NSU-Ausschuss: Mord an V-Mann Corelli nicht mehr ausgeschlossen

Berlin - Den Fall des toten V-Manns Thomas Richter alias „Corelli“ hatten die Behörden bereits abgehakt, jetzt aber müssen die Ermittler doch noch einmal ran: Die Staatsanwaltschaft Paderborn prüft, ob der plötzliche Tod des Neonazis und Verfassungsschutzagenten vielleicht doch ein Mord war. Und das Bundeskriminalamt muss auf Handys, Sim-Karten, Laptops und anderen Datenträgern aus „Corellis“ Besitz nach Spuren suchen, die ins Umfeld der Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) führen könnten. Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV), das „Corelli“ fast zwei Jahrzehnte lang als Topquelle in der rechtsextremen Szene führte und von ihm 2005 eine Propaganda-CD erhielt, in dessen Booklet auch der Begriff „Nationalsozialistischer Untergrund“ erwähnt wird, habe dies bislang nicht oder nicht vollständig getan, berichtet das RBB-Inforadio.

So war erst vor einem Monat bekannt geworden, dass rein zufällig in einem Panzerschrank des früheren V-Mann-Führers von „Corelli“ mehrere Sim-Karten sowie ein Handy des Spitzels gefunden wurden, die bis dahin dem Amt nicht bekannt gewesen sein sollen. Das BfV tat den Fund als unerheblich ab, da das Handy nur ein halbes Jahr lang und auch erst nach dem Auffliegen des NSU in Gebrauch war. Nach Informationen der Berliner Zeitung waren aber auf dem Gerät rund 4 200 SMS-Nachrichten sowie Hunderte Twitter-Einträge gespeichert. Ob sich darunter auch von älteren Handys übernommene Meldungen befinden und wer „Corellis“ Kommunikationspartner waren, das prüft jetzt das BKA, dem Handy und Sim-Karten übergeben wurden.

Viele Fragezeichen

Die Ermittler bekommen aber noch mehr zu tun. So berichtet das RBB-Inforadio, mehrere Handys und Sim-Karten, die „Corelli“ in den Jahren 2007 bis 2011 benutzte, seien vom BfV nicht oder nur unvollständig ausgewertet worden, obwohl sie dem Amt seit Jahren vorgelegen hätten. Zwar hat die Behörde stets beteuert, ihr V-Mann habe keine Verbindungen ins nähere Umfeld des NSU unterhalten. Wenn sich nun aber herausstellt, dass gar nicht alle Handys „Corellis“ ausgewertet worden sind, dann steht diese Einschätzung erneut in Frage.

Kurz bevor das BKA den ehemaligen V-Mann zu seinem Wissen über den NSU befragen wollte, fand man ihn tot in seiner Wohnung in Paderborn. Offiziell wurde eine natürliche Todesursache festgestellt, Richter starb demnach an einem diabetischen Schock nach einer nicht erkannten Zuckererkrankung. Vor drei Wochen jedoch widerrief der damalige Gutachter seine frühere Einschätzung, wonach ein solcher Tod nicht durch Dritte herbeigeführt werden könne. Es gebe vielmehr drei Wirkstoffe, darunter ein Rattengift, die einen tödlichen Insulinmangeldiabetes herbeiführen könnten. Die Staatsanwaltschaft Paderborn hat deshalb noch einmal Ermittlungen aufgenommen.

Ob sie zu einer eindeutigen Antwort gelangen wird, ist aber fraglich: „Corellis“ Leichnam wurde eingeäschert. Und die Wirkstoffe, die einen diabetischen Schock herbeiführen können, sind schon wenige Stunden nach der Aufnahme im Körper nicht mehr nachweisbar.