Wer sich noch raus traut, trägt Mundschutz und hält Abstand …
Foto: ddp/Instar

New YorkEs ist keine 24 Stunden her, dass der New Yorker Bürgermeister Bill DeBlasio die Restaurants und Bars sowie die Schulen der Stadt hat schließen lassen und den Kampf gegen das Coronavirus mit einem Krieg verglichen hat, doch hier am Hudson ist von Ausnahmezustand keine Spur. Es ist Mittwoch, an sich ein ganz normaler Arbeitstag, aber die Parkanlage, die sich die ganze Länge der Insel Manhattan am Fluss entlang zieht, ist voller als gewöhnlich am Wochenende.

Es ist Frühling in New York, die Kirschbäume blühen hier unten und die vielen New Yorker, die nicht zur Arbeit müssen, genießen den Tag. Es wird gejoggt und Rad gefahren, Familien gehen zusammen spazieren. Väter, die sonst im Büro wären, werfen sich mit ihren Kindern die Bälle zu. Man genießt das unwirkliche Idyll, bevor die totale Ausgangssperre kommt, die DeBlasio für die kommenden Tage angekündigt hat.

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Erinnerungen an 9/11

Im Inneren der Insel bietet sich hingegen ein ganz anderes Bild, es ist, als sei Manhattan von innen nach außen gestülpt wie eine Socke. Die Wall Street, das Herz des Finanzdistrikts, ist ausgestorben, es werden Erinnerungen an 9/11 wach. Vereinzelte Touristen, die entweder nicht mehr rechtzeitig aus der Stadt gekommen sind oder ihre Reise trotz der Pandemie angetreten haben, fotografieren sich gegenseitig vor der Börse. Ein junger Mann nimmt ängstlich für das Foto seine Atemschutzmaske ab, um sie dann schnell wieder hinter die Ohren zu klemmen.

Der Inhaber eines Food-Trucks, der sonst zur Mittagspause hier das eilige Bürovolk mit Burritos versorgt, plaudert auf seine Theke gestützt mit dem Souvenirverkäufer von nebenan, dessen Geschäft genauso schlecht läuft. „Ich habe heute noch gar nichts verkauft“, sagt er. „Heute Morgen kam ein Büroarbeiter zu mir, um Geld zu wechseln. Das war’s.“

Die Pennsylvania Station an der 34ten Straße, durch die sich sonst täglich 600.000 Pendler und Fernreisende drängeln, ist ebenfalls wie ausgestorben. Der Klang von Ledersohlen und Absätzen hallt durch die leeren Hallen. Die Stimme einer Frau, die mit Inbrunst den Passanten predigt, dass der Herrgott über sie wacht und dass dies die Zeit sei, sich ihm anzuvertrauen, dringt durch das gesamte Labyrinth an unterirdischen Gängen.

Der Bahnhof ist heute ebenso voll mit Obdachlosen wie mit den wenigen Pendlern, die zur Arbeit müssen. Für die Wohnsitzlosen ist das Leben in diesen Tagen noch ein wenig härter geworden, als es ohnehin schon ist. Menschen, die sonst dazu geneigt waren, ihnen einen Dollar zuzustecken, machen nun einen riesigen Bogen um sie. Wenn sie sich bislang nicht als Aussätzige gefühlt haben, hat das Virus sie endgültig dazu gemacht.

Dabei ist der Bahnhof für sie noch der beste Aufenthaltsort. In den Obdachlosenunterkünften der Stadt müssen sie sich oft zu acht oder zu zwölft ein Zimmer teilen. Die Ansteckungsgefahr ist enorm.

Mundschutz auch beim Spaziergang über die Brooklyn Bridge.
Foto: ddp/ INSTAR

Die rund 60.000 Obdachlosen von New York gehören zu den gefährdetsten Bewohnern einer Stadt, die bedroht ist wie keine andere in Nordamerika. Wenn man die Karten betrachtet, auf denen die Verbreitung des Virus in den USA dargestellt wird, sind New York und die Region rund um die Metropole tief dunkelrot, nirgends sonst ist die Lage so dramatisch. Am Donnerstag dieser Woche wurden in New York City 3 600 Fälle des Virus bestätigt. 22 Menschen waren verstorben. Noch vier Tage zuvor, als DeBlasio ankündigte, die Schulen und Gaststätten zu schließen, waren es gerade einmal 329.

Ernst der Lage verstanden

Im ganzen Land sind es nach einer Zählung der Johns-Hopkins-Universität am Freitag 14 200. 205 Menschen sind gestorben. Die Behörden rechnen mit einem weiteren steilen Anstieg der Fallzahlen. Der Bundesstaat Kalifornien verhängt eine Ausgangssperre für seine Einwohner. Dort sind bis Donnerstag 676 Infektionsfälle verzeichnet.

Noch in der Nacht vor der Pressekonferenz des Bürgermeisters, bei der er in ernstestem Ton versuchte, den acht Millionen Menschen der Stadt New York den Ernst der Lage klarzumachen, waren die Restaurants und Kneipen voll. Die Stadt feierte den irischen Nationalfeiertag St. Patrick’s Day und obwohl die Parade zu diesem Tag abgesagt wurde, barsten Irish Pubs aus allen Nähten.

Mittlerweile nimmt kaum jemand mehr das Virus auf die leichte Schulter. Die U-Bahnen sind leer, die Menschen, die auf der Straße sein müssen, machen einen weiten Bogen umeinander. Die Jogger im Park sind sorgsam darauf bedacht, nicht aneinander zu geraten.

Das Schlimmste für New Yorker ist jedoch die Unsicherheit. Nachdem die Bundesregierung die Entwicklung und Genehmigung von Tests wochenlang verschleppt hat, weiß in New York bis heute niemand, wer das Virus schon hat und wer nicht. Bis zum Beginn dieser Woche standen praktisch keine Tests zur Verfügung. Wer Symptome hatte, wurde abgewimmelt, Hausärzte und Krankenhäuser konnten den Menschen nur raten, zu Hause zu bleiben.

Erst Mitte der Woche liefen Tests in größerem Umfang an, am Mittwoch wurden im ganzen Staat New York rund 7 500 Tests durchgeführt. Der New Yorker Bürgermeister De-Blasio, ein scharfer Kritiker Donald Trumps, hat entgegen der Anweisung des Bundes privaten Labors erlaubt, Tests durchzuführen und auszuwerten. Doch es sind noch immer viel zu wenige und viel zu spät. „Wir müssen im Prinzip alle davon ausgehen, dass wir infiziert sind“, schrieb deswegen schon in der vergangenen Woche die New York Post.

An der Mott Street, im Herzen der New Yorker Chinatown, steht eine junge Frau mit einer Gesichtsmaske vor einem Restaurant und verkauft gefüllte Teigtaschen. Das Lokal „Royal Seafood“, das bereits in der dritten Generation ihrer Familie gehört, hat sich wie alle New Yorker Lokale der Anordnung des Bürgermeisters gebeugt. Nun versucht man, sich mit dem noch immer erlaubten Straßenverkauf über die Runden zu retten.

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Leer gefegte Straßen

Rund um sie herum sind die Straßen leer gefegt. Mehr noch als anderswo in Manhattan hat sich New York hier in eine Geisterstadt verwandelt. Überall sind die Rollläden heruntergelassen, nur einige wenige Lebensmittelgeschäfte und die berühmten chinesischen Apotheken mit ihren Naturheilmitteln, die als Gesundheitsbetriebe gelten, haben noch geöffnet. Jeder Passant wird von den Verkäuferinnen hinter den Theken in der Hoffnung hereingewunken, wenigstens ein paar Dollar verdienen zu können.

Menschenleer: der Times Square.
Foto: action press

Für die meisten Geschäfte der Stadt ist die Lage neu. Hier, in der ansonsten vor Lebendigkeit überschäumenden Chinatown, ist das Geschäft jedoch schon Mitte Januar erlahmt, als die ersten Nachrichten vom Coronavirus aus Wuhan kamen. Die Tatsache, dass Donald Trump Corona immer wieder den „chinesischen Virus“ nennt, hat die Lage nicht eben besser gemacht.

Die Betriebe in Chinatown stecken deshalb schon einen Monat tiefer im Überlebenskampf als andere Geschäfte der Stadt. Auch eine zwischenzeitliche Solidaritätsaktion unter dem Hashtag #savechinatown hat nur wenig Linderung gebracht. Seit DeBlasios Anordnung ist Chinatown nun endgültig ausgestorben.

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Monatelang durchhalten

Der beliebte Nom Wah Tea Parlor in der engen Doyers Street, vor dem ansonsten zur Mittagszeit die Gäste Schlange stehen, hat zum ersten Mal in den 100 Jahren seines Bestehens geschlossen. „Ich hatte schon Anfang Februar 40 Prozent weniger Geschäft als im Vorjahr“, sagt der Besitzer Wilson Tang.

Tang hofft trotzdem, seine Belegschaft über die Runden retten zu können. „Ich habe das Glück, dass das Gebäude meiner Familie gehört.“ Etwa sechs Monate, glaubt er, könne er durchhalten, ohne seine Belegschaft entlassen zu müssen. Doch viele Geschäfte und Lokale in Chinatown haben nicht annähernd einen so langen Atem. Wie der große Touristenmagnet Chinatown aussieht, wenn die Krise einmal vorbei ist, kann deshalb heute niemand vorhersagen.

Die Sorge, wie New York sich durch das Virus verändert, macht sich aber auch außerhalb von Chinatown breit. Unabhängige Kleinbetriebe, die in der Stadt schon vor Corona massiv unter Druck standen, werden an den Rand des Abgrunds gedrängt. „Wenn wir jetzt nicht unsere Cafés, Buchläden und Bars unterstützen“, sagt der Blogger und Schriftsteller Jeremiah Moss, der schon seit vielen Jahren das Verschwinden des alten, bunten New York beklagt, „dann wachen wir nach Corona in einer Stadt auf, die ihre Seele verloren hat.“

MobilensTestzentrum auf Covid-19.
Foto: action press

Im Herzen von New York, rund um den Times Square, hat man jetzt schon das Gefühl, als sei die Seele New Yorks in kritischem Zustand. Der Broadway ist dunkel, die Theater und Musicalbühnen sind zum ersten Mal in ihrer Geschichte auf unbestimmte Zeit geschlossen.

Der Verlust ist nicht nur kulturell und finanziell – der Broadway hat im vergangenen Jahr 1,8 Milliarden Dollar eingespielt. Theater am Broadway war immer auch ein Symbol der Widerstandskraft von New York. Im Jahr 2001 ging schon am 13. September am Broadway der Vorhang wieder auf. Nun ist ungewiss, wann der Spielbetrieb wieder aufgenommen wird und welche der Produktionen dann überhaupt noch zustande kommen.

Anderen Kultureinrichtungen ergeht es nicht besser. Die großen New Yorker Museen haben alle geschlossen und stellen sich auf Verluste ein, die an die Substanz gehen. So gab das Metropolitan Museum am Montag bekannt, dass es mit einem Minus von 100 Millionen Dollar rechnet. Entlassungen werden dabei nicht ausbleiben und das Programm wird bei einer Wiedereröffnung im Herbst deutlich reduziert sein.

Dabei geht es großen Häusern wie dem Metropolitan Museum noch gut. Viele kleinere Museen werden darum kämpfen müssen, überhaupt wieder zu öffnen. Die Vereinigung amerikanischer Museen rechnet damit, dass ein Drittel ihrer Mitglieder nicht überlebt. Die Kulturlandschaft in New York und den gesamten USA wird nach Corona deutlich ärmer sein.

Die Künstler selbst versuchen derweil, die erzwungene Auszeit zum kreativen Auftanken zu nutzen. „Ich übe und komponiere und versuche, mir nicht allzu große Sorgen zu machen“, sagt der Bassist Jeff Allen, der gleich bei sechs Broadway Musicals im Orchester spielt. Etwa drei Monate, sagt Allen, könne er die Durststrecke durchhalten.

Den Tod akzeptieren

Die Künstlerin Joan Bankemper hat sich in ihr Studio auf dem Land zurückgezogen, wo sie an Keramikobjekten arbeitet. Bislang formte sie elaborierte Vasen-ähnliche Gegenstände. Seit Beginn der Corona-Krise fühlt sie jedoch dazu bewegt, Urnen zu machen. „Es liegt Tod in der Luft“, sagt sie. „Es wird Zeit, dass wir wieder den Tod als Teil des Lebens akzeptieren.“