Mit sogenannten Fieberambulanzen will Bundesgesundheitsminister Jens Spahn das Land für den befürchteten Anstieg der Corona-Infektionszahlen in der kühleren Jahreszeit wappnen. 
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Berlin - Im Sommer war es einfacher: Cafés und Restaurants erweiterten ihre Außengastronomie, Sport war im Freien möglich, Treffen mit Freunden auch. Und wer sich doch drinnen aufhalten musste, konnte wenigstens die Fenster zur Dauerlüftung öffnen. All das wird mit sinkenden Temperaturen schwieriger, zum Teil unmöglich werden – mit vorhersehbaren Folgen. Schon jetzt verzeichnen die Gesundheitsämter erneut steigende Infektionszahlen, zuletzt lag die Ansteckungsrate bei 1000 bis 2000 Neuinfektionen pro Tag. „Ein weiterer Anstieg der Zahlen ist auf keinen Fall auszuschließen“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in Berlin. In einigen Nachbarländern stiegen die Infektionszahlen bereits nahezu unkontrolliert. „Wir haben keinen Grund selbstgefällig zu glauben, dass das bei uns nicht auch geschehen könnte.“

Die Bundesregierung hat dementsprechend eine überarbeitete Strategie im Umgang mit der Corona-Pandemie angekündigt. Sie soll bis zum 15. Oktober umsetzungsbereit sein. Dazu müssen auch die Bürger beitragen. 

Was fordert Bundesgesundheitsminister Jens Spahn von den Bürgern?

„Ich kann die Bürgerinnen und Bürger nur bitten, zu überlegen, ob eine Feier sein muss oder nicht“, sagte Spahn (CDU) am Montag. Gerade Hochzeitsfeiern und religiöse Feiern würden das Infektionsgeschehen in die Höhe treiben. Der Gesundheitsminister ärgert sich über „private Wiesnfeiern“. Mit der Absage des Oktoberfests sollte vermieden werden, dass sich das Infektionsgeschehen durch viele Personen auf engem Raum ausbreitet. „Das Virus ist der Spielverderber, nicht wir“, bekräftigte der Minister erneut. Außerdem fordert er die Bürger auf, weiterhin Masken zu tragen und Abstand zu halten.

Wie sieht die neue Teststrategie aus?

Neue Antigen-Schnelltests sollen schnelle Ergebnisse beispielsweise in Pflegeheimen und Krankenhäusern ermöglichen. Dadurch soll verhindert werden, dass das Virus in die Einrichtungen eingeschleppt wird. Auch sollen spezielle Fieberambulanzen und Schwerpunktsprechstunden in Praxen eingerichtet werden. „Entscheidend ist, dass Patienten mit Atemwegserkrankungen nicht im selben Raum sitzen wie Patienten, die keine haben“, erklärte Spahn. Neben der Zahl der Neuinfektionen soll auch die Auslastung des Gesundheitssystems im Blick behalten werden, um die Lage richtig einschätzen zu können. Außerdem wird die Quarantänezeit reduziert: Aus Risikogebieten einreisende Personen sollen einer zehntägigen Quarantäne unterliegen, mit einem Coronatest kann sie nach fünf Tagen aufgehoben werden. Zudem sollen die Aussteigerkarten von Fluggästen stärker kontrolliert werden. 

Wo liegt der Stress-Faktor?

Zoff scheint es vor allem zwischen den Ländern und der Bundesregierung zu geben. „Wir haben Ende August vereinbart, dass es keine größeren Öffnungsschritte geben wird“, sagte Spahn. „Ich wünsche mir, dass wir darüber sprechen, was es heißt, keine größeren Öffnungsschritte zu gehen.“ Heißt: Die Länder halten sich nicht dran. Stattdessen diskutieren beispielsweise Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, wann und wie Diskotheken und Clubs wieder geöffnet werden können.

Was gilt für die Schulen?

In ihrem Podcast am Wochenende erst hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Wichtigkeit der Digitalisierung an Schulen betont, um auch im Falle von erneuten Schulschließungen den Unterricht fortsetzen zu können. „Kinder dürfen nicht die Verlierer der Pandemie sein“, sagte sie. Für einige Kinder dürfte diese Einsicht spät kommen: Laut einer Forsa-Umfrage aus der vergangenen Woche sind mehr als 70 Prozent der Befragten der Ansicht, dass die Bildungschancen von Kindern in der Zeit der Pandemie etwas oder stark gesunken sind. Bei den Bildungschancen von sozial benachteiligten Kindern glauben das sogar 81 Prozent. Immerhin scheinen sich inzwischen alle Beteiligten darüber einig zu sein, dass flächendeckende Schulschließungen wie im Frühjahr vermieden werden müssen. Sollte es aber doch dazu kommen, will die Bundesregierung vorbereitet sein.

Bei einem Gipfel im Kanzleramt am Montagabend haben die Bundeskanzlerin, Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU), SPD-Chefin Saskia Esken und die Kultusminister der Bundesländer über die Lage an den Schulen und über weitere Schritte bei der Schuldigitalisierung beraten. Dabei ging es unter anderem um den Anschluss der Schulen an schnelles Internet, die Fort- und Ausbildung von Lehrern und der Aufbau bundesweiter Online-Bildungsinhalte. Schon während der letzten Monate war das milliardenschwere Förderprogramm „Digitalpakt Schule“ (5,5 Milliarden Euro) für den Aufbau der Infrastruktur an den Schulen im Zuge der Corona-Krise um 500 Millionen Euro vom Bund aufgestockt worden. Mit dem Geld sollen zum Beispiel bedürftige Schüler mit Leihgeräten ausgestattet werden.

Daneben wurden Forderungen laut mit Blick auf das Thema Belüftung in der bevorstehenden kalten Jahreszeit. Geklärt werden müsse, ob Luftfilter flächendeckend eingesetzt werden und Kohlendioxid-Messgeräte eine schnell einsetzbare Alternative sein könnten, hieß es in einer gemeinsamen Mitteilung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, des Verbands Bildung und Erziehung und des Bundeselternrats. „Dabei dürfen die Kosten für den Einsatz der Geräte kein K.o.-Kriterium sein.“

Wie geht es weiter?

Am kommenden Dienstag treten die Ministerpräsidenten mit der Bundeskanzlerin in einer Videokonferenz zusammen, um über die weiteren Corona-Maßnahmen zu sprechen. Vertraute mehrerer Konferenzteilnehmer bestätigten einen entsprechenden Kalendereintrag gegenüber der Berliner Zeitung.