Berlin - Der Balken in der Hochrechnung steigt auch Rekordhöhe, der Jubel ist entsprechend, die Tränen der Rührung wirken echt: Als FDP-Chef Christian Lindner in Düsseldorf am frühen Sonntagabend zu seinen Anhängern sprach, konnte er für die Liberalen in NRW das mutmaßlich „beste Ergebnis aller Zeiten“ verkünden. „Wer hätte diesen Abend im Herbst 2013 für möglich gehalten?“, ruft Lindner noch, ehe ihn Glücksgesänge im Saal übertönen und ihm das Wasser in die Augen schießt.

Tatsächlich, wer hätte das im Herbst 2013 erwartet? Nun, zumindest einer: Christian Lindner. Der eloquente 38-Jährige  hatte sich schon früh als Mann mit gewisser Weitsicht gezeigt. Als die Mehrheit der FDP 2011 noch hoffte, mit dem neuen Vorsitzenden Philipp Rösler das Ruder herumreißen zu können, trat Lindner als Generalsekretär seiner Partei demonstrativ zurück und ging nach Düsseldorf. Sehr bewusst waren seine letzten Worte in Berlin gewählt: „Auf Wiedersehen!“

Laschet mit strategischer Positionierung in der Stunde des Triumphes

Nach der Wahl in Nordrhein-Westfalen spricht nun alles dafür, dass es zu diesem Wiedersehen in der Hauptstadt bald kommt. Denn durch seinen rechtzeitig gewählten Rückzug galt er nach dem Wahldesaster im Bund 2013 als unbelastet, und der Parteivorsitz lief mangels Alternative automatisch auf ihn zu. Seitdem hat er quasi im Alleingang die Partei umgekrempelt und ihr neues Selbstbewusstsein gegeben. Mittlerweile sitzen die Liberalen wieder in neun Landesparlamenten. In Schleswig-Holstein legten sie vor zwei Wochen deutlich auf 11,5 Prozent zu, in NRW folgte nun das Rekordergebnis.

Linder ist clever und kalkuliert genug, um sich der CDU nicht gleich an den Hals zu werfen: „Ich bin nicht der Wunsch-Koalitionspartner von Herrn Laschet und er ist nicht meiner“, betonte der FDP-Chef, als es um das Thema ging.

Schon im Wahlkampf war Lindner eine durchaus riskante Strategie gefahren: Als Fraktionschef in Düsseldorf war er zugleich Spitzenkandidat in NRW und für die Bundestagswahl. Motto: Gebt mir eure Stimme, aber wenn sich etwas Höheres bietet, bin ich weg. Er sei von Anfang an transparent damit umgegangen, konterte Linder am Sonntagabend die ständig wiederkehrende Frage nach dieser Doppelrolle, und er glaube sogar, dass die Menschen in NRW gerade deshalb die FDP gewählt haben, nämlich: „weil sie einen Politikwechsel in Düsseldorf UND in Berlin wollten“, so Lindner.

FDP braucht Rückkehr in den Bundestag zum politischen Überleben

Der FDP selbst blieb auch gar nichts anderes übrige als diese Doppelstrategie: Nach ihrer krachenden Niederlage der Liberalen bei der Bundestagswahl 2013 benötigt die Partei zum politischen Überleben einen Wiedereinzug in den Bundestag – auch aus finanziellen Gründen. Doch die FDP-Personaldecke ist nach dem Abgang der alten Parteiführung noch immer extrem dünn, so dass es zu Lindner als Zugpferd auf Bundesebene gar keine Alternative gibt.

In dieser Rolle ist es Lindner wichtig, dass die FDP nicht klar einem Lager zugeordnet wird. So war das liberale Ziel klar: Drittstärkste Kraft, aber möglichst keine  Regierungsbeteiligung. Auch deshalb schloss Lindner eine Ampel mit SPD und Grünen aus und redete auch angesichts des Ergebnisses wie zuvor in seinen Wahlkampfreden eine große Koalition fast schon herbeigeredet. Und selbst falls es doch noch zu einer schwarz-gelben Koalition käme, wäre das für ihn kein Nachteil: Er könnte seine Partei so teuer wie verkaufen wie selten zuvor.