Neuer Bundespräsident: Gaucks politische Ansichten - und wer sich daran stören wird

Agenda 2010: Ohnehin ist Gauck den heutigen Sozialdemokraten und Grünen zu neoliberal. Rot und Grün tut mittlerweile alles, um vergessen zu machen, dass sie es waren, die in ihrer letzten gemeinsamen Regierungszeit die schmerzhaften Sozialreformen der Agenda 2010 verabschiedet hatten. Gauck dagegen äußerte sich - ausgerechnet im Jahr 2010 - höchst zustimmend zum Prinzip Fördern und Fordern.

"Wir müssen uns nicht fürchten, auch in den Problemzonen der Abgehängten Forderungen zu stellen", sagte er bei einer Veranstaltung zum 20. Jahrestag der Wiedervereinigung Berlins. "Es schwächt die Schwachen, wenn wir nichts mehr von ihnen erwarten." Zwar sei es unmenschlich, Schwachen etwas abzuverlangen, was sie total überfordert, und unbarmherzig, ihnen die erforderlichen Hilfen zu verweigern. "Aber es ist auch gedankenlos und zynisch, so zu tun, als könnten alle die Menschen nichts tun, die im Moment nichts haben."

Integration von Migranten: Dies war das Thema, um das sich Ex-Präsident Wulff wirklich verdient gemacht hat. Gauck dagegen zeigt nicht sehr viel Sympathie für die Schwierigkeiten von Zuwanderern, den Weg in die deutsche Gesellschaft zu finden. Weder Rot noch Grün (und sicher auch nicht Kanzlerin Merkel) werden es begrüßt haben, dass ihr Kandidat die Ausländerpolemik von Thilo Sarrazin als "mutig" anpreist.

In der Rede zur Berliner Wiedervereinigung bekräftigte Gauck, Migranten müssten ihren Beitrag zur Integration leisten. "Wenn eingewanderte Familien sich noch jahrelang der Landessprache verweigern, dann werden alle Integrationsbemühungen scheitern", sagte er. Sicher, falsch ist das nicht. Aber der Ton macht die Musik.

Afghanistan-Einsatz: Bei Rot-Grün wächst seit Jahren schon das Unbehagen über den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr, den sie selbst unter Kanzler Schröder beschlossen hatten. Gauck hat damit weniger Probleme. Die Regierung müsse ihre Politik besser erklären, forderte er 2010 in einem "Spiegel"-Interview.

"Beispiel Afghanistan: Warum sagen wir nicht in klaren Worten, was los ist? Dass unsere Soldaten dort im Auftrag der Vereinten Nationen Terrorismus bekämpfen und daneben noch eine Menge Gutes für die Menschen in Afghanistan tun."

Kommunismus-Kritik: Sie hat Gaucks ganzes Leben geprägt, sie bleibt sein bestimmendes Motiv. Eine der schlimmsten Erfahrungen des jungen Gauck war die Rückkehr seines Vaters aus sowjetischer Gefangenschaft, eines abgemagerten Mannes, der fast keine Zähne mehr hatte. In seinem Nachwort zum "Schwarzbuch des Kommunismus" ging Gauck sogar soweit, Willy Brandts Entspannungspolitik anzugreifen. Sie habe "ihre eigene Problematik" gehabt.

"Im Rückblick erscheint mir der Verlust, den die Taktik des friedlichen Ausgleichs mit sich brachte, höher als der Gewinn." Muss es bei solchen Worten nicht jeden aufrechten Sozialdemokraten schütteln?

Von sich selber sagt Gauck, nicht ganz uneitel, er sei links, liberal und konservativ. Was wir bisher von ihm wissen, trägt eine solche Einschätzung nicht unbedingt. Wir sind gespannt auf die ersten Auftritte unseres neuen Staatschefs - und darauf, wer dann am lautesten mit den Zähnen knirscht.