Rauchen mit Maske. Ein Demonstrant protestiert vor dem Parlament in Kapstadt gegen das Tabakverbot.
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KapstadtKatlego Tshiloane raucht vor Wut: „Dieser Tabak-Bann macht keinen Sinn“, schimpft der 34-jährige Südafrikaner aus Johannesburgs Vorort Soweto. Früher hat er zwischen 10 und 20 Zigaretten pro Tag geraucht – das war vor den Ende März verhängten strikten Corona-Beschränkungen. Seitdem gab es zwar diverse Lockerungen, zum Beispiel wurde am 1. Juni das Verkaufsverbot für Alkohol aufgehoben. Doch der Tabakbann hat sehr zum Ärger der Raucher des Landes bis heute Bestand. Das heißt: Der Verkauf von Tabak bleibt verboten. De facto befindet sich damit eine ganze Nation seit mehr als drei Monaten in der wohl größten Raucher-Entzugskur der Geschichte.

Die Betroffenen wehren sich: Die Tabakindustrie ist auf den Barrikaden, Bürgerrechtler wittern schwere Eingriffe in die Persönlichkeitsrechte, Ökonomen warnen vor Steuerverlusten. Auch ist die Regelung nicht nicht ganz widerspruchsfrei, weil nur der Verkauf, nicht aber der Konsum von Tabak verboten ist. Kritiker werfen der Regierung vor, keine wissenschaftlichen Gründe, sondern allenfalls Vermutungen für die strikten Maßnahmen genannt zu haben. Kurzum, es fehlen Einsicht und Zustimmung.

Es ist aber auch verwirrend: Die zuständige Ministerin Nkosazana Dlamini-Zuma hatte den Bann damit begründet, dass Raucher gefährdeter für Komplikationen durch Covid-19 seien und das Gesundheitssystem übermäßig strapazieren könnten. Ein Gericht befand Anfang Juni allerdings, der Bann und ähnliche Maßnahmen stünden rational nicht im Zusammenhang mit einer Begrenzung der Covid-19-Infektionen. Vergangenen Freitag wiederum gab ein anderes Gericht in Pretoria der Ministerin recht und wies die Klage eines Verbands von südafrikanischen Zigarettenherstellern ab, der Fair Trade Independent Tobacco Association. Diese hatte argumentiert, Zigaretten sollten als lebensnotwendig eingestuft werden, weil sie süchtig machen.

Dabei hatte Johnny Moloto gewarnt: „Der fortwährende Bann für den legalen Tabakverkauf bedroht das Überleben des Tabaksektors.“ Der Manager vertritt die Interessen des Tabakkonzerns British American Tobacco South Africa (BATSA), mit einem Marktanteil von 78 Prozent Südafrikas größter Tabakkonzern. Der warnt vor den ökonomischen Folgen und argumentiert, dass die Branche dem Fiskus 2019 rund 13 Milliarden Rand (rund 678 Millionen Euro) an Steuern in die Staatskassen gespült habe. Sein Eilantrag vor Gericht auf Abschaffung des Banns wurde zuletzt überraschend auf Anfang August verschoben. Lisa Williams (61) aus Pretoria, die seit 20 Jahren dem Tabakgenuss frönt, glaubt daher nicht an eine baldige Aufhebung.

Raucher bedienen sich mittlerweile auf dem Schwarzmarkt mit dubiosem Ersatz wie Rooibosch-Zigaretten. „Ich habe es sogar mal mit grünem Tee in der Pfeife versucht“, gesteht Philip Newmarch (75). Der Kapstädter, der als 18-Jähriger mit dem Rauchen begann, war plötzlich von allem Nachschub abgeschnitten, als die Vorräte aufgebraucht waren. „Die letzte richtige Zigarette habe ich Mitte April geraucht.“

„Anfangs habe ich Vorräte für drei Wochen angelegt, dann war Schluss“, sagt die Yoga-Lehrerin. Noch hat sie keine Entzugserscheinungen: Wie andere auch entdeckte sie den Schwarzmarkt. Dort sei allerdings oft starker Tabak zu dubioser Qualität zu haben, meint der Johannesburger Pocha Ngulube, der seine Zigaretten einzeln kauft. „Früher kostete eine 3 Rand“, sagt er. Heute hat er sie mit viel Glück für 5 Rand gekauft.

Die Zigarette als Trophäe: Pocha Ngulube hat 5 Rand (26 Cents) für den Glimmstengel bezahlt.
Foto: dpa/Ralf Krüger

Auch Tshiloane bestätigt, dass Zigaretten problemlos zu bekommen seien. Die Preise sind aber hoch. Kostete die Stange Markenzigaretten einst 420 Rand (21,50 Euro), so fordern Schwarzmarkthändler nun 650 Rand (33,30 Euro). „Bei Markenzigaretten reichen die Preise sogar bis zu 1800 Rand (92,20 Euro)“, weiß Williams. Der Autor Max Du Preez rügt daher, der Bann habe die größte Verbrechenswelle in Südafrikas Geschichte ausgelöst, legt man die Zahl der individuellen Überschreitungen zugrunde. Millionen Bürger hätten erstmals Gesetze gebrochen. „Tausende Jobs in der Wirtschaft sind gefährdet, während die Kriminalität zur neuen Normalität wird“, klagt Manager Moloto.

Die Regierung dagegen glaubt, dass durch den Schwarzmarkt teilweise die negativen ökonomischen Folgen des Tabakbanns kompensiert werden. Sie hofft zudem, dass gut 10 Prozent der Raucher ihr Laster aufgeben – bei knapp zehn Millionen Rauchern im Lande wär das eine Million.

Bei Susan Gordon war das der Fall. Bis zu den Coronabeschränkungen war sie eine starke Raucherin. „Ich habe seit 33 Jahren geraucht, bin aber panisch geworden bei der Ausweitung des Lockdowns“, erklärt die 50-Jährige aus Johannesburg und meint: „Ich wusste, ich würde nicht genügend Zigaretten vorhalten können und hatte das Rauchen sofort drastisch reduziert“. Als sie merkte, dass es auch ohne geht, beschloss sie mit medizinischer Unterstützung aufzuhören.

Auch bei einigen Fans der ebenfalls verbotenen E-Zigaretten zeigt der Bann Wirkung. Nachdem der Akademiker Salim Vally sich zunächst über dubiose Quellen mit Nachschub eingedeckt hatte, gab er vor drei Wochen auf. „Der Bann hat bei mir wie ein Katalysator gewirkt“, resümiert er.