Er schasste unliebsame Mitarbeiter, lief barfuß durchs Büro und wenn er mit einem Referatsleiter Ärger hatte, dann löste er das Referat eben auf.

Kolportiert werden viele solcher Geschichten über Helmut Roewer, ehemalig Chef des Thüringer Verfassungsschutzes, und wenn seine Behörde die Taten der Zwickauer Zelle nicht verpennt hätte, dann wäre Roewer einfach einer von vielen miesen Chefs.

Doch Roewer ist ein mieser Chef, der sich für die Nichtaufklärung mehrerer Morde verantworten muss, und die Frage steht im Raum: Wie konnte so einer in so eine wichtige Position kommen?

Um die Antwort drücken sich vor dem Untersuchungsausschuss im Erfurter Landtag alle Beteiligten; plötzlich ist Roewer eine Art krimineller Jugendfreund, den keiner so richtig gekannt haben will. Er selbst sagt: "Es war an einem Tag nachts um 23 Uhr, da brachte mir eine unbekannte Person eine Ernennungsurkunde vorbei, in einem gelben Umschlag. Es war dunkel, ich konnte sie nicht erkennen. Ich war außerdem betrunken. Am Morgen fand ich den Umschlag jedenfalls noch in meiner Jacke."

Andere Bewerber gab es nicht

Roewer habe sich selbst um das Amt Beworben, sagte der damalige Innenminister Franz Schuster (CDU).

„Ich habe ihn nicht einmal gekannt“, sagte Schuster weiter. Das Innenministerium habe die Bewerbungsunterlagen an das Kabinett gegeben. „Dann hat das Kabinett über die Personalie beraten und sich für Roewer entschieden.“ Einen weiteren Bewerber habe es nicht gegeben.

Wer sich allerdings dafür eingesetzt hat, dass über Roewer entschieden wurde, daran erinnert sich Schuster angeblich nicht mehr. Roewers Vorgänger Harm Winkler allerdings hat offenbar ein besseres Gedächtnis. Er sagt, Innenminister Schuster habe Roewer vorgeschlagen.

Winkler wiederholte bei seiner zweiten Vernehmung seine Vorwürfe über die teils desolate Lage der Behörde in den Anfangsjahren. So seien etwa Sicherheitsbedenken in Bezug auf Abteilungsleiter von seinen Vorgesetzten im Innenministerium nie beantwortet worden, sagte Winkler.

Vorwürfe erhebt Winkler unter anderem gegen den ehemaligen Innenstaatssekretär Michael Lippert. So habe ein damaliger Verfassungschutz-Mitarbeiter Lippert gewarnt, dass ein Rechtsextremer nach Thüringen eingereist sei und eine Organisation gründen wolle. Der Staatssekretär habe ihn gefragt, ob er „nichts Besseres zu tun“ habe, sagte Winkler.

Thüringen nur als Transitland wahrgenommen

Lippert sagte aus, dass es zwischen 1992 und 1994 zwar verstärkt Demonstrationen von Skinheads gegeben habe. Die Szene sei aber nach damaligen Erkenntnissen "politisch nicht gefestigt" gewesen und nicht zentral organisiert. Wer Demonstrationen organisiert habe, sei nicht bekannt gewesen. Thüringen sei vor allem als ein „Transit-Land“ für Rechtsextreme aus der ganzen Bundesrepublik wahrgenommen worden.

Der Untersuchungsausschuss in Thüringen befasst sich mit dem Behördenversagen im Zusammenhang der Zwickauer Terrorzelle. Zurzeit untersuchen die Gremiumsmitglieder die Zeit bis 1998. Am kommenden Dienstag berät der Ausschuss ein letztes Mal vor der Sommerpause.

Aufnahmen von den Befragungen des Ausschusses sind untersagt, aber die Landtagsabgeordnete Katharina König (Die Linke) hat einige besonders denkwürdige Sätze dokumentiert.

Hier eine Zusammenfassung von Aussagen über Roewer. (mit dapd)