Susan Mudallal studiert Politikwissenschaften und ist Vorsitzende des Studierenden Parlaments an der Leuphana Universität in Lüneburg.
Foto: Joana Nietfeld

BerlinWo kommst du denn her? Aus Berlin?! Nein - ich meine wo kommst du wirklich her? Ganz normale Fragen, oder? Wann wurden Ihnen diese Fragen gestellt, noch bevor jemand nach Ihrem Namen gefragt hat? Wenn Sie „deutsch“ aussehen und nicht gerade einen Auslandsaufenthalt machen, wahrscheinlich nie. Als „nicht-deutsch“-aussehende Person werde ich jedoch ständig damit konfrontiert. Und die Antwort „aus Berlin“ ist für die Fragenden nur selten eine ausreichende - obwohl ich in Berlin geboren wurde und aufgewachsen bin (Ja, WIRKLICH).

Klischeehafte Witze und Bemerkungen sind Teil meines Alltags

So harmlos es scheint: Diese Fragen sind verletzend und übergriffig. In etwa 85% der Fälle werde ich mit ihnen konfrontiert, noch bevor jemand wissen möchte, wie ich heiße oder was ich mache. Diese Erfahrung teile ich mit den meisten Menschen, die nicht „blond, groß und blauäugig“ sind. Doch nicht nur beim Smalltalk mit Fremden, sondern auch in Freundeskreisen, Arbeitsgruppen etc. bleiben einem klischeehafte Witze und Bemerkungen nicht erspart.

BLZ/Tagesspiegel/BpB
30 Jahre Meinungsfreiheit

Vor 30 Jahren fiel die Mauer, aus der geteilten Stadt wurde ein geeintes Berlin. Gemeinsam mit dem Tagesspiegel und der Bundeszentrale für politische Bildung feiern wir die Meinungsfreiheit – mit guten Argumenten und großen Debatten. 


Wenn man die Stimmung nicht versauen und niemandem auf den Schlips treten möchte, bleibt einem folgende Handlungsoption: Mund halten und lächeln. Wenn einem Empörung und kurzes unangenehmes Schweigen nichts ausmachen, ist es durchaus möglich, sein Selbstwertgefühl zu verteidigen und etwas dagegen zu sagen. Aber Achtung: Die Schuldige in dem Moment bin ich selber/ist man selber! Man hätte ja seinen Mund halten können. Wie komme ich überhaupt darauf, die weiße, privilegierte Person auf ihren Rassismus aufmerksam zu machen?

Verhalten, Erwartungen, Heimat und Identität werden in der Gesellschaft mit Hautfarbe und Religion assoziiert

Nachdem ich alle Optionen durchgespielt hatte, probierte ich etwas Neues: Humor! Ich machte Witze über Weiße und ihr “Deutschsein”. Prompt gingen Beschwerden bei mir ein. Da war zum Beispiel einer meiner Freund*innen, der mir erklärte, dass es ihm unangenehm sei, wenn er aufgrund seiner weißen Hautfarbe mit dem Ort seiner Geburt (Deutschland) in eine Schublade gesteckt werde. Schnell wurde klar, dass er keine Ahnung davon hat, wie schwierig es ist, als braune Person in einem weißen Land zu leben, indem Hautfarbe unmittelbar mit Herkunft verknüpft ist. Und dafür kann er nichts!

Heimat ist hierzulande ein Ort, der für jene vorbestimmt ist, die einzig Deutschland als Zuhause kennen und mich mit ihrem Patriotismus ausgrenzen.

Susan Mudallal

Wir sind beide in einer Gesellschaft aufgewachsen, die Verhalten, Erwartungen, Heimat und Identität mit Hautfarbe und Religion assoziiert. Das soll heißen, dass meine individuelle Persönlichkeit ständig im Kontext zu meinem „Arabischsein“ definiert wird. Heimat ist hierzulande ein Ort, der für jene vorbestimmt ist, die einzig Deutschland als Zuhause kennen und mich mit ihrem Patriotismus ausgrenzen.

Meine Identität und meine Staatszugehörigkeit haben nichts miteinander zu tun

Gleichzeitig können die Herkunfländer meiner Eltern – ein Ort, an dem ich zu wenig Zeit verbracht habe, um ihn wirklich mein Zuhause nennen zu können – noch viel weniger als Heimat infrage kommen. Ich habe das Gefühl, dass ein Großteil dieser Gesellschaft sich nicht bewusst ist, wie schwierig es für Menschen mit Migrationshintergrund sein kann, sich zugehörig zu fühlen. Als Mensch der hier geboren ist, halte ich es für eine absolute Frechheit, dass ich mich damit beschäftigen soll, ob ich “integriert” genug bin. Es ist eine Frechheit, dass der Begriff Identität nichts mit Charaktereigenschaften sondern mit dem “Spagat” zwischen zwei Kulturen und der vermeintlichen Heimat in Verbindung gebracht wird.

Meine Identität und meine Staatszugehörigkeit haben nichts miteinander zu tun! Und so bleibe ich heimatlos, mit vielen Orten an denen ich mich Zuhause fühle. Ich war und bin nicht Deutsch genug für die Deutschen und nicht Arabisch genug für die Araber*innen. Ich bin auch weder “Deutsch”, noch “Arabisch”! Ich bin Susi, eine Person mit Interessen, Ansichten, Träumen und Ängsten, wie jeder andere Mensch auch. Wenn ihr mich trefft, dann könnt ihr mich gerne nach einem dieser Dinge fragen.