Lüneburg - Im Konzentrationslager Auschwitz musste Eva Kor grausame Experimente des KZ-Arztes Josef Mengele über sich ergehen lassen – 70 Jahre später reicht sie dem in Lüneburg angeklagten SS-Schergen Oskar Gröning die Hand zur Versöhnung. Dutzende andere Auschwitz-Überlebende, die als Nebenkläger auf Gerechtigkeit für fast 1000 ermordete Familienmitglieder pochen, protestieren: Kor inszeniere ihr Verzeihen und Vergeben immer wieder in der Öffentlichkeit, lautet der am Montag über zwei Nebenklage-Anwälte verbreitete Vorwurf.

Am Vorabend sahen bei „Günther Jauch“ knapp 3,6 Millionen Fernsehzuschauer ein Foto der Versöhnungsgeste, bei der Kor sich zu dem Angeklagten hinbeugt und ihn in den Arm nimmt. Kor erklärte, dass Gerichtsverfahren gegen NS-Verbrecher der falsche Weg seien. Für ihr Vergeben sehe sie keine Alternative. Stattdessen plädiert sie für einen Dialog von Tätern und Opfern, um zu einer besseren Welt zu gelangen.

„Als Nebenklägerin im Namen der Ermordeten aufzutreten, öffentlich das Strafverfahren abzulehnen und die Rolle der Nebenklägerin zur medial inszenierten persönlichen Verzeihung nutzen – das passt nicht zusammen“, empören sich die Nebenkläger-Anwälte Cornelius Nestler und Thomas Walther. Dabei ist der Vorwurf der Inszenierung nicht ganz von der Hand zu weisen. Erstmals habe sie Gröning am ersten Prozesstag am Dienstag unter Ausschluss der Öffentlichkeit die Hand gereicht. Dieser sei im selben Augenblick aber wegen eines Schwächeanfalls weggesackt, sagte Kor der dpa. Am Folgetag verlas sie dann vor Gericht eine Erklärung, in der sie sagte: „Ich habe den Nazis vergeben.“ Am Donnerstag ging sie erneut auf den Angeklagten zu, wiederholte ihre Geste – und ließ sich von ihrem Anwalt dabei fotografieren. Das Bild fand dann seinen Weg in die „Günther Jauch“-Sendung und die Presse.

Mitwirkung am Mord von 300 000 Menschen

„Unsere 49 Mandanten, alle ebenfalls Überlebende von Auschwitz, sind Nebenkläger geworden, weil sie für ihre ermordeten Eltern und Geschwister Klage führen wollen“, erklärten die Anwälte der anderen Überlebenden. Sie könnten dem angeklagten SS-Mann Gröning seine Mitwirkung am Mord von 300 000 Menschen in Auschwitz nicht verzeihen, zumal er sich frei von strafrechtlicher Schuld fühle. Dem 93-Jährigen wirft das Gericht Beihilfe zum Mord in mindestens 300 000 Fällen vor. Der Angeklagte hatte sich zu Prozessbeginn zu seiner moralischen Mitschuld bekannt. (dpa)