Lagos - Es gibt sie noch, die bösen Buben von Lagos. Wie aus dem Nichts tauchen sie neben dem Auto auf, verlangen Geld für Dienstleistungen, die niemand erbeten hat und die sie nie erbracht haben. Bleibt ihr Ansinnen erfolglos, wird ihre Stimme laut, ihr Gesicht verzerrt sich. Darauf folgt ein „Fuck you, white arse!“ und ein Schlag auf die Karosserie, dem bald weitere Schläge und eine zerborstene Windschutzscheibe folgen würden, hätte Mister Balugu, unser Fahrer, nicht noch rechtzeitig eine Lücke im dichten Verkehr erspäht. „Crackers!“, schimpft er – Irre! –, „wann endlich wird auch der letzte dieser nutzlosen Idioten verschwunden sein?“

Einst beherrschten sie die ganze Stadt, die sogenannten Area Boys. Sie trugen dazu bei, dass Nigerias Hauptstadt Lagos in aller Welt den übelsten Ruf genoss – die eines Hexenkessels, eines Gomorrha kurz vor der Sintflut. Autofahrer, Ladenbesitzer und Straßenverkäufer mussten Schutzgeld an sie zahlen, auch, wer sich einen in Nigeria lebensnotwendigen Generator anschaffte – wollte er die Stromerzeugungsmaschine nicht anderntags zertrümmert von der Straße auflesen. Geschäftsleute und Politiker mieteten die Jungs gelegentlich an, um sich Respekt oder Stimmen zu verschaffen. Und frühmorgens kreuzten Polizei-Lastwagen durch Lagos’ Straßen, um die toten Opfer nächtlicher Revierkämpfe der Area Boys aufzulesen.

Straßengangs als Steuereintreiber

„Es war rau“, sagt Godpower Mbong. Die vergangenen acht Jahre hat er als Area Boy unter einer Brücke im Stadtteil Apapa gelebt. Seinen Lebensunterhalt habe er mit „Gelegenheitsarbeiten“ verdient, erzählt der 28-Jährige – womit wohl Schutzgelderpressung gemeint ist. Seit einigen Monaten hat Godpower einen echten Job: Er wurde als Hilfskraft von der kommunalen Sheriff-Truppe angeheuert, die einen Hauch von Ordnung in den Verkehr und die Heere der Straßenhändler bringen soll. „Ist gar nicht schlecht“, murmelt er, „jedenfalls besser als früher.“

Godpower profitierte von einem Programm namens „Kick against Indiscipline“ – Schlag gegen die Disziplinlosigkeit –, mit dem der seit sechs Jahren regierende Gouverneur von Lagos, Babatunde Fashola, den Hexenkessel in den Griff zu bekommen sucht. Hunderte von Area Boys wurden zu Ordnungshütern umgepolt, andere zu Steuereintreibern, wieder andere auf Farmen oder in Kleinbetriebe verfrachtet. „Viele haben eine abgeschlossene Schulausbildung und sind leicht zu resozialisieren“, sagt Mojo Bello von der Kommunalverwaltung, der mit den Rekruten arbeitet. „Sie hatten bisher bloß keine Chance, einen ordentlichen Job zu finden.“

Bis vor kurzem brauchte ein Auto noch mehrere Stunden und eine Batterie voller Huptöne, um sich den Weg durch die Dr.-Nnamdi-Azikiwe-Straße auf Lagos-Island zu bahnen, einer der vier Halbinsel-Teile der Hafenstadt. Straßenhändler machten sich auf der Fahrbahn breit, unzählige gelbe Minibusse nutzten sie als Ein- und Ausstiegsstation. Regeln waren in dem Chaos keine auszumachen. Selbst nach mehrtägigen Aufenthalten wussten Besucher nicht, ob in Nigeria Links- oder Rechtsverkehr herrscht.

Ein ständiger Strom von Neuankömmlingen verstärkt den Druck: Tag für Tag schwillt Lagos um etwa 6 000 Menschen an. Mit zehn bis 18 Millionen Einwohnern – so sehr schwanken die Schätzungen – ist es nach Kairo die zweitgrößte Metropole Afrikas.

In jüngster Zeit hat sich jedoch unglaublich viel getan, sagt Monsuru Agbajie. Der Minibus-Fahrer sitzt neben seinem 34 Jahre alten gelben VW-Bus auf einem fußballfeldgroßen Platz im Stadtteil Ikoyi, der kürzlich für die populären Nahverkehrsmittel freigeräumt wurde. Früher stellten die Minibus-Chauffeure ihre zerbeulten Kisten einfach in der Straße ab, um sich eine Pause zu gönnen oder neue Fahrgäste aufzunehmen. Der Verkehr kam kaum voran. Pendler mussten um vier Uhr morgens das Haus verlassen, um rechtzeitig um acht bei der Arbeit zu sein, sie kamen nachts um zehn wieder nach Hause. „Alle waren immer nur müde“, sagt Agbajie.

Inzwischen bewegen sich die Autos in Ikoyi zumindest im Schritttempo, rote Busse rollen auf eigenen Fahrspuren an den kriechenden Karossen vorbei. Überall in der Stadt wird gebuddelt und gebaut. Die Baufirma Julius Berger bahnt eine zehnspurige Trasse zu den westlichen Außenbezirken, zwischen den Halbinselteilen wird eine Brücke nach der anderen hochgezogen, bald soll es sogar eine von Chinesen gebaute S-Bahn geben. War Lagos jahrzehntelang unter der korrupten Herrschaft immer neuer Militärgouverneure erstarrt, so jagt nun ein Erneuerungsplan den nächsten. Mit den Millionen, die die neuen Steuereintreiber von Händlern und Handwerkern einnehmen, finanziert Gouverneur Fashola Infrastrukturprojekte. Wo Slums oder Müllberge waren, entstehen Grünanlagen, chaotische Straßenmärkte weichen überdachten Markthallen, für die zehnspurige Trasse durch die Stadt werden unzählige illegal errichtete Häuser abgerissen.