Warten auf Nord Stream 2: Die Röhren für die Pipeline liegen seit Monaten im Mukran Port.
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SassnitzVor zwei Jahren reiste Frank Kracht, Bürgermeister von Sassnitz, in die USA, um eine neue Freundschaft zu besiegeln. Sassnitz hatte eine Städtepartnerschaft geschlossen, mit Port Washington am Michigansee. Zwei kleine Hafenstädte auf zwei Kontinenten, Völkerverständigung von unten, „kommunale Außenpolitik“ nennt man das. Kracht war das erste Mal in den Vereinigten Staaten, und selbstverständlich hatte er ein Gastgeschenk dabei,  das sorgte für Irritationen, als Zollbeamte am Flughafen von Chicago seine Tasche öffneten: weißes Pulver in Plastiktütchen. Damals ließ sich das Problem schnell aus der Welt räumen. „Es war Heilkreide“, sagt Kracht und lacht, eine Spezialität der Insel Rügen, man schmiert sie sich ins Gesicht oder streut sie ins Badewasser. Harmlos. Mit zurück brachte Kracht ein Bierglas mit Segelschiffen drauf.

Die Beziehungen zwischen Sassnitz und den USA waren also bestens. Aber seit fünf Wochen ist es kompliziert. Und es kann sein, dass Kracht so schnell nicht wieder in die USA reist. Denn dort hält man ihn jetzt nicht mehr für einen harmlosen Kleinstadtbürgermeister.

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Anders kann man diesen Brief nicht verstehen, der am 6. August in Sassnitz eintraf. Absender: die Senatoren Ted Cruz, Tom Cotton und Ron Jonson, aus Texas, Arkansas und Wisconsin, abgeschickt in Washington D.C., zugestellt an die Fährhafen Sassnitz GmbH, adressiert an den Geschäftsführer und den Prokuristen. Die Senatoren drohten mit „erdrückenden legalen und wirtschaftlichen Sanktionen“, sollte der Hafen weiterhin dem Bau der Gaspipeline Nord Stream 2 „signifikante Güter, Dienstleistungen und Unterstützung“ zur Verfügung stellen. Die Sanktionen würden „fatale“ Maßnahmen enthalten, die sich gegen alle richteten, die mit dem Hafen zu tun hätten, von den Eigentümern bis zu den einfachen Arbeitern.

Sollten die Sanktionen, die Republikaner und Demokraten befürworten, Wirklichkeit werden, fände sich Sassnitz plötzlich in einer Reihe mit Schurkenstaaten wie Nordkorea und Iran wieder.

Frank Kracht beschloss, erst mal nicht auf den Brief zu antworten. „Solchen Leuten“, sagt er, „darf man nicht zu viel Aufmerksamkeit schenken.“ Was schwierig ist, wenn es um ein Zehn-Milliarden-Euro-Projekt geht, das kurz vor der Fertigstellung steht.

Sanktionen gegen alle, die den Bau von Nord Stream 2 unterstützen

Auf einer Länge von 1230 Kilometern soll das Gas vom russischen Wyborg bis nach Lubmin bei Greifswald fließen. Eigentümer ist die Nord Stream 2 AG, die zu 100 Prozent dem russischen Energiekonzern Gazprom gehört. Die Pipeline hätte längst fertig sein sollen. Aber seit Dezember geht es nicht weiter. Es fehlen nur noch 160 Kilometer. Und im Moment kann keiner genau sagen, ob Nord Stream 2 überhaupt fertig wird.

Mit Nord Stream 2 mache sich Deutschland zur Geisel Russlands, verkündete der amerikanische Präsident Donald Trump im vergangenen Jahr. Das Projekt sei eine Bedrohung für die nationale Sicherheit Amerikas. Und wohl auch für dessen wirtschaftlichen Interessen, weil die USA gerne ihr eigenes Gas nach Europa verkaufen würden. Im Dezember unterzeichnete Trump dann ein Gesetz, das ihn dazu verpflichtet, alle mit Sanktionen zu belegen, die den Bau von Nord Stream 2 unterstützen.

Vom Sassnitzer Fährhafen Mukran aus wurden die Röhren und Arbeiter zur Baustelle auf dem Meer gebracht. Nord Stream 2 hat Geld und Arbeitsplätze in die Stadt gebracht, die in einer Region liegt, die als strukturschwach gilt. Der Hafen gehört der Stadt Sassnitz zu 90 Prozent und zu zehn Prozent dem Land Mecklenburg-Vorpommern. Als Kracht vor fünf Jahren zum Bürgermeister gewählt wurde, wurde er automatisch Gesellschafter des Hafens. Ausgesucht hat er sich das nicht, es ist sein Job. Aber das hilft ihm jetzt auch nichts.

Fünf Wochen sind vergangen. Seitdem sind Dutzende Journalisten aus der ganzen Welt die knarzende Holztreppe hochgestiegen, die zu Krachts Büro führt, haben an seinem ovalen Besprechungstisch gesessen; er hat die Geschichte des Briefes erzählt, weil es ihm wichtig ist, sagt Kracht, nicht nur herumzusitzen und zu warten, er hat darüber gesprochen, wie die Weltpolitik zum Showdown in seine kleine Stadt kam. Warum der staatlich anerkannte Erholungsort Sassnitz seit Wochen im Zentrum eines geopolitischen Ringens steht, in dem es um die ganz großen Fragen geht: die Zukunft der europäischen Energieversorgung, die Menschenrechte, den Klimawandel. Es ist eine richtig gute Story.

Als die „New York Times“ und CNN anriefen, kam der Energieminister von Mecklenburg-Vorpommern persönlich vorbei, um eine Hafenführung zu geben. Alles andere übernimmt Kracht. Und es hört nicht auf. Spanier, Polen, Schweden, Italiener, Norweger, vergangene Woche strandete eine Delegation chinesischer Journalisten auf dem kleinen Bahnhof in Liegnitz. Taxis gibt es auf Rügen nur mit Vorbestellung, Handyempfang ist Glückssache, eine Stunde dauerte es, bis der Pressesprecher des Hafens sie endlich auflas.

An diesem Morgen ist das estnische Fernsehen gerade zur Tür raus, der Kameramann filmt das Rathaus noch von außen, die schönen alten Bleiglasfenster, die Freske einer Meerjungfrau über der Tür. Die Tschechen haben abgesagt, Kracht hat also Zeit.

Lässt sich nicht einschüchtern: Frank Kracht, Bürgermeister der Stadt Sassnitz auf Rügen.
Foto: dpa/Stefan Sauer

Er ist ein großer Mann mit breitem Kreuz, 53 Jahre alt, trägt ein weißes Hemd und die Haare mit Gel zu Stacheln aufgestellt. Vor der Wiedervereinigung war er Offizier bei der Volksmarine in Penemünde, er habe studieren wollen, erzählt er, danach arbeitete er als selbstständiger Arbeitsvermittler. Wenn Kracht von Westdeutschland spricht, sagt er „die gebrauchten Bundesländer“, wenn es „neue Bundesländer“ gibt, muss es ja auch gebrauchte geben. 2000 ließ er sich in die Stadtvertretung wählen. „Wenn man etwas verändern will, muss man selbst was tun.“

In der Ecke des Raumes steht ein zwei Meter hoher Tannenbaum, Kracht fand, der Raum brauche ein wenig Grün. Eine Vitrine hat seine Frau dekoriert, mit Donnerkeilen, Hühnergöttern und kleinen Zwergen aus Kalk. Die Insignien Rügens. Kracht ist auf der Insel geboren, aufgewachsen in der Altstadt, ein echter Rüganer, mit a, Rügener sind die Zugezogenen.

Kracht ist gerne Bürgermeister. Er gehört keiner Partei an. „Ich will mich nicht von der Bundespolitik gängeln lassen“, sagt er.

Und es ist ja auch nicht so, als wäre nichts los in Sassnitz, wo es alte weiße Villen gibt, mit Veranden aus Holz wie in den Südstaaten. Hier liegt der Wahlkreis der Bundeskanzlerin Angela Merkel, jedes Jahr kommt sie zum Neujahrsempfang vorbei. Und gerade sind mal wieder alle Zimmer ausgebucht. „Nicht eine Besenkammer frei“, sagt Kracht. Die Spanier und Türken machen jetzt Ferien – und alle Deutschen, die keine Schulkinder zu Hause haben. Überall in den steilen Altstadtgassen stehen Filmleute mit ihren Scheinwerfern und Klappstühlen herum, drehen für die ARD, „Praxis mit Meerblick“. Und die SPD in der Stadtvertretung hat vor ein paar Tagen beschlossen, mit der AfD zusammenzuarbeiten. Aber das ist eine andere Geschichte. Jetzt will Kracht über diesen Brief sprechen.

Zerstören kann man uns nicht, dafür sind wir zu stark.

Frank Kracht, Bürgermeister von Sassnitz

Eigentlich ging es schon im Dezember los. Da trafen die Drohungen noch andere. Aber die Auswirkungen waren auch in Sassnitz zu spüren, als die Schweizer Firma Allseas aus Angst vor den Sanktionen der USA das Schiff abzog, das die letzten 160 Kilometer Röhren verlegen sollte. In Sassnitz waren die Röhren mit Beton ummantelt worden, 25.000 Stück sind noch da, jedes 12 Meter lang und 24 Tonnen schwer, und warten hinter mit Stacheldraht bewehrten Zäunen in Mukran darauf, dass Nord Stream 2 zu Ende gebaut wird.

Ob das passiert, kann Kracht fast egal sein. „Von unserer Seite ist das Projekt Nord Stream 2 längst abgeschlossen“, sagt er. In Sassnitz werden jetzt Betonteile für die Kopenhagener U-Bahn gefertigt. Darum geht es Kracht: Er will den Hafen, der 1986 eröffnet wurde, zukunftsfähig machen. Mukran wurde als Fährhafen für die russische Eisenbahn gebaut, was auch erklärt, warum man sich in Sassnitz den Russen verbunden fühlt, wirtschaftlich und kulturell. Moskau war hier immer schon näher als Washington. Jetzt soll „Honeckers Superhafen“ ein Multifunktionshafen für das 21. Jahrhundert sein. Deshalb sind die angedrohten Sanktionen etwas, das Kracht sehr ernst nimmt. „Aber zerstören kann man uns nicht, dafür sind wir zu stark“, das erzählt er jedem, der fragt. Es ist seine Botschaft an die Amerikaner.

Zahlreiche Unternehmen haben sich in den vergangenen Jahren in Sassnitz angesiedelt. Fischereifirmen verladen hier ihre Heringe, zwei Offshorewindparks werden von Mukran aus betrieben und gewartet. Aber was, wenn wirklich jeder, der mit dem Hafen verbunden ist, von Sanktionen bedroht ist? „Jeder hat doch heutzutage irgendwo mit den USA zu tun“, sagt Kracht.

Polnischer Ministerpräsident fordert sofortigen Stopp von Nord Stream 2

Seit Mai liegt ein russisches Schiff in Mukran. Es ist blau, hat einen Hubschrauberlandeplatz und ist teilweise eingerüstet. Darüber ragt ein riesiger Kran empor. Das Schiff muss erst umgebaut werden, um seine Arbeit aufzunehmen, der Name „Akademik Cherskiy“ ist abgeklebt. Und solange es nicht fertig ist, ist es zwar für jeden gut sichtbar, der am Mukran Port anhält. Aber Kracht beharrt: „Da ist kein Schiff.“

Seit Mai liegt das russische Schiff „Akademik Cherskiy“ in Mukran.
Foto: dpa/Jens Büttner

Soll heißen: Bis es fertig und neu klassifiziert ist, existiere es für ihn nicht. Anlegen lassen musste er das Geisterschiff trotzdem, der Hafen wurde mit EU-Geldern ausgebaut, erklärt Kracht, daran seien Bedingungen geknüpft, eine davon sei, dass der Hafen „diskriminierungsfrei“ ist, jedem Schiff einen Liegeplatz anbieten muss. Das sei eine von vielen Sachen, die die Amerikaner offensichtlich nicht verstünden, sagt Kracht.

Manchmal kann er darüber fast lachen. Dann ärgert es ihn wieder, „dass sich jemand erdreistet, Menschen zu bedrohen, die nur ihrer Arbeit nachgehen“. Es ist schließlich nicht er, der über den Weiterbau von Nord Stream 2 entscheidet, da gebe es Verträge, Genehmigungen, die rechtlich sicher sind. „Wir sind einfach der falsche Ansprechpartner.“

Mit kommunaler Außenpolitik jedenfalls kommt Kracht hier nicht weiter. Die Lage ist unübersichtlich. Der polnische Ministerpräsident fordert den sofortigen Stopp von Nord Stream 2, die baltischen Staaten stehen ebenfalls aufseiten der USA; ginge die Pipeline in Betrieb, würden ihnen die Gebühren entgehen, die sie bisher dafür bekommen, dass sie das Gas durchlassen. Die Schweden sehen Nord Stream 2 eher kritisch, Finnland ist neutral, Dänemark sagt lieber nichts. Die EU hat noch kein gemeinsames Vorgehen beschlossen. Manuela Schwesig, Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, reiste am vergangenen Freitag nach Sassnitz, besuchte zusammen mit Frank Kracht den Hafen und nutzte die Gelegenheit, den „Erpressungsversuch“ nochmals zu verurteilen.

Und Angela Merkel? Hat sich öffentlich bisher zurückhaltend zu Nord Stream 2 geäußert. Dann wurde der russische Oppositionspolitiker Alexej Nawalny vergiftet, und plötzlich hat das eine mit dem anderen zu tun. Denn wie kann die Bundesregierung den Giftanschlag aufs Schärfste verurteilen und Russland mit Sanktionen drohen, während sie gleichzeitig ein gemeinsames Riesenprojekt fertigstellen?

Mit solchen Widersprüchen muss sich der CDU-Ortsverband Sassnitz zum Glück nicht quälen. Weshalb man hier längst eine Antwort in die USA geschickt hat. Ingo Trusheim, 40, Bereichsleiter für gastronomische Zulieferung auf der Insel, und Christine Zillmer, 42, Immobilien- und Versicherungsmaklerin, sitzen an einem der Bistrotische vor dem Hafeneck, ein kleiner Container am Mukran Port.

Es ist 12.30 Uhr, Mittagspause, die Schlange vor dem Bestelltresen drinnen zieht sich bis vor die Tür, stiernackige Arbeiter in neongelben Westen, die Arme tätowiert, die Gesichter tief gebräunt, bestellen Gulasch und Königsberger Klopse, dazu Cola in Plastikbechern, haben keine Zeit zu reden, ihre Pause dauert nur 20 Minuten.

Trusheim und Zillmer kommen nicht zum Essen her. Sie finden einfach, es sei ein guter Ort, um sich mit Journalisten zu treffen. Also sind sie in letzter Zeit ständig hier, seitdem sie am 14. August den Brief abgeschickt haben, Adressat: „Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Donald Trump“. Auf Deutsch. „Die haben doch auch auf Englisch geschrieben“, sagt Christine Zillmer, sollen sie sich doch auch die Mühe machen, den Brief zu übersetzen. Immerhin entginge dem Präsidenten sonst eine Einladung in „unsere schöne weiße Stadt am Meer“.

Einen Tag lang haben sie an dem Brief gesessen, die Mailadressen des Präsidenten und der drei Senatoren fanden sie im Internet, die Mail an Trump kam zurück, die anderen gingen durch. Trotzdem sind Trusheim und Zillmer sich sicher, dass der Präsident von ihnen erfahren hat, immerhin berichtete sogar die „New York Times“ über ihre Einladung, die auch ein bisschen frech war: Am Hafeneingang, schrieben sie, liege ein großer Felsen, „als Symbol für die Stärke und Kraft der Region“: „Wenn Sie als ‚Präsident der Weltmacht Amerika‘ dieses Symbol mit Ihren Weisheiten persönlich bewegen können, dann können wir gemeinsam weiter Energiepolitik betreiben.“

Zwei Kommunalpolitiker, die zur Abwechslung mal nach ihrer Meinung zu Nord Stream 2 gefragt werden, statt sich Gedanken über die Hygienevorschriften auf den Sassnitzer Weihnachtsmärkten zu machen. Bei der Bürgermeisterwahl 2015 wurde Christine Zillmer Zweite. „195 Stimmen haben gefehlt“, sagt sie, nicht viel. Die Zahl hat sie sich gemerkt.

In der Stadtvertretung wurden Trusheim und Zillmer belächelt, auf der Straße hörten sie öfter: Habt ihr toll gemacht. Es denen da oben gezeigt, statt sich zu verstecken. Eigentlich eine Haltung, die Trump gefallen müsste. Geantwortet hat er bisher aber nicht, auch die Senatoren Cruz, Cotton und Jonson haben nicht auf die Einladung reagiert.

Immerhin gewährte die Bundeskanzlerin ihnen eine Audienz. „Wir sprechen sie am Nachmittag“, sagt Trusheim, es klingt nach einem ganz normalen Vorgang. „Sie weiß, dass sie ihr Mandat aus Sassnitz hat.“

20 Minuten dauerte das Gespräch, erzählt Trusheim am nächsten Tag. Frau Doktor Merkel habe ihnen versichert, dass sie hinter der Pipeline stehe: Sie sei genehmigt und bleibe genehmigt. Trusheim klingt zufrieden. Die Kanzlerin arbeite jetzt mit Hochdruck daran, die Sanktionen abzuwenden. Wie sie das machen will, hat sie ihm nicht gesagt.