Eine Recherche der New York Times liefert neue Hinweise auf russische Kriegsverbrechen. In einem am Donnerstag veröffentlichten Artikel rekonstruieren Journalisten der Zeitung das Schicksal einer Gruppe von acht Männern in der Stadt Butscha. Die Leichen der Männer wurden neben einem Gebäude an der Jablunskastraße 144 in Butscha, nordwestlich der ukrainischen Hauptstadt Kiew, gefunden.

In Überwachungsvideos vom 4. März, die der Zeitung vorliegen, ist zu sehen, wie die Männer von russischen Soldaten abgeführt werden. Sie halten sich dabei jeweils eine Hand über den Kopf und mit der anderen am Gürtel der Vordermänner fest. In einem weiteren Video, das ein Nachbar gefilmt haben soll, sind die Männer mit den russischen Soldaten im Hinterhof eines Gebäudes zu sehen und knien nieder. Im dritten Video einer Überwachungsdrohne vom 5. März stehen russische Soldaten neben leblosen Körpern an dem Gebäude, neben dem später die Leichen der Männer gefunden wurden.

Fotos der Leichen wurden unter anderem von einem Fotografen der Nachrichtenagentur Associated Press festgehalten. Neben einer Wand mit rosafarbenen Kacheln liegen zwischen diversem Unrat mehrere Leichen. Die Hände der toten Männer sind bei einigen hinter dem Rücken zusammengebunden. Zum Zeitpunkt, als sie aufgefunden werden, sind sie laut Angaben der Behörden schon einen Monat tot. Zu diesem Zeitpunkt war die Stadt von russischen Truppen besetzt.

Mann überlebt die Erschießungen und berichtet Ermittlern davon

Laut dem Artikel der Times soll es jedoch einen Überlebenden geben. Der Mann war angeschossen worden, hatte sich anschließend jedoch tot gestellt und konnte dadurch vom Gelände fliehen. Er hat den Journalisten der Times und den Ermittlungsbehörden detaillierte Angaben zu den Erschießungen gemacht. Die Zeitung hat die Angaben des Mannes überprüft und konnte sie verifizieren.

Zudem identifizierten die Journalisten die Einheiten der russischen Armee, die an der Erschießung beteiligt gewesen sein könnten. Es soll sich dabei um die Einheiten 32515 und 74268 handeln, die jeweils dem 104. und 234. Luftlanderegiment entsprechen sollen. In dem Gebäude, neben dem die Erschießungen stattgefunden haben sollen, waren Dokumente und Insignien dieser Einheiten gefunden worden.

Angehörige versuchten bis zuletzt, die Männer zu finden

Die Erschossenen hatten in der Jablunskastraße einen Checkpoint der ukrainischen Territorialverteidigung bemannt. Als die russischen Truppen nach Butscha vorrückten, hätten sie mit schweren Waffen auf die nur leichte bewaffneten Männer geschossen. Diese sollen sich dann in den Keller eines Gebäudes zurückgezogen haben. Dort wurden sie dann von den russischen Soldaten gefangen genommen. Angehörige hatten bis zum Auffinden der Leichen versucht, Informationen über den Verbleib der Männer zu finden.

Sollten sich die Beweise weiter verdichten, könnte der Vorfall in die Akten des Internationalen Strafgerichtshofes einfließen. Militärische Kräfte müssen nach einer Festnahme als Kriegsgefangene behandelt und versorgt werden. Eine Erschießung der unbewaffneten und zum Teil mit Fesseln verbundenen Männer stellt ein schweres Kriegsverbrechen dar. Russland hat sich bisher noch nicht zu dem Bericht geäußert.