NSU-Morde: Die Wut unter Migranten ist groß

In der vorigen Woche war die Schmerzgrenze bei den Hinterbliebenen überschritten. Zwei Familien der Opfer des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) erstatteten Strafanzeige gegen Verfassungsschutzbeamte – wegen der Vernichtung von Akten über die Operation Rennsteig. Ziel sei es, sicherzustellen, dass es nicht bei einer behördeninternen Aufklärung bleibe, sagte ihr Berliner Rechtsanwalt Mehmet Daimagüler. Die Wut vor allem unter den türkisch-stämmigen Migranten ist groß.

Daimagülers Biografie verweist auf die Tiefenschichten der rechtsterroristischen Mordserie und warum ihre Aufklärung ein Jahrzehnt nicht gelang, sondern hintertrieben wurde. Die Eltern des 44-Jährigen kamen in den 60er-Jahren aus Istanbul ins Westfälische. Sie kamen, um irgendwann wieder zu gehen und fanden sich schlecht ein. Das hatte Folgen für die Kinder. Der Halbbruder glitt ins Kriminelle ab und musste das Land verlassen. Daimagüler kämpfte mit Depressionen und Alkohol. Er stieß an Grenzen der Gesellschaft und des Elternhauses, hatte Probleme, seine Aggressionen zu bändigen. Noch 2008 geriet er in Köln mit einem Hotelportier aneinander. „Wenn du es als Türke in Deutschland schaffen willst, musst du besser als die Deutschen sein“, mahnte die Mutter.

Daimagüler war vielleicht nicht besser, aber doch sehr gut. Er schaffte es von der Hauptschule bis nach Harvard. Der Jurist trat in die FDP ein und rückte in deren Bundesvorstand auf. Mittlerweile ist er Sozius einer großen Anwaltskanzlei im feinen Berlin-Charlottenburg. Er wurde zum Vorzeige-Migranten, den es nicht mehr groß zu kümmern braucht, was in Neukölln vor sich geht.

Es kümmert ihn allerdings doch. Denn das Integrationsthema ist ja immer noch da. Im vorigen Jahr veröffentlichte Daimagüler ein Buch mit dem Titel: „Kein schönes Land in dieser Zeit“. Aus der FDP ist er ausgetreten – weil die nicht genug für die ausländischen Mitbürger tue. Nun hat er das Mandat von Menschen übernommen, deren Angehörige von Rechtsterroristen ermordet wurden.

Ihre Klage gegen den Verfassungsschutz gibt wiederum der tiefen Besorgnis der Türkischen Gemeinde in Deutschland Ausdruck. Deren Vorsitzender Kenan Kolat erinnert daran, dass schon Anfang des Jahres zwei Drittel der türkisch-stämmigen Bevölkerung der Meinung gewesen seien, „dass hinter den Morden die staatlichen Stellen stecken. Diese Meinung hat sich noch verstärkt.“ Die Community habe „überhaupt kein Vertrauen mehr in die Sicherheitsorgane“. Kolat sieht „einen institutionellen Rassismus in den Behörden“. Bei all dem spielten die Erfahrungen mit dem „tiefen Staat“ – der Verquickung krimineller und öffentlicher Strukturen in der Türkei – nur eine Nebenrolle. Was die Migranten dächten, resultiere überwiegend aus ihren Erfahrungen hierzulande. Kolat: „Wir leben gern in Deutschland. Aber wir wollen ohne Angst leben.“

Wie ein mögliches Verfahren gegen die Verfassungsschutz-Beamten ausgeht, ist noch völlig unklar. Klar ist, dass Daimagüler im Oktober 2011 zum Thema Integration sagte: „Unser System ist eine moralische Bankrotterklärung.“ Im November flog der NSU auf. Seither liest sich der Satz noch mal anders.