Berlin - In wenigen Wochen wird es ganz anders aussehen hier im Sitzungssaal im Reichstag mit dem großen metallenen Bundesadler an der Stirnseite. Viele Abgeordnete werden nicht mehr dabei sein nach der Bundestagswahl.

Manche Fraktionen werden mehr, andere weniger Sitzplätze haben. Weil eine Beschränkung der Abgeordnetenzahl gescheitert ist, dürfte es enger werden. Aber vor allem: Zwei neue Parteien dürften dazu kommen, die FDP erneut, die AfD zum ersten Mal. Der nächste Bundestag wird ein sehr anderer sein.

Ein Plädoyer für die Demokratie

Zum letzten Mal tritt das Parlament am Dienstag  in alter Formation zusammen. Abgeordnete schießen Erinnerungsfotos und umarmen sich. Bundestagspräsident Norbert Lammert, der auch nicht mehr kandidiert, nutzt den Tag für eine Mahnung.

Der CDU-Mann hält nach 37 Jahren als Abgeordneter  und zwölf Jahren als Parlamentspräsident, seine Abschiedsrede. Es ist ein Plädoyer für die Demokratie, eine Mahnung an Regierung und Wähler gleichermaßen. Er wolle würdigen, „was keine Selbstverständlichkeit ist“, sagt Lammert und erinnert an das geteilte Deutschland und Europa.

Einigkeit und Gemeinsamkeit nimmt er in den Fokus und ein Bewusstsein für demokratische Errungenschaften.

Warnungen und Vorwürfe in Richtung der AfD

Vor ihm sitzen die Abgeordneten von Union, SPD, Linkspartei und Grünen. Aber die AfD sitzt schon mit im Raum. Zwei dringende Bitten formuliert Lammert da: Die Politiker müssten die Konsens über den Parteienwettbewerb stellen, um sich gegen Fanatiker zur Wehr zu setzen.

Dies sei eine Lehre aus „den Abstürzen der Geschichte“. Politiker hätten auch die Aufgabe, „Antworten auf komplexe Fragen zu entwickeln, auch und gerade dann, wenn es dafür nicht bereits eine erkennbare Erwartung oder gar Mehrheit in der Bevölkerung gibt“.

Andere Redner werden später konkreter. Sie werfen der AfD Rassismus vor. SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann etwa spricht von einer „Schande für Deutschland“. Es sind die Momente, in denen alle für alle klatschen.

Kritik am Parlament

Lammert fordert die Wähler auf, ihr Wahlrecht wertzuschätzen, als Möglichkeit „darüber befinden zu können, von wem sie regiert werden wollen“. Der Bundestag schließlich sei „stärker und einflussreicher“ als viele Parlamente anderer Länder. „Für Minderwertigkeitskomplexe besteht kein Anlass.“

Er spart auch nicht mit Kritik: Bundestag und Bundesregierung seien zum Teil „allzu großzügig“ mit der Verfassung umgegangen, die sie oft zum Schlechteren verändert hätten.  Und so wirft der CDU-Mann den Abgeordneten zu wenig Eigenständigkeit vor: Die Aufgabe des Parlaments, die Regierung zu kontrollieren, sei „nicht immer so ausgeprägt“, sagt er und erinnert die Parlamentarier an ihr freies Mandat, „nur ihrem Gewissen unterworfen“.

„Im Bundestag schlägt das Herz der Demokratie“

Es ist eine Rede in bester Lammertscher Tradition: Immer wieder ist der nordrhein-westfälische CDU-Politiker in den vergangenen Jahren mit der Regierung aneinander geraten, so sehr, dass Merkel zögerte, ihn als Bundespräsidenten vorzuschlagen.

Er hat ihr Missachtung der Parlamentsrechte vorgeworfen, etwa weil der Bundestag nur wenig Zeit bekam für schwerwiegende Entscheidungen wie zur Griechenland-Hilfe oder zum Atomausstieg. Oder er beklagte mangelnde Information über die Unterlagen für das geplante TTIP-Freihandelsabkommen.

„Hier im Bundestag schlägt das Herz der Demokratie – nicht in der Geheimschutzstelle“, wiederholt er nun und ergänzt sarkastisch: Immerhin seien in Regierungsbefragungen mittlerweile „leibhaftige Mitglieder der Bundesregierung“ anwesend.

Seine Rede schließt Lammert mit dem Hinweis: „Auch Demokratien brauchen Kraft.“ Es applaudieren alle Fraktionen, im Stehen.

Union und SPD prallen aufeinander

Und dann ist wieder Wahlkampf.  Linkspartei-Spitzenkandidatin Sahra Wagenknecht wirft der Kanzlerin vor, die Republik in Trance zu versetzen und einen „Schönwetterwohlfühl-Wahlkampf“ zu führen.

Am heftigsten aber prallen Union und SPD aufeinander, die noch zusammen regieren, aber gleichzeitig um das Kanzleramt konkurrieren. SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz sitzt nicht im Parlament. Statt ihm verkündet Fraktionschef Thomas Oppermann: „Das Land braucht keine Bundeskanzlerin, die nur sozialdemokratisch redet.“

Arbeitsministerin Andrea Nahles feuert ihre Kritik an Merkel in den Raum „Die nächste Kanzlerkandidatin der SPD“, amüsiert sich Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt. Zum Hauptthema der Auseinandersetzung werden die Rüstungsausgaben.

SPD und Union sind Abhängig von einander

Auch die Kanzlerin wird ein wenig verlässt ihre sonst so staatstragende Rolle. Die Erfolge, die die Merkel schildere, seien vor allem SPD-Ideen, rufen SPD-Abgeordnete in Merkels Rede hinein. „Gegen meinen Willen und gegen die Unionsabgeordneten konnten sie in diesem Parlament gar nichts bewegen“, bescheidet die Kanzlerin der SPD.

Es ist ein seltener Moment des Triumphes, den sie sich da erlaubt. Ihr Vizekanzler Sigmar Gabriel lobt Merkel ein wenig später in der Debatte ausdrücklich für Fairness in der Zusammenarbeit.

Merkel verzichtet auf ein Lächeln als ahne sie, was noch kommt. Und Gabriel fügt tatsächlich noch etwas an, höchst verbindlich im Ton: Ohne SPD habe Merkel wirklich nicht viel erreichen können. „Wir mussten helfen gegen Seehofer und Schäuble, dass Sie einen Willen haben durften. Ich finde, wir haben gut auf Sie aufgepasst.“

Ein paar Sekunden lang kann man in der Debatte im Übrigen meinen, die Bundeskanzlerin hätte abgedankt. „Ich möchte darauf hinweisen, dass meine Zeit so gut wie vorbei ist“, sagt Merkel da.  In SPD und Opposition wird geraunt und gelacht. „Meine Redezeit“, ergänzt Merkel schnell. „Mein Gott“, sagt sie dann. „Wie weit sind wir gekommen?“