Ein Gemälde von General Bersarin im Keller des Kunstsalons Posin in Berlin.
Foto: imago images/Emmanuele Contini

 Es ist eine kuriose Randnotiz der Berliner Nachkriegsgeschichte, dass die Erinnerung an den russischen Stadtkommandanten Nikolai Bersarin lange vor allem in der gesellschaftlichen Enklave des Pferdesports hochgehalten wurde. Das „Bersarin-Rennen“ auf der Trabrennbahn in Karlshorst war zu DDR-Zeiten, aber auch später, in erster Linie jenem Mann gewidmet, der das Überleben dieser Randsportart in den ersten Nachkriegswochen überhaupt ermöglicht hat. Bersarin hat die von Bombeneinschlägen geschädigte Karlshorster Rennbahn notdürftig als Schlackepiste herrichten lassen und großzügige Futterrationen für fast verhungerte Pferde zugeteilt, weil er der Überzeugung war, dass die Berliner nicht nur Nahrung benötigten, sondern auch Ablenkung und Unterhaltung. Und so fand das erste Nachkriegsrennen bereits am 1. Juli 1945 statt. Bersarin selbst hat es nicht erleben können. Kurz zuvor war er durch einen Motorradunfall ums Leben gekommen.

Dass in jüngerer Vergangenheit sehr viel mehr über die kulturschaffend-pragmatische Rolle Bersarins zu erfahren war als in vielen Jahrzehnten zuvor, hat gewiss auch damit zu tun, dass das Gedenken an den 8. Mai immer auch von den jeweils geltenden ideologischen Parametern in Ost und West überlagert war.

Gedenktage dienen nicht zuletzt der Zementierung historischer Deutungshoheit, und in der Bundesrepublik tat man sich lange schwer mit der Erkenntnis, dass die Grundlagen der bürgerlichen Freiheit, also eben auch die Wiederbelebung von Freizeit- und Kulturereignissen, einem russischen General zu verdanken waren, der einfach nur zupackend und klug gehandelt hat.

Geschichtspolitische Debatten drehten sich in Deutschland oft notwendigerweise um Fragen der Schuld, des Verdrängens und einer unbedingten Verpflichtung auf Erinnerung. Leider gibt es noch immer oder schon wieder einflussreiche politische Milieus, die nicht zu akzeptieren bereit sind, dass historische Verantwortung im Kontext nationaler Identitätsbildung weder abgeschüttelt werden kann noch sollte.

Und so gehört zum Gedenken an den 8. Mai stets auch der Verweis darauf, dass es erstaunlicherweise bis zum Jahr 1985 dauerte, ehe Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seiner längst klassisch gewordenen Rede einem neuen und durchlässigen Verständnis vom Kriegsende und der Befreiung vom Nationalsozialismus den Weg bereitet hat.

Eine pflichtgemäße Erinnerung ist keine, und möglicherweise hat die lange vernachlässigte Geschichte Bersarins auch damit zu tun, dass sie davon handelt, was nach dem 8. Mai kam. Es schien nicht opportun, der Wiederaneignung des zivilen Lebens einen größeren Platz einzuräumen, weil derlei Erzählungen immer auch im Verdacht standen, das vorausgegangene Leid und die angehäufte Schuld relativieren zu wollen.

Zu den bemerkenswerten Begleiterscheinungen der Auseinandersetzung mit Geschichte gehört die paradoxe Entdeckung, dass sich das historische Wissen mit dem Vergehen von Zeit nicht verringert, sondern durch die Möglichkeit, neue und wechselnde Perspektiven einzunehmen, immer wieder befruchtet wird.

So hat Harald Jähner in seinem Buch „Wolfszeit“ deutlich gemacht, dass die Nachkriegsjahre sehr wohl durch Hunger, Verzicht und Ungewissheit, aber eben auch durch Lebensfreude, Neugier und eine atemberaubende Kombinierlust geprägt waren. Die Krieg und die sozialen Zurichtungen des Nationalsozialismus hatten dramatische Verheerungen angerichtet, die Energien zum Weitermachen aber nicht zum Verschwinden gebracht.

Es ist sicher vermessen, die Zerstörungen des Krieges mit den destruktiven Kräften der angehaltenen Corona-Zeit vergleichen zu wollen. Zum 75. Jahrestag des Kriegsendes aber liegt es nahe, den Moment der Rückbesinnung zu nutzen, um ihn auf die Zukunft zu richten. Nach einer langen Phase des Friedens und eines bis dahin nicht gekannten materiellen Wohlstandes jedenfalls scheint dieser Tage nichts dringlicher als die Wiederherstellung eines öffentlichen Lebens, nachdem die Menschen eine Ahnung von der gefährdeten Zukunft erfahren haben.