Thomas Thiele (l), Tischlermeister, und sein Mitarbeiter montieren die Tür zum Grundstück der Synagoge Halle/Saale.
Foto: dpa/Hendrik Schmidt

HalleNeun Monate nach dem rechtsterroristischen Anschlag in Halle ist die mit Einschusslöchern versehene Eingangstür zur Synagoge der Jüdischen Gemeinde ausgewechselt worden. In Präzisionsarbeit setzte der Dessauer Tischlermeister Thomas Thiele die neue Tür ein. Er hat beide Eichentüren per Hand gefertigt. Mit gemischten Gefühlen gehe er an die mehrstündige Arbeit, sagt er angesichts der Bedeutung der Tür, die vielen Menschen in Todesangst am Ende das Leben gerettet hat.

Thiele beschreibt sich als Handwerker mit Herzblut. Bescheiden tritt er auf. Doch mit seiner Hände Arbeit hat der 47-Jährige dazu beigetragen, dass mehr als 50 Menschen am 9. Oktober 2019 in der Synagoge nicht getötet wurden. Denn Thiele hat die Tür gebaut, die dem terroristischen Anschlag eines Rechtsextremisten am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur standgehalten hat - wie durch ein Wunder, betont der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Halle, Max Privorozki.

Zwei Menschen verloren an dem Tag dennoch ihr Leben, als der Attentäter eine 40 Jahre alte Passantin vor der Synagoge und einen 20-Jähriger in einem nahen Dönerimbiss kaltblütig erschoss. Mindestens zwei Menschen verletzte er auf seiner Flucht schwer, bevor er von der Polizei kilometerweit entfernt in einem Auto gestoppt werden konnte.

Die Emotionen kommen bei Privorozki wieder hoch, als der Handwerker die alte Tür entfernt. Sie soll zentraler Bestandteil eines Mahnmals werden. Im Oktober dieses Jahres soll es fertig sein, gestaltet von einer jungen Künstlerin. Oberbürgermeister Bernd Wiegand (parteilos) beschreibt seine Gefühle so, als er am Tatort steht: «Es ist wie ein Film, der sich immer wieder wiederholt». Das Attentat habe eine Narbe in der Stadt hinterlassen. Ein Trauma sei es vor allem für die Menschen, die Familien, die in dem Wohngebiet leben - unmittelbar Tür an Tür mit der Synagoge, schildert ein Anwohnerin.

«Es ist für mich bis heute nicht vorstellbar, was gewesen wäre, wenn meine Tür nicht gehalten hätte, wenn es noch mehr Opfer gegeben hätte», sagt Thiele mit belegter Stimme. Dabei legt er zugleich in Millimeterarbeit letzte Handgriffe an für die neue, rund 160 Kilogramm schwere Tür. «Das ist die stabilste Tür, die ich je gebaut habe», sagt der gestandene Handwerker mit Schwielen an den Händen.

Immer wieder prüft Thiele sorgsam und konzentriert, ob alles korrekt ist an der neuen, zusätzlichen Sicherheitstechnik. Er streicht sanft über das dicke Eichenholz der zwei Meter hohen und 1,10 Meter breiten Massivtür. Viele schlaflose Nächte habe er hinter sich, dass auch ja alles richtig wird. Optisch gleicht die Sicherheitstür eins zu eins der Tür, die er 2010 gebaut hatte.

Deren Bild ging um die Welt - mit mehreren Einschusslöchern - mit einem Meer von Blumen, Kerzen und Fotos davor. Menschen schrieben Briefe an die Hinterbliebenen der Opfer. Trauer, Fassungslosigkeit und Proteste von Tausenden Menschen gegen Rechtsextremismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit bestimmten die Szenerie in Halle und andernorts.

Der heute 28 Jahre alte Attentäter steht nun vor Gericht. Die Bundesanwaltschaft wirft ihm vor, «aus einer antisemitischen, rassistischen und fremdenfeindlichen Gesinnung heraus einen Mordanschlag auf Mitbürgerinnen und Mitbürger jüdischen Glaubens» geplant zu haben.

Zu Prozessbeginn räumte der Beschuldigte die Vorwürfe im Wesentlichen ein. Er macht auch vor Gericht keinen Hehl aus seiner rassistischen Ideologie. 13 Straftaten werden dem Angeklagten angelastet, darunter Mord und versuchter Mord.

Privorozki ist einer der mehr als 40 Nebenkläger. Er erhofft sich von dem Prozess vor dem Oberlandesgericht Naumburg Aufklärung darüber, wie ein Mensch zu einem fanatischen Antisemiten und Mörder wird, und welche praktischen und geistigen Unterstützer er hatte. «Ich kann nicht glauben, dass er ein Einzeltäter war, es müssen Menschen davon gewusst haben - oder sie wollten es auch nicht glauben», sagt Privorozki. In der Nazi-Zeit hätten Menschen neben Konzentrationslagern und Krematorien gelebt. «Und sie wollten es nicht wissen, was dort passiert», sagt Privorozki.

Den Prozess versuchte der Attentäter zum Auftakt als Bühne zu nutzen. Das Gericht müsse ihn in die Schranken weisen, meint der Tischlermeister, der die Berichte mit Fassungslosigkeit verfolgte. Seine Tür - über die Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Weihnachtsansprache am 25. Dezember 2019 sagte: «Es ist ein Wunder, dass sie standgehalten hat. Dass nicht noch mehr Menschen diesem brutalen antisemitischen Anschlag zum Opfer gefallen sind - nicht noch mehr als die zwei, die ermordet worden sind.»

Hoffentlich müsse seine neue Tür niemals zeigen, was sie kann - Leben retten, sagt der Tischlermeister. «Und ich hoffe, dass wir noch Zeiten erleben, dass wir die Tür jederzeit öffnen können und jeder kann in die Synagoge», sagt Privorozki. Seit dem Anschlag bewacht die Polizei rund um die Uhr das Gelände der Synagoge.