„Können Nord-Stream-Stränge nutzen“: Steuerberater aus Potsdam eröffnet eigenes LNG-Terminal

Deutschlands erstes privates LNG-Terminal geht am Samstag in Lubmin in Betrieb, nur wenige Meter von der Nord-Stream-Anlandestation entfernt. Zwei Unternehmer aus Potsdam haben es gebaut. Ein Interview.

Der Steuerberater und Unternehmer Stephan Knabe.
Der Steuerberater und Unternehmer Stephan Knabe.Emmanuele Contini

Stephan Knabe (48) ist gut drauf, als wir ihn in seinem Büro in der Schiffbauergasse in Potsdam treffen: Nach einigen Verzögerungen bei den Genehmigungen steht seinem Projekt, dem ersten privaten schwimmenden LNG-Terminal in Deutschland, nichts mehr im Wege. Der Steuerberater und Wirtschaftsprüfer hat es mit seinem Freund Ingo Wagner, einem Investmentbanker, aus eigener Tasche und unter Beteiligung Dutzender privater Investoren finanziert, mit Unterstützung der Politik, aber ohne staatliche Subventionen.

An diesem Samstag nimmt ‚Deutsche Ostsee‘ – so heißt das Terminal – offiziell seine Arbeit auf, im Beisein des Bundeskanzlers Olaf Scholz, des Bundeswirtschaftsministers Robert Habeck und der Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern Manuela Schwesig. Flüssigerdgas wird hier auf dem Regasifizierungsschiff „Neptune“ in ‚normales‘ Erdgas verwandelt, also regasifiziert, und über die Leitung OPAL, die vor kurzem noch die Nord Stream 1 mit dem Land verbunden hat, weiterverteilt. Die neu gegründete Firma „Deutsche ReGas“ mit rund 50 Mitarbeitern wird in Lubmin den Prozess verwalten. Was ist das für ein Geschäft?

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Emmanuele Contini
Zur Person
Dr. Stephan Knabe ist Inhaber der Dr. Knabe Unternehmensgruppe in Potsdam und Aufsichtsrat der Deutsche ReGas GmbH & Co KGaA in Lubmin.

Herr Knabe, wie kommt man als Steuerberater auf die Idee, ein LNG-Import-Terminal zu bauen? Wollen Sie damit bloß dem Zeitgeist folgen und Geld verdienen?

Ich verstehe mich als Unternehmer. Ich habe zwar eine gute Ausbildung als Steuerberater und Wirtschaftsprüfer genossen, aber darüber hinaus beteilige ich mich an einer Laborkette in Afrika, die Corona-Tests produziert, und an Immobilienunternehmen in Deutschland. Ich habe zudem einen Kindergarten und eine gemeinnützige Stiftung für urbanes Grün. Also habe ich einen starken Drang, mich unternehmerisch zu verwirklichen.

Unsere Motivation war es 2016, im Industriehafen von Lubmin Importe von Wasserstoff zu ermöglichen. Diese Idee war aber noch der Zeit voraus. Alle Zeichen standen voll auf Erdgas, immer noch. Als noch im Herbst 2021 der Gaspreis deutlich gestiegen war, haben Ingo Wagner (heute Geschäftsführer von „Deutsche ReGas“ – Anm. d. Red.) und ich uns Lubmin nochmal als Standort für ein eventuelles LNG-Import-Terminal angeschaut. Wir wussten noch nicht, dass der Krieg kommt, die russischen Lieferungen wegfallen und die Nord-Stream-Pipelines auch noch gesprengt werden. Als die Suche nach Alternativen auf einmal eine volkswirtschaftliche Dimension bekam, fühlten wir uns wie beflügelt, haben unseren Plan ab März des letzten Jahres massiv vorangetrieben und nach einem Regasifizierungsschiff (FSRU) gesucht. Mit der „Neptune“ haben wir jetzt eins.

2016 war es für den Wasserstoff noch zu früh, heute wohl nicht mehr. Warum haben Sie sich trotzdem für das im Vergleich zum Pipelinegas noch umweltunfreundlichere Flüssigerdgas entschieden, statt Vorreiter beim Wasserstoff zu werden?

Wir sind diesen Weg gegangen, weil die Politik eine unglaubliche Beschleunigung der Prozesse ermöglicht hat. Zudem haben wir alles so organisiert und gebaut, dass wir später auf Wasserstoff umsteigen können. Wir haben unsere Betriebsgenehmigung für neun Jahre beantragt, weil wir glauben, dass sich die LNG-Einfuhr irgendwann erledigt.

Im Moment müssen wir aber feststellen: Wir sind ein Gasland, kein Wasserstoffland. Wie brauchen Gas für die Heizung unserer Häuser und für viele Produktionsprozesse, ob wir es wollen oder nicht. Wir brauchten auch zügig eine Alternative zum russischen Gas, um zu zeigen, dass wir uns nicht erpressen lassen. Dass Deutschland in kürzester Zeit zwei Terminals auf den Weg gebracht hat, zeigt denjenigen, die spekulativ Gewinne machen oder politischen Druck auf uns ausüben wollen, dass Deutschland sich schnell anpassen kann.

Am Samstag nehmen Sie Ihr Terminal offiziell in Betrieb. Was ist der grundsätzliche Unterschied zum LNG-Terminal in Wilhelmshafen?

Wir mussten nur eine kurze Pipeline bauen, also ist unser Einfluss auf die Natur zunächst gering. Ansonsten sind unser gechartertes Regasifizierungsschiff „Neptune“ und die „Höegh Esperanza“ in Wilhelmshafen in der gleichen Leistungsklasse. Die „Neptune“ kann im Normalbetrieb etwas mehr als fünf und bei der vollen Auslastung sieben Milliarden Kubikmeter Gas im Jahr regasifizieren. Nord Stream 1 hat aber jährlich bis zu 55 Milliarden geliefert, also brauchen wir mindestens sieben bis acht solcher Terminals in Deutschland.

Ich möchte zudem betonen: Wir sind nur Terminalbetreiber, keine Gasimporteure. Und unser Geschäftsmodell basiert auf einem Regasifizierungsentgelt, das im Vergleich zum Gaspreis nicht besonders hoch ist und mit der Bundesnetzagentur abgestimmt wurde.

Regasifizierungsschiff „Neptune“ unweit der Nord Stream-Anlandestation im Industriehafen von Lubmin.
Regasifizierungsschiff „Neptune“ unweit der Nord Stream-Anlandestation im Industriehafen von Lubmin.Deutsche ReGas / Sebastian Frauenlob

Sie haben den Chartervertrag für das Schiff, den Umbau und den Betrieb des Hafens aus eigener Tasche und mithilfe von Investoren finanziert, alles rund 100 Millionen Euro. Wann rechnet sich das Geschäft?

Wir haben Lieferanten gebunden, die unsere LNG-Kapazitäten langfristig nutzen werden. Die Investitionskosten amortisieren sich nicht sofort im ersten Jahr, und es entstehen jedes Jahr neue Betriebs-, Charter- und Personalkosten. Innerhalb der Nutzungsdauer von neun Jahren lohnt sich das Geschäft. Allerdings kann sich das Nutzungsszenario ändern, denn wir möchten irgendwann aus dem Hafen raus und könnten unser Regasifizierungsschiff an einen neu geplanten Unterwasserstrang parallel zu den Nord-Stream-Leitungen andocken.

Das ist aber nur eine der Optionen. Ich bin der Meinung, dass man auch die Stränge der Nord Stream 1 und Nord Stream 2 nutzen könnte. Sie sind technisch genauso gut geeignet. Unser Gedanke wäre es dann, vor der Küste Deutschlands oder in der tieferen Ostsee eine Anlandestation für mehrere Regasifizierungsschiffe zu bauen, zwei von uns und eins vom Bund. An dieser Station könnten alle Interessierten anlegen. So könnten wir mit einer Pipeline bis zu 27,5 Milliarden Kubikmeter Erdgas jährlich an die Küste weiterleiten.

Aus welchen Ländern soll das LNG nach Deutschland über Ihr Terminal kommen? Ist das viel kritisierte Fracking-Erdgas aus den USA dabei?

Wie gesagt, wir sind nicht die Eigentümer dieses Gases. Aber wir wissen, dass die ersten Lieferungen nach der Inbetriebnahme nicht aus den USA erfolgen. In unserem Fall kommt das LNG aus Ägypten. Langfristig entscheiden die Lieferanten, wo sie Gas beschaffen. Wahrscheinlich wird es dann auch Norwegen sein.

Wird dieses Erdgas dann auch in Norddeutschland verbraucht werden, oder können auch die Verbraucher in Berlin und Brandenburg etwas abbekommen?

Die Verbindungsrohre der Nord Stream 1, die wir jetzt benutzen, laufen entsprechend nach Süden: Berlin, Tschechien und Bayern. Insofern ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ein Teil dieses Erdgases tatsächlich in den östlichen Bundesländern ankommt. Die Verantwortung dafür liegt beim Netzbetreiber Gascade und der Bundesnetzagentur.

Ist Ihre Regasifizierungsgebühr an den Gaspreis gebunden, also je höher der Gaspreis, desto mehr könnten Sie verdienen?

Nein, sie ist mehr oder weniger stabil, weil sie mit der Bundesnetzagentur abgestimmt und vertraglich mit unseren Kunden vereinbart wurde. Für den noch nicht vergebenen Teil unserer Kapazitäten wird sie im Rahmen einer Vergabe festgesetzt.

Die Bundesnetzagentur berichtet über gut gefüllte Gasspeicher und schließt eine Gasmangellage für diesen Winter aus. Zu diesem Zwischenerfolg haben kaum zwei deutsche LNG-Terminals beigetragen, weitere neun werden geplant. Ist das nicht zu viel? Oder soll die Vielfalt letztlich den Gaspreis senken?

Ich erwarte das grundsätzlich. Je mehr Möglichkeiten wir haben, desto größer ist die Chance, dass wir weniger für Gas ausgeben müssen. Zuletzt haben unsere Nachbarn in Europa, die selbst Import-Terminals haben, einen niedrigeren Gaspreis bezahlt als Deutschland. Schon jetzt liegt der Gaspreis an der europäischen Börse bei rund 70 Euro pro Megawattstunde, eine gewisse Stabilisierung ist eingetreten. Das dürfte auch in Zusammenhang mit den neu geschaffenen Importmöglichkeiten stehen, abgesehen von vielen anderen Faktoren. Ludwig Erhard, als Vater des „deutschen Wirtschaftswunders“ bekannt, hat mal gesagt, Wirtschaft sei zu 50 Prozent Psychologie. Wenn Sie erpressbar sind, kann man von Ihnen jeden Preis verlangen.

Der Name des Terminals, „Deutsche Ostsee“, klingt fast patriotisch. Wollen Sie damit betonen, dass Deutschland jetzt selbst LNG importieren kann?

An der Ostsee gibt es viele LNG-Terminals, also konnten wir die gesamte Ostsee nicht in Anspruch nehmen. Die zutreffende regionale Bezeichnung ist also die deutsche Ostsee. Wir wollten die Ostsee trotzdem bewusst in den Vordergrund rücken, weil es für uns wichtig ist, hier im Osten einen Ersatz für die russischen Lieferungen zu haben, die früher auch im Osten angekommen waren. Der Name repräsentiert eben auch unsere Verpflichtung in erster Linie gegenüber den östlichen Bundesländern.

Im November stauten sich viele LNG-Tanker vor der europäischen Küste, in der Hoffnung auf einen höheren Gaspreis. Könnte Ihr Geschäft instabil werden, wenn der Gaspreis länger niedrig bleibt?

Deutschland wird immer mehr für das Erdgas zahlen, als dessen Produktion plus Transport kosten. Wir haben zudem mit unseren Kunden verpflichtende Lieferverträge vereinbart. Ich mache mir überhaupt keine Illusionen, dass der Gaspreis in den nächsten Jahren nicht auf einem höheren Niveau bleiben wird, weil es einfach diese billige Quelle aus Russland nicht mehr gibt.

Umweltorganisationen kritisieren Ihr Vorhaben, weil es sich beim Standort Lubmin um flache, sensible Bodengewässer handle. Wurde auf die Umweltverträglichkeitsprüfung wegen der kurzen Bauzeit ebenfalls verzichtet, wie in Wilhelmshafen?

Wilhelmshaven hat ein komplett anderes System, nämlich das sogenannte Open-Loop-System (laut dem Betreiber Uniper kann die FSRU „Höegh Esperanza“ sowohl im „Open loop“ als auch im „Closed loop“ arbeiten - Anm. d. Red.), in dem die Wärme des Meereswassers als Energiequelle des Schiffes genutzt wird, um das LNG zu erwärmen. Danach wird das Wasser kälter wieder an die Nordsee abgegeben. Wir in Lubmin haben dagegen ein Closed-Loop-System. Wir erwärmen unser LNG für den Regasifizierungsprozess, indem wir Erdgas verbrennen. Deswegen brauchen wir unser Schiff auch nicht mit Chlor zu behandeln.

Wir brauchen nur ganz kleine Mengen an Kühlwasser aus der Ostsee, und zwar für den elektrischen Generator, dessen Wärmetauscher wir mechanisch reinigen. Droht ein Wärmetauscher sich zuzusetzen, schalten wir auf einen sauberen um und reinigen den anderen mechanisch.

Sind die Sorgen der Umweltschützer also grundlos?

Grundsätzlich ermöglicht das LNG-Beschleunigungsgesetz es, einen Verfahrensschritt, nämlich die zeitaufwendige Umweltverträglichkeitsprüfung, auszulassen. Aber wir haben die vielen einzelnen gesetzlichen Auflagen trotzdem zu erfüllen. Jedes einzelne Gutachten fürs Wasser, für die Luft, für den Schall, für die Fische und die Vögel und natürlich auch für die diversen Sicherheitsaspekte liegen vor. Es ist viel Expertise eingeflossen, und zwar nicht durch uns, sondern durch die von uns beauftragten Gutachter. Und wir werden diese Messwerte im Laufe des Betriebs immer wieder melden müssen.

Deswegen sind die Befürchtungen der Umweltverbände aus meiner Sicht nicht gerechtfertigt. Wenn der Umwelt ein Leid zugefügt wird, dann jedenfalls nicht durch unser Terminal. Stellen Sie sich vor: Es fahren Hunderte von Schiffen, auch die Öltanker, täglich über die Ostsee und durch den Bodden. Unsere Schiffe sind wirklich nur ein Tropfen im Meer.

Sie haben aber auch den Hafen umgebaut.

Das war im Industriegebiet. Es wurde jetzt kein Naturgebiet zerstört. Die Pipeline, die wir gebaut haben, ist 450 Meter lang und liegt auf dem Gelände des Hafens. Der Eingriff in die Natur ist da minimal.

Wohin möchten Sie mit Ihrem Unternehmen?

Wie schon gesagt, möchten wir irgendwann aus dem Hafen raus und an eine der Unterwasser-Pipelines andocken. Wenn der Hafen frei ist, wollen wir hier Wasserstoff importieren. Dafür haben wir im Hafen bereits ein Grundstück gekauft. Denn die Zukunft gehört dem Wasserstoff.

Vielen Dank für das Gespräch.

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