NeuruppinFragt man Jens-Peter Golde, wie es um die Toleranz in seiner Stadt bestellt ist, dann holt er gerne weit aus. Dann erzählt der Bürgermeister von der Tradition Neuruppins als Garnisonsstadt. Erst die preußische, dann die Rote Armee – Generationen von Fremden, so viele, dass die Neuruppiner sich daran gewöhnt hätten. Dazu Tausende Vertragsarbeiter zu DDR-Zeiten. „Es ist für die Bevölkerung nichts Ungewohntes, wenn hier Fremde im Stadtbild zu sehen sind“, sagt Golde.

Das ist das eine Bild von Neuruppin. Man könnte ergänzen, dass es der Kreisstadt ganz gut geht. Es gibt viele kleine Unternehmen, Kreis- und Landesbehörden mit gut bezahlten Jobs, Touristen kommen in die Therme und an den Ruppiner See. Die Immobilienpreise in guten Lagen ähneln denen in Berliner Außenbezirken. Eine Bürgermeisterwahl sollte hier undramatische Routine sein. In diesem Jahr ist es wieder so weit, zum dritten Mal seit 2005 tritt Jens-Peter Golde an, neben dem 65-Jährigen stehen fünf Mitbewerber stehen zur Wahl – allesamt Männer.

Doch in diesem Jahr gibt es jemanden oder welche, die wollen diese Routine stören. Es begann am Abend des 20. Oktober. Goldes Dienst-Volvo parkte vor seinem Haus in der Nähe des Sees. Eine Nachbarin bemerkte Rauch am Wagen, alarmierte den Bürgermeister. Ein Grillanzünder hatte einen der Vorderreifen in Brand gesetzt. Später fand Golde eine Drohung in seinem Briefkasten. Weitere folgten per Mail. Er sei verbale Attacken gewohnt, sagt Golde. „Aber das hier hat eine andere Qualität.“

Doppelt so viele Attacken auf Kommunalpolitiker

Und es sind nicht nur die Attacken auf Golde. Kurz nach dem Anschlag auf Golde fielen acht Schüsse im Dörfchen Buskow, das zur Stadt gehört. Gerichtet waren sie auf das Wahlplakat von Goldes Herausforderer Michael Güldener, der für die Freien Wähler antritt. Kaliber, so heißt es: 9mm.

Anruf bei Güldener, fröhlich wünscht er einen „sonnigen Morgen“. Der 50-Jährige war mal Polizist, dann Personenschützer, heute betreibt er eine Sicherheitsfirma. Die Fragen beantwortet er erst einmal so professionell, dass sie als Texte auf seiner Wahlkampf-Homepage stehen könnten. Die Bürger wolle er vertreten, die Sorge um die Zukunft habe ihn in die Politik gebracht, und es könne doch nicht sein, dass Bauanträge ein halbes Jahr dauern.

Er hat viel für sich geworben in den letzten Wochen, das merkt man. Aber was könnte der Grund sein, mit scharfer Munition auf sein Plakat zu schießen, was ist da aus dem Lot geraten? Daraufhin wird das Gespräch nachdenklicher. Es gebe Menschen, die fühlten sich übergangen. „Und wir müssen mit diesen Menschen einen Konsens finden.“ Er sei für Klimaschutz und auch für die Aufnahme von Flüchtlingen, betont Güldener. Aber man müsse im Gespräch bleiben mit denen, die das nicht sind.

Kommunalpolitik ist demokratische Kärrnerarbeit. Der Wahlkampf findet nicht auf großen Bühnen statt, sondern in Vereinen und auf dem Baumarktparkplatz. Viel administrativer Kleinkram, wenig Ruhm – und trotzdem viele Feinde. Die Zahl der Beschimpfungen und Attacken auf Kommunalpolitiker soll sich innerhalb des vorigen Jahres verdoppelt haben, so das Ergebnis einer Forsa-Umfrage. Weil der Bahnhof nicht saniert ist und das Internet so langsam? Wohl eher, weil sie eben da sind, die Stadtverordneten und Bürgermeister, sich exponieren.

Ein seitenverkehrtes Hakenkreuz

Vielleicht, so mutmaßen viele in Neuruppin und auch Jens-Peter Golde, war es auch ein besonderes Zeichen der Toleranz, auf das der oder die Täter reagierten. Im Frühjahr hat sich Neuruppin als eine von sehr wenigen ostdeutschen Kleinstädten dem Bündnis Sicherer Häfen angeschlossen, die freiwillig Flüchtlinge aufnehmen wollen. Der Beschluss ging nicht auf Goldes Initiative zurück, aber er steht dazu.

Nach dem Brand im griechischen Lager Moria schrieb er einen Brief an die Bundeskanzlerin, dass seine Stadt zur Aufnahme obdachloser Geflüchteter bereit wäre. Gekommen sei nicht ein einziger, sagt Golde. Aufgeregt haben sich einige Neuruppiner trotzdem, vor allem in den sozialen Netzwerken. Und auch auf einem Wahlplakat tauchte eine Schmiererei auf: „Veräter des Volkes“ (sic!). Dazu ein seitenverkehrtes Hakenkreuz.

Vielleicht ist es auch die Coronakrise, die Existenzen bedroht und Nerven blank legt. Vielleicht hängen die Taten auch gar nicht zusammen. Immerhin brannten in Neuruppin dieses Jahr schon mehrere Autos und Gartenlauben. Vielleicht ist es aber auch eine neue, beunruhigende Normalität, dass angegriffen wird, wer Verantwortung übernimmt. Egal, wie wenig Anlass es dafür gibt.