Leere trotz Lockerungen: Passanten inmitten der Hochhäuser von Manhattan. 
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New York CityEs ist ein strahlend klarer Frühsommer-Nachmittag in New York, über den Union Square wehen die lieblichen Klänge einer Querflöte. Am Südende des Parks, an der Kreuzung von Park Avenue und Broadway, spielt ein Jazztrio, Passanten stehen in kleinen Grüppchen daneben, lauschen ein wenig und plaudern.

Auf den Treppenstufen hinter der Gruppe üben Jugendliche mit BMX-Rädern und Skateboards Kunststücke. Eine Handvoll Polizisten steht an den für die Black-Lives-Matter-Proteste deponierten Absperrgittern, die Hemden aufgeknöpft, die Mützen in der Hand. 

Es herrscht Siesta-Stimmung im unteren Manhattan, die Stadt ist so verschlafen wie eine mexikanische Kleinstadt im Hochsommer. Ein paar Bars haben Stühle auf den Bürgersteig gestellt, die Menschen nippen an Cocktails und lassen den Tag verstreichen. Der Verkehrslärm, der vor Corona noch allgegenwärtig war, fehlt – man hört nur das Brummen von Hubschraubern. Niemand hat es eilig, niemand muss irgendwohin.

Vor drei Monaten noch hätte zur Rushhour am Union Square niemand stehenbleiben können. Der U-Bahn-Schacht, in dem alle Hauptlinien des Netzes zusammenlaufen, hätte im Minutentakt gehetzte Menschenmassen ausgespuckt. Fahrradkuriere hätten sich todesmutig und in Höchstgeschwindigkeit zwischen hupenden Taxis hindurchgeschlängelt, und im Bio-Supermarkt am Südende des Parks wären die Gänge übervoll gewesen.

New York hat seinen hektischen, jazzigen Beat verloren, jene sprichwörtliche Energie, die einen noch im März elektrisiert und euphorisiert hat, wenn man nur auf die Straße getreten ist. Vor einer Woche ist die Stadt in die erste Phase der Wiedereröffnung eingetreten, doch das alte Manhattan schlummert noch immer.

Keine Lust auf Shopping: Wer etwas braucht, lässt es sich lieber liefern.
Foto: Imago Images/Richard B. Levine

Seit vergangenem Montag dürfen bestimmte Einzelhändler wieder öffnen – Bekleidung, Elektronik, Sportzubehör. Einkaufsmeilen wie die Fifth Avenue oder das Boutiquenkarree SoHo wirken trotzdem wie ausgestorben. Wer etwas braucht, bestellt online und holt die Ware am Bordstein ab. Lust auf Erlebnis-Shopping hat fast niemand.

Pralles Leben herrscht nur in den Parks. Selten war es so voll in den 113 Quadratkilometern Grün der Stadt. Im Riverside Park, dem schmalen Streifen, der sich die ganze Insel zwischen dem Westside Highway und dem Hudson River hochzieht, ist kein Durchkommen mehr vor lauter Skatern, Radlern und Sonnenbadern.

Und dann waren da natürlich die Proteste in den vergangenen Wochen, in denen New York nach der langen Zeit der Isolation wieder zusammengekommen ist. Da war er wieder, der New Yorker Sinn für Straßentheater, für das kreative Spektakel, das ansonsten Tag für Tag diese Stadt so besonders macht.

Bei jedem Marsch hat sich jeder Einzelne mit Inbrunst und Leidenschaft in seine Rolle gestürzt. Die zornige junge schwarze Frau mit der schwarzen Maske und dem grell pinken „Fuck the Police“-Schild; die jungen Latinas, die auf T-Shirts verkündeten, dass sie schwarze Männer göttlich finden; und auch der alte schwarze Kriegsveteran mit seiner Militärmütze und seinem elektrischen Rollstuhl, der mit Verve und Zorn die Black-Lives-Matter-Bewegung unterstützt. Sie alle haben wunderbar gezeigt, dass die Ästhetisierung von Politik keine Domäne der Rechten sein muss.

Anti-Rassismus-Demo auf der Brooklyn Bridge.
Foto: Imago Images/Joel Marklund

Es waren Momente, in denen sich die angestaute Energie der Stadt entlud. Doch der Alltag ist noch immer der Ausnahmezustand. Der Times Square, das vormals pulsierende Herz New Yorks, ist verbarrikadiert. Wer in ein Büro oder Geschäft am Broadway zwischen der 42nd und der 50th Street will, der muss seinen Ausweis vorzeigen.

Eine Etage darunter, in der für gewöhnlich belebtesten U-Bahn-Station der Welt, herrscht eine beklemmende, deprimierende Atmosphäre. Vereinzelte maskierte Gestalten huschen durch die hallenden Gänge. Man steht ängstlich auf den Bahnsteigen und wünscht sich nur, dass man so schnell wie möglich die Fahrt hinter sich bringen und wieder auftauchen kann. Neben den Drehkreuzen am Eingang steht auf einem Tisch eine große Flasche Desinfektionsmittel.

Es steht kaum zu erwarten, dass das alles in den nächsten Wochen besser, dass es eine Wiedergeburt des alten New York geben wird, auch wenn bis August die Wiedereröffnung in vier Phasen voranschreiten soll.

Die Kultur etwa, die in Phase Vier wieder den Betrieb aufnehmen darf, stellt sich darauf ein, deutlich kleinere Brötchen zu backen. Die großen Museen haben durch die lange Schließung Hunderte Millionen von Dollar verloren und mussten Dutzende von Angestellten entlassen. Viele Galerien im Kunstviertel Chelsea werden die Tore gar nicht mehr öffnen.

„Es wird von allem weniger geben“, sagt deshalb der Direktor des Metropolitan Museum, Max Hollein. „Weniger Besucher. Weniger Ausstellungen. Weniger Events.“ Der Galerist Alexander Grey glaubt, dass die New Yorker Kunstszene lokaler, vielleicht sogar provinzieller wird: „Wir müssen uns auf New Yorker Künstler und auf New Yorker Sammler konzentrieren.“

Dass es von allem weniger geben wird im New York nach der Krise, findet allerdings nicht unbedingt jeder schlimm. Manche meinen sogar, dass New York jetzt schon besser ist als vor der Pandemie. „Ich fühle mich in der Stadt so wohl, wie seit vielen Jahren nicht mehr“, sagt der Schriftsteller und Psychotherapeut Jeremiah Moss.

Moss ist seit Jahren ein scharfer Kritiker des aufgeblähten, überteuerten Luxus-New-Yorks mit seiner extremen sozialen Ungleichheit und dem ewig schrumpfenden Freiraum für Kreativität. Er findet, dass New York in den vergangenen Wochen menschlicher geworden ist. Die Touristen sind weg und auch die „Hyper-Normalos“, wie er sie nennt, die Yuppies und die reichen Familien, die aus der Stadt geflohen sind, als es hier ungemütlich wurde. Stattdessen gehöre die Stadt wieder den Außenseitern und den Freaks; und unter denen, die zurückgeblieben sind, herrsche eine Solidarität, wie es sie lange nicht gab.

Und so genießt Moss das Flanieren in der Stadt, in der irgendwie die Zeit stehengeblieben scheint. Und deren Zukunft so ungewiss ist wie die des ganzen Landes, dessen wichtigste Metropole sie ist und zu dem sie doch nie so richtig dazugehörte.