Berlin - Die Berliner SPD hat zum ersten Mal in ihrer Geschichte ein Führungsduo. Franziska Giffey und Raed Saleh sind erwartungsgemäß an die Spitze der Berliner SPD gewählt worden. Das Ergebnis war eindeutig: Für Giffey stimmten 89,4 Prozent der Delegierten, Saleh schnitt mit 68,7 Prozent sehr viel schlechter ab.

Am Freitag haben beide in ihren Reden betont, wie sehr die Berliner SPD davon profitieren wird, dass nun zwei Leute an der Spitze stehen. Doch nach dem ersten Eindruck kann man nur hoffen, dass Giffey schnell und energisch die Führung übernimmt. Doktorarbeit hin, Doktorarbeit her. Der SPD-Fraktionsvorsitzende Saleh präsentierte sich auf dem Parteitag als Schwärmer. Eine „Politik des Herzens“ möchte er machen, ursozialdemokratische Werte verteidigen. Sozialdemokratisch genügt offenbar nicht mehr. Das ist so übertrieben, dass es sofort Misstrauen erweckt. Schließlich ist Saleh in der Vergangenheit eher als Strippenzieher aufgetreten, der sich nicht scheut, politische Gegner wegzubeißen. Und jetzt kommt er uns als Lady Di?

Giffey ist sich da schon eher treu geblieben. Mit fester Stimme und unerschütterlichem Lächeln präsentierte sie gleich fünf Punkte, in denen sie Berlin verbessern will. Die Botschaft war klar und erwartet: anpacken, besser machen, Wir-Gefühl schaffen, niemanden zurücklassen. Sie inszenierte ihre Rückkehr nach Berlin aber schon in einer Weise, in der klar wird, wer hier wem einen Gefallen tut – nämlich Franziska Giffey der Hauptstadt und nicht umgekehrt. Die Doktorarbeit erwähnte sie mit keinem Wort, der Nebensatz „egal, was die Leute reden“ bezog sich einmal kurz auf diese Malaise. Das ist der riskanteste Punkt an ihrer Kandidatur. Wenn es im Frühjahr noch einmal darum geht, ob ihr der Doktortitel von der FU nun wirklich aberkannt wird oder nicht, dann wird das Thema unweigerlich wieder hochkochen. Und dann werden vielleicht weniger die Plagiate darin als Giffeys Umgang mit der heiklen Sache zum Problem werden.

Dennoch wird die SPD vermutlich an ihr festhalten. Der Parteitag zeigte, dass Andreas Geisel, der kurzzeitig als Alternative ins Gespräch gebracht wurde, garantiert keine ist. Er präsentierte sich fahrig und merkwürdigerweise wenig führungsstark.

Es mag natürlich auch an den seltsamen Umständen des digitalen Parteitags gelegen haben, bei dem die Reden aus einem leeren Saal im Estrel in die Wohnzimmer der Delegierten gestreamt wurden und die Politiker in die Kamera sprechen mussten – ohne Feedback und Applaus. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller kam damit interessanterweise am besten klar. Dabei musste er sogar als Erster ran. Doch er wirkte gelassen und kämpferisch zugleich. Eine gute Mischung. Hätte er die mal öfter in Berlin so gezeigt.