Epstein hatte sich am 10. August in einem New Yorker Gefängnis das Leben genommen.
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New YorkMichael Thomas und Tova Noel hassten die Nachtschichten im New Yorker Metropolitan Correctional Center, dem Hochsicherheitsgefängnis im Süden von Manhattan. Sie waren von tödlicher Langeweile geprägt, gepaart mit einer unwirtlichen Umgebung aus Waschbeton und Neonlicht.

Also machten die beiden Gefängniswärter es sich so bequem wie möglich. Sie surften im Internet, schauten nach Motorradteilen und Möbeln, betrachteten die Sportnachrichten und dösten ein wenig.

Genau zu dem Zeitpunkt, an dem die beiden gerade ihr Nickerchen hielten, um halb vier Uhr morgens, nahm der prominenteste Häftling in ihrem Trakt, Jeffrey Epstein, sein Bettlaken, band es an sein Stockbett und ließ sich so heftig fallen, dass sein Genick brach. Als Noel und Thomas drei Stunden später ihre Runden machten, fanden sie Epstein tot auf seinem Zellenboden.

Gefälschte Dienstpapiere

Der Selbstmord von Jeffrey Epstein, dem New Yorker Financier, der in Haft saß, weil er prominenten Geschäftsfreunden minderjährige Mädchen zum Sex zugeführt hatte, wird Thomas und Noel nun zum Verhängnis. Am Dienstag wurden sie in New York wegen einer groben Vernachlässigung ihrer Dienstpflicht sowie wegen der Fälschung von Dienstpapieren angeklagt.

Der Trakt, in dem die beiden Wärter in jener Nacht ihren Dienst taten, war ein Gefängnisbereich der höchsten Sicherheitsstufe. Laut Dienstprotokoll hätten die beiden alle 30 Minuten nach den Gefangenen schauen müssen. Doch zwischen 22.30 Uhr und 6.30 Uhr sind sie nicht ein einziges Mal von ihrem bequemen Sessel aufgestanden.

In ihr Dienstprotokoll schrieben die beiden jedoch, dass sie vorschriftsmäßig ihre Runden gedreht hätten.

Im Metropolitan Correctional Center in New York wurde der wegen Sexhandels mit minderjährigen Mädchen angeklagte Epstein tot aufgefunden. 
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Die Anklagen von Noel und Thomas zu Beginn dieser Woche sind das erste handfeste Ergebnis einer von drei strafrechtlichen Untersuchungen des Todes von Jeffrey Epstein, die Justizminister William Barr nach Epsteins Tod im August dieses Jahres angeordnet hatte. In dem Untersuchungsgefängnis, in dem Epstein untergebracht war, so Barr, habe es „ernsthafte Unregelmäßigkeiten gegeben“. 15 Bedienstete des Gefängnisses wurden in dieser Woche vor Gericht geladen, Noel und Thomas waren die ersten, gegen die Anklage erhoben wurde. Weitere werden zweifelsohne folgen.

Die Nachlässigkeit der beiden Wärter war nur eine der Unregelmäßigkeiten in dem Gefängnis, in dem Epstein starb. Sie erklärt, wie er es schaffte, in einem so eng bewachten Zellentrakt Selbstmord zu begehen. Doch es bleiben viele Fragen offen.

Entgegen den Vorschriften

So hatte Jeffrey Epstein bereits am 23. Juli in seiner Zelle einen Selbstmordversuch begangen. Er wurde danach in eine gläserne Zelle verlegt, in der Insassen rund um die Uhr bewacht werden. Solche Zellen stellen eine reine Folter dar. Das Licht ist 24 Stunden lang an, die Häftlinge sind bis auf einen groben Umhang, der nicht zu einer Schlinge geknüpft werden kann, nackt. Der Raum besitzt bis auf das eiserne Liegegestell keine Einrichtung.

Epstein wurde nach nur sechs Tagen wieder in eine normale Zelle verlegt, obwohl die Selbstmordgefahr noch lange nicht ausgeschlossen werden konnte. Hinzu kommt, dass nur einen Tag vor seinem Tod sein Zellengenosse verlegt wurde. Epstein war, entgegen den Vorschriften, allein in seiner Zelle.

In den Tagen vor seinem Tod, das berichtete die New York Times nach mehreren Interviews mit Angestellten des Metropolitan Correctional Centers, habe sich der Zustand von Jeffrey Epstein merklich verschlimmert. Er habe die Hygiene vernachlässigt und habe auf dem Boden anstatt auf seiner Matratze geschlafen. Die Treffen mit seinen Rechtsanwälten zogen sich über den ganzen Tag hin – nur, damit Epstein nicht in die Zelle zurückmusste.

Die Verteidiger von Michael Thomas und Tova Noel, die auf eine außergerichtliche Einigung hoffen, versuchen nun als mildernde Umstände die schlechte Personallage in dem Gefängnis geltend zu machen. Beide Wärter hatten bereits viele Überstunden abgeleistet. Michael Thomas war eigentlich bereits im Ruhestand, schob jedoch wegen der Personalnot freiwillige Schichtdienste.

Gefährlich unterbesetzt

In der Nacht, in der Epstein starb, war das Gefängnis, wie so oft, unterbesetzt. 18 Wärter waren im Dienst, um 750 Insassen zu bewachen. Zehn von ihnen, darunter die beiden Wärter, die für Epstein zuständig waren, leisteten Überstunden.

Die Personalprobleme im Manhattaner Untersuchungsgefängnis sind symptomatisch für die Probleme in vielen Bundesgefängnissen. Wegen Budgetkürzungen durch die Trump-Regierung sind Bundesgefängnisse in den gesamten Vereinigten Staaten gefährlich unterbesetzt. Fast überall werden ungelernte Aushilfen beschäftigt. Die Situation ist in vielen Gefängnissen bedrohlich geworden, die Zustände werden immer schlimmer.

Krude Verschwörungstheorien, die nach Epsteins Tod kursierten, werden mittlerweile allerdings ausgeschlossen. Die Obduktion ergab eindeutig Selbstmord. Und auch, dass die beeidete Aussage der beiden Wärter vor Gericht nun Hintermänner zutage fördert, ist eher unwahrscheinlich.