Nicht nur Jugendlichen fällt es zunehmend schwer, politisch wenigstens einigermaßen durchzublicken: US-Präsident Donald Trump will nicht länger wie seine Vorgänger der natürliche Führer der westlichen Welt sein. In Europa erleben nationalistisch-populistische Strömungen eine Wiedergeburt. In Deutschland hat ein erheblicher Teil der SPD-Mitglieder die Lust am Regieren verloren. Und das Internet ist voller Fake-News.

Berlins oberste Schülervertreter haben bereits vor Jahren erkannt, dass die Schüler auf die zunehmend unübersichtliche Weltlage und auf die Demokratie besser vorbereitet werden müssen. Sie forderten beharrlich, in den Klassen 7 bis 10 endlich wieder ein eigenständiges, benotetes Schulfach Politische Bildung einzurichten. „Bei einer Umfrage unter Oberschülern in Steglitz-Zehlendorf wussten 80 Prozent nicht, was bei einer Wahl der Unterschied zwischen Erst- und Zweitstimme ist“, sagte Franz Kloth, Sprecher des Landesschülerausschusses. Dabei müssten sie doch wissen, wie die Demokratie aufgebaut ist, um sich beteiligen zu können.

Die Stundenzahl bleibt gleich

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) machte sich dieses Ansinnen zu eigen. Damit fingen die Probleme erst richtig an. Es gab langwierige Verhandlungen mit den Fachlehrerverbänden. Weder die Geschichts- und Geografie- geschweige denn die Ethik-Lehrer wollten eine Stunde hergeben, damit Politik rechnerisch einmal pro Woche unterrichtet und somit wieder benotet werden kann. Es galt das Sankt Floriansprinzip. Hände weg von meinem Schulfach!

Am Mittwoch nun präsentierte Scheeres eingerahmt von allen Vorstandsmitgliedern des engagierten Landesschülerausschusses öffentlich eine Art Entscheidung. Und die ist mindestens so kompliziert wie das Prozedere dorthin: Der Lernbereich Gesellschaftswissenschaften mit Geschichte/Politischer Bildung und Geografie wird um Ethik erweitert. Das Fach Politik soll nun nicht mehr wie bisher hinten runterfallen. Aktuelle politische Fragen sollen dort debattiert werden. „Es müssen alle diese Fächer in jedem Jahrgang unterrichtet und auf dem Zeugnis ausgewiesen werden“, sagte Scheeres. Eine Stundenerhöhung wird es nicht geben.

Schock und Überraschung

Wie das? Indem die einzelnen Fächer verschoben werden können. Insbesondere das bisher sakrosankte Fach Ethik dürfte Federn lassen. Derzeit wird es in der Mittelstufe wöchentlich zweistündig unterrichtet. Nun darf pro Doppeljahrgang jeweils eine Stunde Ethik für Politik abgezweigt werden. Wahlweise können die Schulen auch Abstriche bei Geschichte oder Geografie machen. In einer Verordnung sollen Mindest- und und Maximalstundenzahl der einzelnen Fächer festgelegt werden. Gelten soll das ab dem Schuljahr 2019/20, im nächsten Schuljahr gibt es für Politik bereits eine Teilnote auf dem Zeugnis.

„Überrascht und schockiert bin ich“, sagte Dankfried Gabriel vom Ethik-Fachlehrerverband in einer ersten Reaktion. Offenbar dachte er, das erst 2006 nach dem „Ehrenmord“ an Hatun Sürücü eingeführte Fach Ethik werde von einer SPD-geführten Bildungsverwaltung nicht angefasst. Schließlich hatte die SPD es eingeführt. Und gerade jetzt kommen die für das Fach ausgebildeten Ethiklehrer aus den Unis. Doch auch Schulfächer sind abhängig von Zeitläufen. Henning Franzen vom Philosophielehrer-Verband sprach gar von einer „Umetikettierung einzelner Fächer“.

Es kommt auf den Lehrer an

Die Gymnasial-Schulleiter hingegen lobten das Ergebnis, hatten dies auch vorgeschlagen. Vehement hatten sie gegen eine zuvor erwogene Stundenerhöhung mobil gemacht, auch weil ihre Schüler wegen des Turbo-Abiturs bereits einen prallen Stundenplan haben.

Mehr war deshalb nicht drin, auch wenn es ein wenig wie die Quadratur des Kreises wirkt. Das Ganze soll nun bestenfalls fächerübergreifend und abwechselnd unterrichtet werden. Das wäre wünschenswert, weil wöchentlich abgehaltene Ein-Stunden-Fächer den Schüler bekanntlich wenig bringen.

Die obersten Schülervertreter jedenfalls haben während dieses quälend langen Prozess viel gelernt über die Mühen der Ebene in solchen Verfahren. Erschrocken waren sie darüber, dass die Fachlehrer-Verbände ihre Eigeninteressen stets über das große Ziel, nämlich mehr Demokratieerziehung zu erwirken, stellten. Auch beklagten die Schülervertreter sich über Indiskretionen. Sie jedenfalls haben ihre Extra-Stunden in Politischer Bildung bereits bekommen. Ob von der geplanten Neuregelung alle Schüler profitieren, wird nun von der Qualität jedes einzelnen Pädagogen abhängen.