Der Name Hans Lipschis steht auf der Liste des Simon-Wiesenthal-Centers der zehn meistgesuchten NS-Verbrecher auf Platz 4. Genauer gesagt, er stand: Am Wochenende wurde der inzwischen 93-jährige frühere Aufseher des Konzentrationslagers Auschwitz in Baden-Württemberg festgenommen. Der gebürtige Litauer war ab 1941 Aufseher in dem Vernichtungslager und soll in dieser Funktion an der Ermordung der überwiegend jüdischen Häftlinge mitgewirkt haben. Das teilte die Staatsanwaltschaft Stuttgart mit.

Totenkopf am Revers

Der Rentner, der 1919 in Litauen als Antanas Lipsys geboren und 1943 unter dem Namen Hans Lipschis als „Volksdeutscher“ eingebürgert worden war, gehörte dem Totenkopf-Sturmbann an. Die Hauptaufgabe dieser SS-Verbände war die Bewachung und Verwaltung der von der SS errichteten Konzentrationslager. Erkennungsmerkmal war der Totenkopf am rechten Kragenspiegel.

Dennoch lebte der Rentner seit 1945 nahezu unbehelligt erst in Deutschland und seit 1956 in den USA. 1983 kehrte er nach Deutschland zurück und wohnte seither in der baden-württembergischen Kleinstadt Aalen. Eine unfreiwillige Heimkehr: Die USA hatten den Mann ausgewiesen, nachdem seine SS-Mitgliedschaft und sein Einsatz in Auschwitz bekannt wurden. In Deutschland aber interessierte das bis zu diesem Wochenende niemanden.

Warum geht die Staatsanwaltschaft jetzt, 68 Jahre nach der befreiung Deutschlands vom Nazi-Regime, gegen Lipschis vor? Der Mann ist kein Unbekannter. „Lipschis hat in der größten Todesfabrik der Menschheitsgeschichte gearbeitet“, sagt Efraim Zuroff vom Wiesenthal-Center in Jerusalem, einer jüdischen Nichtregierungsorganisation, die sich unter anderem der Verfolgung noch lebender NS-Täter verschrieben hat. Lipschis wurde erst im vergangenen Monat auf der Liste platziert. „Das liegt daran, dass sich erst da die Möglichkeit abzeichnete, dass Lipschis doch noch vor Gericht zur Verantwortung gezogen werden kann“, sagte Zuroff dieser Zeitung.

Dass die deutsche Justiz in den vergangenen Jahren verstärkt solche Fälle wieder aufrollt, liegt vor allem an der neuen Rechtslage, die durch das Urteil gegen den KZ-Wächter John Demjanjuk im Jahr 2011 geschaffen wurde. Seither muss einem Mitglied des Wachpersonals eines KZ nicht mehr ein konkreter Einzelmord nachgewiesen werden, sondern nur der Einsatz an zentralen Orten in den Lagern, wie der Rampe, wo die Häftlinge ankamen oder der Gaskammer, um eine Beteiligung am Massenmord zu belegen.

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Nichts gesehen, nichts gewusst

Hans Lipschis selbst ist sich allerdings keiner Schuld bewusst. Das ist zumindest einem Gespräch zu entnehmen, das er im April mit Reportern der Welt am Sonntag geführt hat. Auf die Frage, in welcher Funktion er in Auschwitz tätig war, antwortete der gelernte Bäcker: „Als Koch, die ganze Zeit.“ Er habe auch nicht für die Häftlinge, sondern für die Mannschaften gekocht.

Von dem, was in dem Konzentrationslager geschah, so behauptet Lipschis, habe er nichts miterlebt, auch nichts gesehen. Am 27. Januar, als sowjetische Truppen den Lagerkomplex Auschwitz befreiten, will Lipschis nicht mehr dort gewesen sein. Kurz vor Kriegsende wurde er nach eigener Aussage an die Ostfront beordert. An Zeitpunkt, Ort oder Einheit aber will sich der Greis nicht mehr erinnern können.