Nobelpreis-Medaille mit dem Profil Alfred Nobels, zu sehen im Nobel-Museum in Stockholm.
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BerlinAn wen gehen dieses Mal die Nobelpreise? Wird jemand aus Deutschland dabei sein? Gar eine Berlinerin, ein Berliner? So fragt mancher mit Blick auf die beginnende Woche. Gern wird daran erinnert, dass allein die alte Berliner Universität Unter den Linden einst 29 Nobelpreisträger hervorgebracht hatte. Sie hießen Albert Einstein, Max Planck, Otto Hahn, Robert Koch, Werner Heisenberg und Erwin Schrödinger, um nur einige zu nennen.

Im Gegensatz zur Ära vor hundert Jahren, in der Deutschland die Nobelpreis-Schmiede der Welt war, ist das Land heute recht weit abgeschlagen. In den Sparten Medizin, Physik und Chemie gingen bisher mehr als 330 Nobelpreise in die USA und fast 110 nach Großbritannien. Deutschland ist mit 80 Nobelpreisen dabei, und 45 davon erhielt es in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Lediglich neun sind es seit der Jahrtausendwende! Der letzte Geehrte aus Berlin war 2007 der Oberflächenchemiker Gerhard Ertl.

Natürlich darf man den Aderlass der deutschen Wissenschaft durch Hitler, Krieg, Zusammenbruch und deutsche Teilung nicht vergessen, der tatsächlich bis heute nachwirkt. Denn mit den Nobelpreisen von heute werden Leistungen geehrt, die oft schon in den 1960er- bis 1980er-Jahren erbracht wurden. In jener Zeit zogen viele junge Forscher in die USA. Nicht wenige blieben dort, dank viel besserer Bedingungen in den Elite-Labors von Harvard, MIT und Stanford: mit weniger Bürokratie, Millionen-Etats und einer kreativen Atmosphäre. Zu einer solchen gehörte auch der „Mitternachtskaffee, bei dem oft die halbe Abteilung da war“, erinnert sich ein Berliner Genforscher. Man habe für den Durchbruch gearbeitet, nicht für das Gehalt.

Doch Deutschland hat inzwischen aufgeholt. Die wichtigste Voraussetzung dafür war, dass man sich irgendwann auch in der Politik wieder zum Begriff der Elite bekannte, der lange verpönt gewesen war. In Berlin entstanden unter anderem  sogenannte Exzellenzcluster, die Einstein-Stiftung und das Berlin Institute of Health (BIH), die im Zusammenspiel mit anderen Instituten Spitzenforscher aus aller Welt an die Stadt binden. Berlin ist etwa dabei, die Krebsforschung weit voranzubringen, mit tiefen Blicken in Zellen, Gene und komplexe Zusammenhänge.

Deutsche Forscher könnten ab 2025 sogar bessere Chancen auf den Nobelpreis haben als amerikanische, sagte Claudius Gros, ein Physiker aus Frankfurt am Main. Viele US-Forscher konzentrierten sich nämlich inzwischen nicht mehr auf die klassischen Nobel-Bereiche Medizin, Physik und Chemie, sondern auf Felder wie Computerwissenschaften und Robotik, in denen man schneller Fortschritte machen könne.

Hier zeigt sich ein Widerspruch: Einerseits steigen Forschungsleistungen und Chancen, andererseits bildet der Nobelpreis die rasante Entwicklung in den Wissenschaften nur noch bedingt ab. Er wirkt wie ein Relikt von vor hundert Jahren. Denn einsame Pionierleistungen großer kluger Männer gibt es kaum noch. Die Einsteins, Plancks und Kochs von heute sind meist vernetzte Teams. Viele große Fragen der Wissenschaft werden über Länder- und Fächergrenzen hinaus gelöst. Am Nachweis der einst von Einstein vorhergesagten Gravitationswellen im Universum waren zum Beispiel Hunderte Forscher weltweit beteiligt. Nur drei von ihnen erhielten 2017 den Nobelpreis.

Während sich Alfred Nobel 1885 noch gewünscht hatte, dass diejenigen geehrt werden sollten, „die im verflossenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen geleistet haben“, warten Forscher oft Jahrzehnte auf ihre Ehrung. Mancher muss fast hundert Jahre alt werden, bis es so weit ist. Viele erleben es gar nicht. Ein großes Problem bei der Auswahl ist: Wie definiert man überhaupt den größten Nutzen für die Menschheit? Dies ist eine sehr willkürliche Sache.

Und noch etwas: Unter den bisher etwa 610 geehrten Naturwissenschaftlern sind nur 18 Frauen. Kurz gesagt: Das Gesicht des Nobelpreises ist männlich, weiß und alt. Er sollte in seiner Bedeutung dringend relativiert werden gegenüber anderen, moderneren Forschungspreisen.

Aber leider kann man so etwas nicht einfach beschließen. Der Nobelpreis hat seinen eigenen Reiz. Und deshalb ist es gut, dass es ihn überhaupt gibt. Denn er ist so etwas wie ein Oscar der Wissenschaften – mit allen Eitelkeiten und Skurrilitäten. Es ist der einzige Forschungspreis, der in der breiten Öffentlichkeit wirklich wahrgenommen wird. Er bringt so manchen dazu, sich wenigstens einmal im Jahr mit Forschung zu befassen. Ob nun Berlin mit dabei ist oder nicht – wir werden wieder gebannt nach Stockholm schauen.