Autos stauen sich in einem Berliner Tunnel. Viele Kraftfahrer klagen über Staus und Stop-and-Go. Doch wenn es pro tausend Einwohner genauso viele Autos gäbe wie etwa in München, gäbe es wohl Tag und Nacht Stillstand.
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BerlinIst Berlin eine Autostadt? Zahlen, die der Senat vor Kurzem auf Anfrage der FDP-Fraktion veröffentlicht hat, lassen daran zweifeln. Denn sie zeigen, dass der Motorisierungsgrad in der Hauptstadt weiterhin sehr niedrig ist – und sogar gesunken ist. Den Daten zufolge waren in Berlin am Ende des Jahres 2017 pro tausend Einwohner 381,8 Kraftfahrzeuge zugelassen. Zum Vergleich: Der Durchschnittswert für Deutschland betrug 687. Damit ist Berlin unverändert das Schlusslicht. Das Auto spielt hier eine kleinere Rolle als anderswo. Das dürfte der verkehrspolitischen Debatte Stoff geben.

Der FDP-Fraktionsvorsitzende Sebastian Czaja wollte vom Senat für jeden Bezirk den Motorisierungsgrad wissen.Und so erfuhr er, dass in Friedrichshain-Kreuzberg nur 284,6 Kraftfahrzeuge pro tausend Einwohner zugelassen sind. Es ist der niedrigste Wert in der Auflistung, die das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg zusammengestellt hat. In Mitte, einem weiteren innerstädtischen Bezirk mit dichtem Bahn- und Radnetz sowie jungen Bewohnern, sind es 303. Neukölln folgt mit 326 Kfz – ebenfalls pro tausend Einwohner.

Reinickendorf an der Spitze

Den höchsten Motorisierungsgrad innerhalb Berlins stellten die Statistiker im Bezirk Reinickendorf fest – 460,2 Kraftfahrzeuge pro tausend Einwohner. In diesem Bereich sind auch Steglitz-Zehlendorf (456,7) und Treptow-Köpenick (444,9) zu verorten. Klar ist: Wo Bus- und Bahnlinien sowie Radwege weniger dicht gesät sind, ist das Auto relativ wichtig.

Aber selbst in den vermeintlichen Hochburgen spielt es keine so große Rolle wie anderswo. Das zeigt ein Blick auf Zahlen des Kraftfahrt-Bundesamts, deren Experten offenbar etwas anders kalkulieren als ihre Kollegen in Berlin.

Nach der Flensburger Rechnung gab es am 1. Januar 2018 in Berlin 404 Kraftfahrzeuge pro tausend Einwohner – so wenige wie nirgendwo sonst in Deutschland. In Bremen waren es 498, in Potsdam 505, in Hamburg 508, in Köln 523 und in München 578. Im Landkreis Teltow-Fläming waren Anfang des vergangenen Jahres sogar 767 Fahrzeuge pro tausend Einwohner zugelassen. Ein mageres Nahverkehrsangebot, weite Wege: Um ihren Alltag bewältigen zu können, halten die meisten Landbewohner ein Auto oder mehrere Autos für notwendig.

Auch wenn die Flensburger anders rechnen: Sie haben ebenfalls errechnet, dass der Motorisierungsgrad in der Hauptstadt sinkt – Anfang 2019 waren es 397 Fahrzeuge pro tausend Einwohner. „Der Senat begrüßt diese Entwicklung und fördert diese durch seine zukunftsgerichtete Verkehrspolitik“, sagt Staatssekretär Ingmar Streese (Grüne).

Zwar steigt die Zahl der Kraftfahrzeuge auch in Berlin – Anfang dieses Jahres begannen die Kennzeichen von 1,43 Millionen Vehikeln mit dem dicken „B“, davon waren 1,21 Millionen Pkw. Doch die Zahl der Berliner nimmt schneller zu – und viele Neubürger verzichten auf ein privates Auto. Hinzu kommt, dass sich junge Menschen in großen Städten immer seltener ein Auto anschaffen.

FDP fordert besseren Nahverkehr

Die FDP zieht aus der Faktenlage ihre eigenen Schlüsse. „Die Linkskoalition sieht im Pkw einen Sündenbock für die jetzige Verkehrsproblematik in Berlin“, sagt Fraktionschef Sebastian Czaja. Doch die „von Verkehrssenatorin Günther propagierte Autoflut entspricht nicht den Tatsachen, denn nur ein gutes Drittel der Berliner besitzt ein eigenes Auto“.

Die Grünen-Politikerin ignoriere, dass nicht jeder Transport mit einem Lastenfahrrad erledigt werden kann und nicht jede Fahrt mit Bahn oder Bus. Allerdings stünde außer Frage, dass die Metropolregion einen besseren Nahverkehr, mehr Carsharing und Park-and-Ride braucht – auch in den Außenbezirken. Das wäre besser, „anstatt die Stadt immer weiter mit Tempo 30 und Dieselfahrverboten auszustatten“, sagte Czaja.