Berlin - Der Soziologe und Publizist Norbert Seitz veröffentlichte 1998 das Buch „Doppelpässe. Fußball und Politik“. Vor dem Spiel gegen Schweden äußert er sich über Parallelen zwischen Angela Merkel und Jogi Löw.

Herr Seitz, was fällt Ihnen heute zum Zusammenhang zwischen Fußball und Politik ein?

Norbert Seitz: Einiges, wenn ich sehe, wie das beim Party-Patriotismus während der Weltmeisterschaft 2006 war und was heute daraus geworden ist, nämlich: Rechtspopulismus, Nationalismus und viel Gewalt in den Stadien. 2006 wurden auch die Fankurven weiblicher, was der Fankultur damals sehr gut getan hat. 2017 hatten wir dann das hässliche Foul von Alexander Gauland gegen Jerome Boateng. Und nunmehr die Auseinandersetzung um die türkisch-stämmigen Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan. Es hat seit dem Sommermärchen eine regressive Entwicklung eingesetzt. Das ist sehr, sehr schade.

Sowohl die Nationalmannschaft als auch die Bundesregierung stecken in einer Krise. Ist das Zufall oder mehr?

Ich weiß nicht, ob das Zufall ist. Es hat früher eine starke Verschwisterung gegeben zwischen der Kanzlerin einerseits und der Nationalmannschaft andererseits. Sie war dort gern gesehen. Das ist jetzt alles infrage gestellt, auch wegen der schlechten Beziehungen zu Russland. So gesehen, gibt es eine symbolische Entsprechung und atmosphärische Ähnlichkeiten zwischen Politik und Fußball. Frau Merkel droht das Schicksal der Nationalmannschaft: nämlich stückchenweise demontiert zu werden.

Reißen es die Nationalmannschaft und die Regierung denn mit ihrer Erfahrung am Ende noch mal raus? Oder sind beide einfach schon zu lange dabei, sprich: zu alt?

Es ist wohl so, dass beide ihren Zenit überschritten haben. Für Frau Merkel gilt das in jedem Fall. Viele denken: Es ist jetzt genug mit ihr. Hier müsste eine Wende passieren. Und wenn Jogi Löw früh ausscheidet, dann wird es ganz sicher eine Debatte um ihn geben.

1998 zum Beispiel war Berti Vogts ganz schnell weg, als er als amtierender Europameister früh aus dem Turnier flog. Die Gegner wissen hier wie dort, wo die wunden Punkte bei den Deutschen sind. Auch die Mexikaner haben die DNA des deutschen Fußballs sehr schnell gelesen. Man darf also gespannt sein, wie es weiter geht. Ich glaube, dass Deutschland zwar nicht so rasch ausscheiden, aber seinen WM-Titel am Ende nicht verteidigen wird.

Trotzdem halten Sie es für möglich, dass Löw und Merkel noch in diesem Sommer von der Bühne abtreten.

Für denkbar ja, für wahrscheinlich nein. Doch für sie wird die Karriere zur Rutschbahn – auch wenn beide gewissermaßen noch einen Vertrag haben. Sollte diese Regierung scheitern, wäre äußerst fraglich, ob Merkel noch mal eine neue Regierung hinbekäme. Und ob Löw der richtige Mann wäre, um nach einem frühen Ausscheiden eine neue, jüngere Mannschaft aufzubauen, ist ebenfalls zweifelhaft. Löw hat zu lange an den bewährten Kräften festgehalten.

Ansonsten scheint bei den Spielen der Fußball-WM alles ziemlich normiert zu sein. Es gibt viel Einerlei und wenig Kreativität. Ist das die Alternativlosigkeit, die wir auch sonst erleben?

Ja, das ist ganz eindeutig so. Wir sehen knüppelharten Mauerfußball. Bis Donnerstag gingen acht Spiele 1:0 aus. Es gab jede Menge Tore nach Elfmetern und Freistößen und aus Standardsituationen statt aus dem Spiel heraus. Daran sieht man: Es fehlt an Kreativität. Alle gehen auf Sicherheit. Das wiederum ist Indiz für die instabilen Zeiten, in denen wir leben, und die gesellschaftlichen Verhältnisse.

Auf jeden Fall fehlt der einst „linke Fußball“ aus Lateinamerika oder Südeuropa mit seinen unkonventionellen, politisch engagierten Spielern. Und die Italiener sind erst gar nicht dabei.

Die Italiener waren trotz ihres Catenaccio immer noch eine Bereicherung. Und den linken Fußball aus Lateinamerika gibt es tatsächlich nicht mehr. Zwar haben die Mexikaner erfreulich offensiv gespielt, aber mehr ungestüm als mit Esprit.

Die Brasilianer sind nach der WM im eigenen Land und dem 1:7-Debakel gegen Deutschland ohnehin traumatisiert. Auch sie spielen überwiegend Sicherheitsfußball. Von Lateinamerika kommt kein Anstoß. Und in Europa? Ich habe die Holländer immer sehr bewundert wegen ihrer vorwärts gerichteten Dynamik. Aber sie haben leider die Qualifikation nicht geschafft. Kann sein, dass Belgien oder England noch positiv überraschen.

Und was kommt nach der WM?

Das Turnier wird mit Sicherheitskicken bis zum Ende kommen. Dabei wird es gewiss auch Überraschungssieger geben. Sicher ist: Der Weltfußball befindet sich in einer kreativen Delle. Das gilt für die Politik in gleicher Weise. Und so lange beide behaupten, es gebe keine Alternative, wird sich daran auch nichts ändern.