Sabine Rennefanz
Foto: Maurice Weiss/Ostkreuz

BerlinFrauen und ihre Reproduktionsfähigkeit müssen begutachtet, gemessen, bewertet werden. In der vergangenen Woche gab das Statistische Bundesamt neue Zahlen zu den Geburten heraus. In der Mitteilung wurde auch darüber informiert, dass Mütter in Deutschland im vergangenen Jahr im Schnitt ihr erstes Baby mit 30,1 Jahren bekommen haben. Vor zehn Jahren lag das durchschnittliche Alter noch bei 28,8 Jahren. Vor allem bei den Frauen zwischen 35 und 40 nehme die Zahl der Erstgeburten zu. Man könnte feiern, dass Frauen für die Umsetzung ihres Kinderwunsches dank Wohlstand und guter medizinischer Versorgung länger Zeit haben. Stattdessen lauteten die Meldungen: „Frauen sind bei der Geburt des ersten Kindes immer älter“ (Deutsche Presse-Agentur), „Wenige Geburten, späte Mutterschaft“ (Zeit), „Weniger Geburten, ältere Mütter“ (Deutschlandfunk). Das klang eher besorgt. Hilfe, die Deutschen sterben aus, und die Frauen sind schuld, schwang als Unterton mit. Das ist doch auch der Sound, der neuerdings in rechten Netzwerken erklingt.

Ich bin eine von diesen späten Müttern. Ich war 40, als ich mein erstes Kind geboren habe. Das war kein Plan, das hat sich so ergeben. Ich wollte erst mal berufliche Erfahrungen sammeln, Geld verdienen, Stichwort Gender Pay Gap, ich wollte einen Partner, mit dem ich mir die Erziehung gleichberechtigt teilen kann. Ich bin mir bewusst, dass es ein Privileg ist, diese Ansprüche stellen zu dürfen. Als ich nach langem Warten schwanger wurde, war es ein Glücksfall.

Trotzdem hatte ich oft das Gefühl, mich dafür rechtfertigen zu müssen, vor anderen Frauen, Kollegen, Freunden. Als sei es nicht etwas sehr Tolles, was mir da widerfahren war, sondern eine Fehlplanung. So spät! So alt! In Brandenburg, wo ich aufgewachsen bin, trägt man in dem Alter ein Baby höchstens als Enkelkind mit sich herum. Als ich schwanger war, las ich einen inzwischen legendären Text in der taz, der sich über ältere Mütter beschwerte. Die Autorin meinte, sie könne sich nie vorstellen, noch mit 40 Mutter zu werden. Mütter mit 40, das sind die egoistischen Tussis, denen ihre Karriere so lange wichtiger war. Wobei bei Frauen schon eine Festanstellung als Karriere gilt.

Kaum Forschung zu Vätern

Die Bevölkerungspolitik der DDR war darauf ausgerichtet, dass die Frauen sehr früh ihre Kinder bekommen, mit 25 war man Spätgebärende. Klar, wenn man mit 20 einen starken Kinderwunsch hat, wird man nicht warten, bis man 35 Jahre alt ist und die Umstände perfekt sind. Aber jeder hat ein anderes Tempo, viele 40-Jährige sind fitter als manche 20-Jährige. Und überhaupt: Warum ist es Aufgabe des Statistischen Bundesamtes, das Alter der Frau beim ersten Kind zu ermitteln?

Interessanterweise gibt es zum durchschnittlichen Alter von Vätern beim ersten Kind kaum differenzierte Zahlen. Warum nicht? Die Autorin Teresa Bücker ging 2014 dieser Frage nach, sie fand heraus, dass das Durchschnittsalter von Männern, die mit einer Frau verheiratet waren und minderjährige Kinder hatten, bei 35 Jahren lag, ebenfalls ein Anstieg im Vergleich zu früheren Jahren. Wie alt die Männer bei der Geburt des ersten Kindes sind, geht aus den Zahlen aber nicht hervor. Über einen längeren Zeitraum hinweg lässt sich aber sagen, dass Männer im Schnitt fünf Jahre älter als ihre Partnerinnen bei der Eheschließung sind. „Männer schieben schon seit jeher die Familiengründung länger auf als Frauen“, schlussfolgert Bücker. Das war aber keine Schlagzeile. Wenn man schon diese Statistik macht, sollte man auch über Erstväter forschen. Oder es vielleicht ganz lassen.