Rom/Cona - Die junge Frau aus der Elfenbeinküste lag tot in den Duschräumen des Flüchtlingslagers. Wiederbelebungsversuche des eilig herbeigerufenen Notarztes kamen zu spät für die 25-Jährige, die seit Tagen unter Fieber und Husten gelitten hatte, wie ihr Verlobter italienischen Journalisten sagte. Er fügte hinzu, das Erstaufnahmelager in der norditalienischen Region Venetien sei kein Ort für Frauen. In der früheren Militärbasis von Cona sind rund tausend Migranten und Asylbewerber untergebracht, teils in schlecht beheizten Containern und bei derzeit eisigen Nachttemperaturen. 

Die Nachricht vom Tod der Afrikanerin löste am Montagnachmittag eine Revolte im Lager von Cona aus. Wütende Flüchtlinge unterbrachen die Stromversorgung und zündeten Holzpaletten und Möbel an. Etwa 25 Mitarbeiter der Betreiberkooperative Ecofficina verbarrikadierten sich in einem Bürocontainer und konnten erst in der Nacht von der Polizei befreit werden. Die Flüchtlinge werfen ihnen vor, sie hätten viel zu spät Hilfe für die junge Frau geholt. Die Staatsanwaltschaft von Venedig hat nun eine Autopsie angeordnet.

So viele Flüchtlinge wie nie zuvor

Die tragischen Ereignisse verdeutlichen einmal mehr die angespannte Lage in Italiens Flüchtlingseinrichtungen. Das Land hat im abgelaufenen Jahr 2016 von allen EU-Staaten die meisten Menschen aufgenommen. 181.000 Migranten kamen in Booten über das Mittelmeer, ein Fünftel mehr als im Vorjahr und so viele wie nie zuvor.  Die meisten stammen aus Nigeria, Eritrea, Guinea, der Elfenbeinküste und Gambia.

Früher konnten die meisten Bootsflüchtlinge nach Nordeuropa weiterreisen, ohne Gefahr zu laufen, in das Ankunftsland Italien zurückgeschickt zu werden, wie es die Dublin-Verordnung eigentlich vorsieht. Denn nur wenige von ihnen wurden nach der Ankunft in Süditalien registriert. Inzwischen hat Italien auf Druck anderer EU-Länder seine Praxis geändert. Neuankömmlinge werden in so genannten Hotspots in Süditalien fotografiert, ihre Fingerabdrücke werden gespeichert. Weil zudem Österreich, Frankreich und die Schweiz verstärkt ihre Grenzen kontrollieren, ist den meisten Migranten der Weg nach Norden versperrt. Die Zahl der Insassen italienischer Flüchtlingsunterkünfte stieg in der Folge von 105.000 im Jahr 2015 auf 175.000 im vergangenen Jahr.

Versorgung wird zum Problem

Die geplante Umverteilung innerhalb der EU scheitert an mangelnder Solidarität. Bisher sind lediglich 2.650 Asylbewerber aus Italien in andere europäische Länder gebracht worden. Das Innenministerium in Rom hat bereits Schulen, Kasernen und ehemalige Militärbasen wie in Cona in Unterkünfte umwandeln lassen, aber die Versorgung wird immer mehr zum Problem. Und schon jetzt leben viele Asylbewerber und illegale Zuwanderer auf der Straße, betteln oder werden als Billigarbeitskräfte ausgebeutet.

Als einen Weg aus dem Dilemma sieht die Regierung in Rom nun schnellere Abschiebungen. Innenminister Marco Minniti hat angekündigt, ihre Zahl solle verdoppelt werden. Dazu würden die Kontrollen verstärkt und die Zahl der Abschiebelager von derzeit vier auf 20 in allen Regionen erhöht.

Fehlende Kooperation der Herkunftsländer

Bisher scheitert die Rückführung abgelehnter oder straffällig gewordener Asylbewerber allerdings meist an der fehlenden Kooperation der Herkunftsländer. So hatten Italiens Behörden 2016 zwar die Abschiebung von mehr als 38.000 Menschen angeordnet. Aber nur 5.700 wurden tatsächlich in ihre Heimatländer gebracht. Auch der Berlin-Attentäter Anis Amri sollte nach einer vierjährigen Haftstrafe in Italien eigentlich nach Tunesien zurückgeschickt werden. Doch dafür fehlten die notwendigen Papiere aus dem nordafrikanischen Land. Die Zeitung Il Messaggero berichtete nun, Innenminister Minniti werde noch diese Woche nach Tunesien reisen, um ein schon bestehendes Rückführungsabkommen auszubauen.