Swetlana Alexijewitsch, aufgenommen am 9. September an ihrer Wohnungstür in Minsk.
Foto: dpa

BerlinDie Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch hat Belarus verlassen und ist in Berlin angekommen. Das meldete am Montagmittag die Deutschen Presse-Agentur. Die Stadt ist ihr vertraut, in Berlin lebte sie in den Jahren 2011/12 als Gast des Berliner Künstlerprogramms des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), hier stellte sie ihr zuletzt erschienenes Buch „Secondhand-Zeit“ fertig. Doch nicht eine romantische Sehnsucht trieb sie zurück, sondern die gefährliche Situation in ihrer Heimatstadt Minsk.

Die 72-Jährige gehört dem Präsidiums des Koordinierungsrates der Opposition in Belarus an, der zunehmend den Angriffen von staatlichen Sicherheitskräften ausgesetzt ist. Nicht einmal die Tatsache, dass Alexijewitsch 2015 den Literaturnobelpreis und zwei Jahre zuvor den auch international renommierten Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten hat, bedeutete ausreichend Schutz für sie. Westliche Diplomaten hatten in den vergangenen Wochen einen Wachdienst vor ihrer Wohnung in Minsk eingesetzt, um sie vor unpassendem Besuch zu schützen.

Was macht die Schriftstellerin für Lukaschenkos Regierung so gefährlich? Es ist ihre Art zu schreiben. Alexijewitsch versteht sich nicht als Dichterin, von Beginn verfolgte sie eine Methode der Recherche, die den einzelnen Menschen zu Wort kommen lässt. Im Sozialismus war es üblich, dass die Parteiführung entschied, was das Volk zu denken habe, Swetlana Alexijewitsch erkundigte sich jedoch in Abertausenden Gesprächen bei Frauen und Männern nach ihren Lebensbedingungen. Sie hat Mütter gesprochen, die im Zweiten Weltkrieg an die Front mussten und später ihre Söhne in Afghanistan verloren haben. Sie hat erfahren, wie wertlos im Land der Arbeiterklasse die Rolle täglicher Arbeit gemacht wurde, durch schlechte Produktionsbedingungen und ungerechte Verhältnisse. Hinter jeder Losung sucht sie die Menschen, die davon betroffen sind.

„Erst haben sie uns das Land gestohlen, jetzt greifen sie die Besten von uns auf“, sagte Swetlana Alexijewitsch, als die ersten Mitglieder des Koordinierungsrates festgenommen wurden. Hunderte andere kämen an ihrer Stelle. Das Land bäume sich auf gegen den Machtapparat. Es gehe hier aber nicht um einen Umsturz, wie von Lukaschenko behauptet. „Wir wollten keine Spaltung in unserem Land. Wir wollten, dass in der Gesellschaft ein Dialog beginnt.“

Alexijewitsch, die in der Ukraine geboren wurde und in der Belorussischen Sowjetrepublik aufgewachsen ist, schreibt auf Russisch, fühlt sich auch der russischen Kultur nahe. Nachdem sich Alexander Lukaschenko der Unterstützung des russischen Staatspräsidenten Putin versichert hatte, richtete sich die Schriftstellerin an Intellektuelle in Russland: „Warum schweigt Ihr? Warum schweigt Ihr, wenn Ihr seht, dass ein kleines stolzes Volk getreten wird? Wir sind doch Eure Brüder.“

Mitte September veröffentlichen internationale Intellektuelle, die ebenfalls mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden sind, wie Carolin Emcke, David Grossman und Orhan Pamuk, eine Solidaritätserklärung für Alexijewitsch. Sie forderten darin „die Einstellung der Einschüchterung, der Terrormaßnahmen gegen sie wie gegen die bisher so friedlich verlaufene Bewegung des belarussischen Volkes“.

Neben dem Gewerkschafter Sergej Dylewski war Swetlana Alexijewitsch bis Montag noch das letzte Mitglied des Präsidiums des Koordinierungsrats der belarussischen Zivilgesellschaft, das nicht bereits im Ausland oder inhaftiert war. Sie wolle ihre Ausreise nicht als Emigration verstanden wissen, sondern bald in ihre Heimat Belarus zurückkehren. Das sagte die Assistentin der 72-Jährigen, Tatjana Tjurina, am Montag dem belarussischen Nachrichtenportal tut.by. Die Schriftstellerin wolle in Schweden eine Buchmesse besuchen und in Sizilien eine Auszeichnung entgegennehmen. Ihre Rückkehr sei aber abhängig von der Lage in Belarus.