Düsseldorf - An den Holztischen der Kneipe “Meilenstein” in der Düsseldorfer Altstadt herrscht am Sonntagabend Feierstimmung. Den Fußball-Fans schmeckt das Altbier. Das sieht man nicht nur, das hört man. Die Fortuna aus Düsseldorf hat Nürnberg geschlagen, der Abstieg in die dritte Liga könnte noch abgewendet werden. Ungefähr 25 Meter Luftlinie entfernt, schräg gegenüber von den bierbeseelten Fußball-Fans, ist dagegen Stille. Nur vorne an der Bar schlägt ein Kellner zwei Flaschen aneinander.

Das Geräusch ist im ganzen Raum zu hören. Im Henkel-Saal stehen vielleicht zwei bis dreihundert Anhänger der SPD. Sie wollten feiern. Zumindest haben sie gehofft, dass es etwas zu feiern geben wird. Doch jetzt trauern sie. Die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen ist verloren. Die Herzkammer der deutschen Sozialdemokratie, wie die Sozialdemokraten das Bundesland so gerne nennen, hat schwere Rhythmusstörungen.

Höflicher Applaus für Hannelore Kraft

Eine Viertelstunde lang bleibt es merkwürdig still in dem Saal. Dann kommt Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. Die Sozialdemokraten klatschen höflich, aber nicht begeistert. Kraft ist abgewählt. Sie wirkt, man entschuldige das Wortspiel, in diesem Moment kraftlos. Sie sagt, sie wünsche dem künftigen Regierungschef Armin Laschet von der CDU eine glückliche Hand bei der Führung des Landes.

Dann sagt sie noch: “Für die Entscheidungen, die getroffen wurden, übernehme ich persönlich die Verantwortung.” Deshalb trete sie mit sofortiger Wirkung von ihren Ämtern als SPD-Chefin in NRW und als stellvertretende Chefin der Bundes-SPD zurück. “Herzlichen Dank an euch alle und Glück auf”, ruft Hannelore Kraft. Der Auftritt der Wahlverliererin dauert gerade einmal zwei Minuten. Und plötzlich sind die Erinnerungen wieder da.

Böse Erinnerungen werden wach

Es ist nicht ganz zwölf Jahre her, als die Herzkammer der Sozialdemokratie schon einmal unter einem schweren Flimmern litt. Und der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder, ein hemdsärmeliger Sozialdemokrat aus Niedersachsen, hatte das offenbar geahnt. Die Stimmung im Kanzleramt und in der Parteizentrale war angespannt. Mehrfach trafen sich Schröder und Parteichef Franz Müntefering, ein hemdsärmeliger Westfale, zu Krisensitzungen.

Bei einem Abendessen mit Spargel und Kalbsfilet, wie der Schröder-Biograph Gregor Schöllgen notierte, fiel schließlich die Entscheidung. Es werde Neuwahlen im Bund geben, sollte die SPD die Landtagswahl in Düsseldorf am 22. Mai 2005 verlieren. So kam es auch. Der Rest ist Geschichte. Schröder verlor einige Monate das Kanzleramt an Angela Merkel. Seither stellt die Union die Regierungschefin, und seither läuft die SPD der Kanzlerschaft hinterher. Nach der Niederlage vom Sonntag könnte es gut sein, dass das auch so bleibt.

Immerhin: Neuwahlen sind in diesem Jahr überflüssig, denn schon in vier Monate ist Bundestagswahl. Doch Nordrhein-Westfalen hat nicht an Bedeutung verloren. Landtagswahlen im bevölkerungsreichsten Bundesland gehören zu den wichtigsten Stimmungstests in Deutschland. Und die SPD besteht den Test nicht. Die rot-grüne Landesregierung ist abgewählt. Für den SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz ist das die schlechteste politische Nachricht, die es geben könnte. Nach dem Saarland und Schleswig-Holstein geht jetzt auch das Stammland der SPD an die CDU, das Heimatland des SPD-Kandidaten immerhin. Wie soll es da noch zur Abwahl von Kanzlerin Angela Merkel im September reichen? Im Land scheint keine Wechselstimmung zu herrschen.

Union freute sich schon früh

Das freut zumindest die Wahlsieger von Düsseldorf. Die CDU hat ein Festzelt aufbauen lassen, wo der Sekt schon vor 18 Uhr fließt. Die Unionsleute wissen, dass es nur besser werden kann. 2010 und 2012 haben sie krachend gegen Hannelore Kraft und deren SPD verloren. Doch dass es so gut kommt, ist dann doch eine Überraschung. Als im Fernsehen die Prognose verkündet wird, erhebt sich ein kollektiver Aufschrei. Still hält niemand mehr in diesem Moment. Es wirkt ein wenig so, als wollten sie sich den Frust über die Wahlniederlagen der vergangenen Jahrzehnte von der Seele brüllen. Es ist ja nicht so, als wäre die CDU in Nordrhein-Westfalen verwöhnt. In den vergangenen 50 Jahren hat - abgesehen von einer Legislaturperiode - immer nur die SPD regiert.

Armin Laschet, der wahrscheinlich künftig als Ministerpräsident im Düsseldorfer Staatskanzlei-Turm hoch über dem Rhein regieren wird, wird durch die Menge geschoben. “Armin, Armin, Armin”, rufen seine Anhänger. Sie würden ihn jetzt auch auf Händen tragen, wenn sie dürften. Laschet strahlt über das ganze Gesicht. Er sagt, was Wahlsieger immer sagen: Es sei ein guter Tag für Nordrhein-Westfalen. “Wir haben zwei Wahlziele gehabt: Rot-Grün zu beenden und stärkste Partei zu werden. Und beides ist gelungen.”

Landesmutter wird am Muttertag abgewählt

Laschet hat Kraft geschlagen. Vor drei Monaten ist der Mann deswegen noch hinter vorgehaltener Hand in der eigenen Partei ausgelacht worden. Jetzt lacht niemand mehr über Laschet. Aber alle sind ausgelassen wegen des Wahlsiegs. Es ist etwas Unerhörtes geschehen in Nordrhein-Westfalen. Das scheint auch eine Journalistin im WDR zu einem besonderen Sprachbild zu inspirieren. “Am Muttertag wird die Landesmutter abgewählt”, sagt sie.

Es war ein Wahlkampf zwischen zwei Spitzenkandidaten, die beide nicht zu den großmäuligen Politikern gehören. Auf der einen Seite stand SPD-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. Die selbst ernannte Kümmerin war 2010 zur Ministerpräsidentin gewählt worden. Ihr gelang es, den Wundschmerz zu lindern, unter dem die SPD litt, weil 2005 Jürgen Rüttgers von der CDU Regierungschef in Düsseldorf geworden war. Sie löste die Schockstarre, in die viele Sozialdemokraten damals verfallen waren, weil sie nicht wahrhaben wollten, dass eine jahrzehntelange SPD-Herrschaft jäh zu Ende gegangen war. 

Die Frau aus Mülheim redete wie die Leute an der Ruhr, sie redete ihnen aber nicht nach dem Mund. Sie bewahrte sich einen Rest an Privatleben, sagte einmal: „Ich mache mit Leidenschaft Politik, aber ich agiere nicht wie ein Roboter.“ Das gefiel den Leuten. 

Laschet übernahm die Deutungshoheit

Kraft wagte von 2010 bis 2012 das Experiment einer rot-grünen Minderheitsregierung, die sich von der Linkspartei tolerieren ließ. 2012 schließlich gewann sie vorgezogene Landtagswahlen und konnte seither bequem in einer Koalition mit den Grünen regieren. Zwischenzeit war sie die beliebteste Politikerin in Deutschland, lehnte es aber im Jahr 2013 ab, die SPD in die Bundestagswahl zu führen.

Zuletzt aber war es nicht mehr ganz so rund für die 55 Jahre alte SPD-Politikerin gelaufen. Ihrem Widersacher Armin Laschet von der CDU gelang es, Kraft die Deutungshoheit über viele für NRW besonders wichtigen Themen zu nehmen. Dazu gehörten die Bildung, die Wirtschaft und der Verkehr, vor allem aber die innere Sicherheit. Die CDU schoss sich auf Krafts Innenminister Ralf Jäger ein, der auch eine gute Zielscheibe abgab – Übergriffe in der Silvesternacht in Köln; die Rolle der NRW-Behörden im Fall um den Attentäter vom Berliner Weihnachtsmarkt; eine wachsende Salafisten-Szene in Nordrhein-Westfalen; ganze Stadtteile, die als No-Go-Areas gebrandmarkt werden; hohe Einbruchszahlen.

Laschet zeigte zuletzt Schärfe im Wahlkampf

Es war ein Wahlkampf, in dem Laschet, der als besonnen, bedacht, ruhig und zahm galt, für seine Verhältnisse grob wurde. Der 56 Jahre alte Ex-Minister, der sich für Krafts Amtsvorgänger Jürgen Rüttgers zwischen 2005 und 2010 im Landeskabinett um Integrationsfragen gekümmert hatte, galt zuvor vielen Parteifreunden als zu ungefährlich. Der Mann sei nicht wirklich geeignet für das Amt des Ministerpräsidenten, er habe Beißhemmungen und sei seit seiner Zeit als Integrationsminister ein Ausländerversteher, sagten sie hinter vorgehaltener Hand – und täuschten sich doch. Denn der Merkel-Getreue zeigte vor allem in den letzten Tagen des Wahlkampfs Schärfe - fein dosierte Schärfe zwar, die selten verletzte, doch erkennbar war. Der Mann mit dem eigentlich heiteren Naturell versuchte sich in der Rolle des harten Sheriffs, der für Recht und Ordnung sorgen würde. So ganz konnte man ihm die Pose nicht abnehmen, aber der studierte Jurist lächelte stets verschmitzt, weil er wusste, dass er ein Thema gefunden hatte, dass die Leute umtrieb.

Die CDU feiert bis in die Nacht. Der Henkel-Saal, in dem die SPD trauert, leert sich schnell. Nur vor der Kneipe “Meilenstein” ist noch ein bisschen Rummel. Schließlich hat Fortuna Düsseldorf gewonnen. Noch lässt sich der Abstieg verhindern. Das kann die SPD in Nordrhein-Westfalen nicht mehr von sich behaupten.