Nord-Stream-Anschlag: Applaudiert der Westen in diesem Fall Wladimir Putin?

Die Berichterstattung zu den Nord-Stream-Anschlägen liefert keine Beweise. Wer steckt wirklich hinter der Tat? Ein Kommentar.

Ein Bild von Putin und Biden in Genf 2021, noch vor dem Krieg in der Ukraine.
Ein Bild von Putin und Biden in Genf 2021, noch vor dem Krieg in der Ukraine.AP

Es sind nun sechs Monate vergangen, nachdem Teile von Nord-Stream-2 und alle Pipelines von Nord-Stream-1 gesprengt wurden. Mittlerweile kann die Weltöffentlichkeit nicht auf einen Abschlussbericht, der die Täter benennt, aber immerhin auf einige Theorien zurückgreifen. Im Dezember noch ging die New York Times davon aus, dass die Russen hinter dem Anschlag steckten, um Westeuropa in eine Energiekrise zu stürzen. Ein paar Wochen später meldete sich der Investigativ-Journalist Seymour Hersh zu Wort und gab an, dass ihm anonyme Quellen versichert hätten, dass die amerikanische Regierung beziehungsweise amerikanische Geheimdienste den Anschlag orchestriert hätten.

Vergangene Woche korrigierte sich die New York Times und deutete an, dass eine proukrainische Gruppe den Nord-Stream-Anschlag wohl organisiert haben soll. Die Zeit sprang auf den gleichen Zug und behauptete etwas Ähnliches. Zugleich gab der Datenspezialist Oliver Alexander an, dass all diese Theorien falsch seien und dass vermutlich ein Tanker, der zwischen den Niederlanden und Russland pendelt, hinter dem Anschlag steckt. Geht es noch komplizierter?

Sehr viel Beifall aus dem Westen

All das erinnert ein wenig an den vermeintlichen Absturz des Malaysia-Airlines-Fluges 370, der 2014 auf dem Weg von Kuala Lumpur nach China von allen Radaren verschwunden ist. Alle Menschen, die im Flieger saßen, gelten bis heute als vermisst, ein abschließender Bericht konnte die Ursache für das Verschwinden und den vermeintlichen Absturz nie vollständig identifizieren. Es gibt zwar sehr viele und auch sehr gute Theorien – ein kollektiver Suizid von einem der Kapitäne oder eine Entführung könnte die Ursache sein –, aber keine Beweise. 

Die Nord-Stream-Anschläge könnten auf eine ähnliche Weise als das größte Rätsel der Weltmeere in die Geschichte eingehen. Interessant ist, dass sich jeder die jeweilige Theorie herauspickt, die zu ihm passt. Transatlantiker glauben Oliver Alexander, Amerikaskeptiker Seymour Hersh. Nüchtern betrachtet steckt in allen Theorien eine gewisse Portion Plausibilität, auch wenn für einen aufgeschlossenen Menschen es nahezu absurd wirkt, dass ein derartig gewaltiger Sprengstoffanschlag wie im Falle von Nord Stream von den westlichen Geheimdiensten unbemerkt bleiben konnte.

Und wie viele Beweise man auch dafür finden mag, dass die Russen hinter dem Nord-Stream-Anschlag stecken, lässt sich rein spieltheoretisch nicht leugnen, dass die Amerikaner von dem Ende von Nord Stream enorm profitieren. Sie waren es, die immer aus guten Gründen den Ausbau der Pipelines kritisierten, genauso wie die Polen.

Und nun hat man zwar noch keine Beweise, aber immerhin Aussagen von US-Präsident Joe Biden, der kurz vor Kriegsausbruch daran erinnerte, dass die Amerikaner Wege finden würden, nach einem etwaigen Kriegsausbruch Nord Stream 2 zu stoppen. Man denke auch an den ehemaligen polnischen Außenminister Radoslaw Sikorski, der auf Twitter direkt nach dem Anschlag den Amerikanern für die Sprengstoffnummer dankte. Der polnische Präsident Andrzej Duda freute sich kürzlich ganz öffentlich über den Anschlag. Falls Wladimir Putin hinter dem Anschlag steckt, bekommt er auffällig viel Beifall aus dem Westen dafür.

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