Derzeit sind noch rund 7 000 Menschen auf der Gefängnisinsel inhaftiert.
dpa

New YorkWer kurz vor der Landung am New Yorker La Guardia Flughafen einen Blick aus der Maschine wagt, der kann eine kleine Insel im East River sehen, bebaut mit Backsteingebäuden, Baracken und einer von Stacheldraht gekrönten Mauer. Von der Skyline des nahen Manhattan und deren Verheißungen in den Bann geschlagen, fragen sich jedoch nur die wenigsten, was auf dieser Insel wohl vor sich geht. Im Bewusstsein der New Yorker spielt die Insel zwischen der Bronx und Queens hingegen durchaus eine gewichtige Rolle. Wer in New York den Namen Rikers Island fallen lässt, der wird eine Reaktion irgendwo zwischen Abscheu und Schaudern ernten, je nachdem, in welchem Stadtteil und in welcher Gesellschaft er oder sie sich befindet.

Rikers Island ist das New Yorker Alcatraz, ein gigantisches, von Wasser umspültes Gefängnis, um das sich allerlei Mythen und Horrorgeschichten ranken. Rikers gilt als einer der grausamsten Orte im riesigen Netzwerk des amerikanischen Strafvollzugs, eine Hölle sowohl für Insassen, als auch für Wärter. Nun soll Rikers, nach jahrzehntelangen vergeblichen Versuchen, die Anstalt zu reformieren, geschlossen werden.

Eingebauter Rassismus

Nachdem Bürgermeister Bill de Blasio schon seit seinem Amtsantritt versprochen hatte, den Schandfleck von der New Yorker Karte zu tilgen, hat Mitte Oktober die Stadtverordnetenversammlung acht Milliarden Dollar bewilligt, um Rikers bis 2026 dicht zu machen. Bis dahin sollen auf dem Stadtgebiet vier kleinere, humanere Vollzugsanstalten entstehen, die das größte Untersuchungsgefängnis an der Ostküste ersetzen.

De Blasio feiert den Beschluss als großen Erfolg seiner Amtszeit, die 2021 endet. Der Italoamerikaner, der mit einer Afroamerikanerin verheiratet ist, hatte sich von Anfang an politisch als Linksaußen positioniert, er wollte mit Nachdruck die soziale Ungleichheit in der Stadt angehen, bezahlbaren Wohnraum schaffen und das soziale Netz für die Schlechterverdienenden ausbauen.

Das amerikanische Strafrechtswesen mit seiner Brutalität und seinem eingebauten, systematischen Rassismus ist ebenfalls ein zentrales Thema der amerikanischen Linken – und das nicht erst, seit die Black Lives Matter-Bewegung das Problem auf die Tagesordnung gesetzt hat. Soziologen wie Michelle Alexander und Manning Marable beschreiben seit Jahrzehnten, dass der nationale „Krieg gegen die Drogen“, den die Regierung seit der Reagan-Ära führt, als Mittel zur dauerhaften Unterdrückung der nicht-weißen Unterschicht in den USA eingesetzt wird. Ein schockierend großer Anteil der armen afroamerikanischen Bevölkerung wurde seit den 80er-Jahren im Namen dieses Krieges kriminalisiert, eingesperrt und dauerhaft von der Teilhabe an der amerikanischen Gesellschaft ausgeschlossen.

Gewalt durch Beamte

Dass einer der schlimmsten Vollstreckungsorte dieses Systems ausgerechnet in New York beheimatet ist, war de Blasio ein Stachel im Fleisch. Die Brutalität unter den Gefangenen und die Misshandlungen durch das Personal sind nirgends so schlimm wie auf Rikers Island. Resozialisierung findet nicht statt, das Gegenteil ist an der Tagesordnung. Wer einmal auf Rikers Island gelandet ist, der findet nur schwer in die Gesellschaft zurück – auch wenn das Delikt eine Bagatelle war.

So machte der Fall von Kalief Browder aus der Bronx Schlagzeilen. Der 16-Jährige wurde beschuldigt, einem mexikanischen Jugendlichen den Rucksack gestohlen zu haben – eine Tat, die ihm nicht nachgewiesen werden konnte. Browder kam nach Rikers, um dort seine Anklage abzuwarten. Weil sowohl das Gericht als auch sein Pflichtverteidiger überlastet und die Beweislage unklar war, zögerte sich sein Gerichtstermin immer weiter hinaus. Browder war schließlich drei Jahre auf Rikers, er wurde misshandelt und gequält. Als schließlich die Anklage fallen gelassen wurde, war er schwer traumatisiert und hatte entscheidende Jahre seiner Ausbildung verloren. 2015 beging er Selbstmord.

Es war bei weitem nicht die einzige Horrorgeschichte, die in den vergangenen Jahren aus Rikers an die Öffentlichkeit drang. Und: Die überwiegende Mehrheit der geschätzten 4000 jährlichen Fälle von Gewaltanwendung durch Beamte in Rikers wurden nicht aufgearbeitet. So bleibt der Politik nur noch die Schließung der Anstalt.

Wohin mit den Insassen?

Doch damit ist das Problem bei Weitem nicht gelöst. Dank sinkender Kriminalitätsraten und einem weit weniger drastischen Vorgehen der New Yorker Polizei gegen Kleinkriminelle ist der Bedarf an Untersuchungsgefängnissen zwar geschrumpft. Die Stadt benötigt dennoch weiterhin rund 7000 Plätze.

Die sollen nun auf vier Stadtbezirke verteilt werden, wo integrative Reformgefängnisse mit einem erstklassigen Angebot an Bildungs- und Resozialisierungsmaßnahmen gebaut werden sollen. Die Anwohner sind jedoch bislang noch eher zurückhaltend. Auch in Gegenden wie Brooklyn und der Bronx, wo man einen besseren, humaneren Strafvollzug befürwortet, will man lieber kein Gefängnis in der Nachbarschaft haben, schon gar nicht, wenn der Vollzug durchlässig ist.

Der New Yorker Politik steht also noch ein langer Weg bevor. Bill de Blasio selbst ist indes fein raus. Er kann den politischen Erfolg für sich verbuchen. Um die Umsetzung müssen sich dann andere kümmern.