemacht haben.“

Beckedahl ist niemand, der in den Mittelpunkt drängt. Am Rande der Konferenz erzählt er, die Ermittlungen hätten ihm „den Sommerurlaub ruiniert, in dem ich endlich mal so richtig Offline-Zeit nehmen wollte“. Aber für die Sache will er seine neue Bekanntheit nutzen. Die Ermittlungen seien „ein Angriff auf unsere kritische Arbeit“ gewesen, sagt er auf der Bühne. „Aber es war vor allem auch ein Angriff auf unsere Kultur. Wir sagen ganz klar: Uns liegen Dokumente nicht nur vor, wir veröffentlichen sie auch.“

Die Konferenz eröffnet Gleichgesinnten ein Forum, um sich über den Stand der Dinge im NSA-Untersuchungsausschuss des Bundestags auszutauschen, um sich in ihrem Widerstand gegen die Vorratsdatenspeicherung weiter zu vernetzen und um sich über Fachthemen auszutauschen. Gleichzeitig bietet sie aber auch einen Einblick darin, wie unterschiedlich netzpolitische Akteure sein können.

Denn einer der Gäste ist Thomas Fischen, seit Mitte Juli Sonderbeauftragter für Cyber-Außenpolitik im Auswärtigen Amt. Der Mann mit dem angegrauten Bart kommt nicht mit Rucksack, sondern mit einer Aktentasche auf die Bühne. Er trägt einen dunklen Anzug und eine Krawatte, die von weißen Rechtecken geziert ist. Bevor er spricht, verlassen viele den Saal – weil parallel ein Workshop zum Thema „Überwachungsgesamtrechnung“ stattfindet.

Cyber-Außenpolitik und Terrorismusbekämpfung unter einem Hut

„Ich finde es sehr nett, dass Herr Beckedahl nach allem, was vorgefallen ist, einen Vertreter der Bundesregierung zu dieser Diskussion einlädt“, sagt Fitschen. Ihm fällt es aber nicht ganz leicht, zu beschreiben, wie eigentlich seine Arbeit genau aussieht. In der Diplomatie gehe es oft darum, Sprache in die Welt zu setzen, damit diese irgendwann die Wirklichkeit verändere, erklärt er. Wenn international fünfmal eine Resolution verabschiedet würde, die klarstelle, dass Online dieselben Recht gelten wie Offline, kämen die Akteure dahinter nicht mehr so leicht zurück.

Dann ist da noch eine Sache. Fitschen ist nicht nur Beauftragter für Cyber-Außenpolitik, sondern auch für Vereinte Nationen und Terrorismusbekämpfung. Die Kombination weckt Bedenken, es könne künftig mehr um Sicherheitspolitik gehen als beispielsweise um Freiheit für Blogger in Ländern, in denen es Probleme mit der Meinungsfreiheit gibt. Fitschen hingegen spricht einfach von „unterschiedlichen Hüten“, die er aufhabe.

Beckedahl will sich in Ruhe anschauen, was Fitschen tut. „Die Bundesregierung ist kein Monolith“, sagt er. Auch dort gebe es Menschen, die sich für eine gute Netzpolitik einsetzen. „Und die, die das Gegenteil davon umsetzen.“

Auch Fitschen sagt, er suche den Dialog.  Zum Abschied nimmt er einen Aufkleber mit, auf welchem steht: „Der Verfassungsschutz warnt: netzpolitik.org gefährdet die Sicherheit unserer Geheimdienste.“