Ein Arzt nimmt in der Corona-Teststelle am Flughafen Schönefeld einen Abstrich für einen Coronavirus-Test. 
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BerlinIm Augenblick kann sich die Politik auf die Empfehlung des Deutschen Ethikrates gegen einen Immunitätsausweis berufen. Angesichts der vagen medizinischen Aussagekraft einer vermeintlichen Corona-Immunität wäre eine Einführung schließlich nachgerade fahrlässig. Auch in der Öffentlichkeit dürfte diese Einschätzung vermutlich von einer großen Mehrheit geteilt werden.

Doch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und seine Kollegen wären schlecht beraten, sich auf dieser Position auszuruhen.

Denn die Wissenschaft entwickelt sich weiter, sehr bald könnte sich herausstellen, dass eine überstandene Infektion tatsächlich vor Neuansteckung schützt. Dann muss die Bundesregierung gewappnet sein, auch vor einer tiefen Spaltung innerhalb der Gesellschaft und – je nach politischer Konsequenz – dementsprechend drohendem Widerstand aus einem der beiden Lager.

Auch der Ethikrat ist in dieser Frage uneins, und er darf es sein. An dieser Stelle offenbart sich der Unterschied zu politischen Verantwortungsträgern, die Entscheidungen treffen müssen, die zwangsläufig dazu führen, dass eine Seite enttäuscht wird.

Man kann annehmen, dass der Gesundheitsminister auf eine eindeutige Antwort der Ethiker gehofft hat. Er hat sie bekommen, vorläufig zumindest. Das Beratergremium hat ihm außerdem Argumente beider Positionen als Debattengrundlage an die Hand gegeben. Damit endet der Verantwortungsbereich des Deutschen Ethikrates.

Der Rat kann sich erlauben, zu keinem eindeutigen Ergebnis zu kommen und widerstreitende Positionen nebeneinander stehen zu lassen. Dass er damit ein Lehrstück ethisch-philosophischer Debattenkultur vorführen kann, gehört zum Wesen und zur Stärke des Gremiums und ist ein Luxus, den sich die Politik angesichts steigender Kritik an den Corona-Maßnahmen, wirtschaftlicher Unsicherheit und anhaltender Bedrohung von Risikogruppen nicht mehr lange wird erlauben können.