Blick auf eine fast menschenleere Bar-Terrasse in der Nähe der Plaza Mayor in Madrid. 
Foto: dpa/Ricardo Rubio/Europa Press

MadridAm 27. Februar verschickte der spanische Ökonom Juan Ignacio Crespo eine Nachricht: „China hat uns ein Virus geschenkt“, schrieb er, „und eine Glaskugel: Wir wissen, was in den kommenden anderthalb Monaten geschehen wird.“ Eben das, was in den anderthalb Monaten zuvor in China geschehen war. Kaum jemand nahm Crespo und die anderen Mahner ernst. Dann kam Italien. Seit diesem Wochenende ist Spanien die Glaskugel, in der Deutschland seine Zukunft betrachten kann.

Der Sonnabend ist ein herrlicher Frühlingstag in Madrid. Die Leute gehen im Park spazieren. Sie können auch sonst nichts mehr machen. Madrid ist Risikogebiet, deswegen haben Mitte der Woche die Schulen, Museen und Theater geschlossen. Seit Freitagnacht auch die Restaurants, Kneipen und Cafés. Im Park merkt man keinen Ausnahmezustand. Oder doch, wenn man genauer hinschaut. Fast alle halten Abstand zueinander, wie gleichgepolte Magnete begegnet man sich auf mindestens einem Meter Abstand.

Was kommt jetzt auf uns zu?

Pedro Sánchez, der Ministerpräsident, will im Laufe des Tages im ganzen Land den Alarmzustand erklären, das hat er am Freitag angekündigt. Spanien steht vor der Schließung. Vom Park nach Hause. Stundenlange Telefongespräche mit den Freunden. Was kommt jetzt auf uns zu? Eine Freundin, die in der Innenstadt wohnt, hat die Nachtruhe genossen: Jetzt gehören die Straßen denen, die in ihnen leben, sagt sie. Doch wie lange wird man noch vor die Tür treten können?

Ein Freund ruft an, er klagt über Heuschnupfen, wie jedes Frühjahr. Könnte es auch eine Coronavirusinfektion sein? Seit Tagen ruft er bei der eigens eingerichteten Notrufnummer an, seit Tagen nimmt niemand ab. Das System steht nicht vor dem Kollaps, es ist schon kollabiert. Eine Freundin des Freundes arbeitet im Zarzuela-Theater, 30 Sänger sind infiziert. Nur fünf haben sich bisher untersuchen lassen können. Spanien hat ein robustes Gesundheitssystem, das hat bisher jede Grippewelle ausgehalten, nur manchmal ein bisschen geächzt. Jetzt ist es überfordert.

Nachmittags werden alle Madrider Parks geschlossen. Manche waren bei dem schönen Wetter so überfüllt, dass kein Sicherheitsabstand mehr einzuhalten war.

Jeder ist verdächtig

Abends gegen neun tritt Regierungschef Sánchez, dessen Frau Begoña Gómez inzwischen positiv auf das Virus getestet wurde, vor eine Kamera und erläutert den Alarmzustand: Das ist die erste von drei Notstandsstufen, danach kommt der Ausnahme-, dann der Belagerungszustand. Man möchte gar nicht wissen, worin die bestehen. Alarmzustand reicht.

Ab jetzt darf man nur noch zum Arzt, zur Arbeit und zum Supermarkt gehen. Keine Besuche bei Freunden mehr, keine Spaziergänge. Die Madrider, die übers Wochenende aufs Land oder an den Strand gefahren sind, dürfen nach Hause zurückkehren. Die Wochenendausflügler haben sich nicht beliebt gemacht: Wie viele von ihnen waren Virusschleudern, die Covid-19 noch einmal übers ganze Land verteilt haben?

Um zehn Uhr abends treten die Menschen auf ihre Balkone und klatschen. Es ist eine Dankesbotschaft an das Gesundheitspersonal. Hoffentlich hören sie den Beifall. Man darf noch mit dem Hund auf die Straße. Es ist Sonnabendabend, halb zwölf. Madrid ist eine Stadt, die niemals schläft. Jetzt hat sich der Schleier der Stille über die Straßen gelegt.

Jeder andere Passant ist verdächtig. Was tut der hier? Die meisten sind Hundebesitzer, froh, eine Ausrede für ein paar Schritte vor der Tür zu haben. Ein Obdachloser hat sich Essen aus dem Müllcontainer vor dem Supermarkt hervorgeholt. Der Sonntag ist so still wie die Nacht zuvor. Ein Gang zum Kiosk ist erlaubt. Alle Zeitungen haben dasselbe Titelblatt: „Dieses Virus stoppen wir gemeinsam“, eine Botschaft der Regierung. Die Stadt ist leer. Nie war das Virus so sichtbar.