Washington - Kim Jong Un braucht keine Interkontinental-Raketen oder Atomwaffen, um die koreanische Halbinsel in ein Meer aus Feuer zu verwandeln. Dieses Schicksal hatte er der südkoreanischen Insel Baengnyong angedroht. Um Südkorea zu zerstören, reichen die 13.000 konventionellen Artillerie-Geschütze des Nordens. Der Großraum Seoul mit seinen 24 Millionen Einwohnern liegt nicht einmal 50 Kilometer von der entmilitarisierten Zone entfernt und droht, zum Ziel zu werden.

In einer Analyse der militärischen Kapazitäten Pjöngjangs aus dem vergangenen Jahr hebt der Kommandeur der US- und UN-Streitkräfte in Südkorea, James Thurman, zudem die große Zahl gut trainierter Spezialkräfte hervor. Während die Mehrzahl der rund 1,1 Millionen Soldaten der Koreanischen Volksarmee schlecht ausgerüstet und zum Teil unterernährt seien, sei der Ausbildungsstand der 60.000 Kämpfer der Spezialstreitkräfte beachtlich.

Analysten halten eine Invasion des Nordens in Südkorea wie in den 50er Jahren dennoch für nahezu ausgeschlossen. Weder die Artillerie noch die Spezialkräfte des Nordens könnten Geländegewinne dauerhaft sichern. Die Luftüberlegenheit der US-Amerikaner würde die Volksarmee durch ein Flächenbombardement dezimieren. Sollte Pjöngjang das Undenkbare tun und eine Massenvernichtungswaffe einsetzen, wäre dies nach Ansicht von Experten selbstmörderisch.

Die mit Atomwaffen ausgerüsteten US-U-Boote, die einen Schutzschirm über Südkorea spannen, könnten Pjöngjang innerhalb von Minuten in Trümmer legen. James Hardy vom militärischen Fachdienst IHS Jane’s Defense Weekly mahnt dennoch zur Wachsamkeit. Es habe noch nie eine vergleichbare Situation gegeben, in der ein atomar bewaffneter Staat seine Nachbarn und die USA so offen bedroht hätten. Ein Umstand, der auch UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon alarmiert.

USA beruhigen ihren Verbündeten

Die Verlegung militärischer Kräfte der USA in die Krisenregion zielt darauf, Pjöngjang an die militärische Stärke der USA zu erinnern. Die F-22-Jets, die B2- und B-52-Bomber, die Zerstörer USS John S. McCain und die USS Decatur sowie die schwimmende Radarstation SBX-1 sollen gleichzeitig eine Botschaft an den Verbündeten Südkorea senden: Er möge die Nerven zu behalten.

Der Sprecher des Weißen Hauses spielte die Bedrohung durch Nordkorea ebenso herunter wie seine Kollegen im Verteidigungs- und Außenministerium. Die Botschaft der US-Regierung lautet, es werde schon nicht so schlimm kommen, wie Nordkorea es androht. Es gebe keine Hinweise auf Truppenbewegungen des Nordens.

So sehen es auch Experten außerhalb der Regierung. Der ehemalige US-General Richard Myers wertet das Verhalten Nordkoreas als Rhetorik, die durch nichts gedeckt sei. Ein Angriff sei möglich, aber unwahrscheinlich, und lasse den USA genügend Optionen. In die Kategorie rhetorischer Drohungen fällt auch die Ankündigung Nordkoreas, den nach einem Abrüstungsvertrag von 2007 stillgelegten Reaktor von Yongbyon wieder in Betrieb zu nehmen. Es werde Monate dauern, ehe das Plutonium-Kraftwerk wieder seine Produktion aufnehmen könne, sagen Experten.

Während kaum ein Analyst einen Angriff Nordkoreas erwartet, ist die tatsächliche Gefahr wohl eher, dass sich die angespannte Situation durch Scharmützel weiter hochschaukeln könnte. Beide Koreas haben neue Führer, die nur wenig Krisen-Erfahrung haben.