Der eine Filmschnipsel stammt aus dem Jahr 1991. Er zeigt Beate Zschäpe aus Jena, 16 Jahre alt, wallender Haarschopf, große Ohrringe. Sie raucht ungeschickt, kichert verlegen und schaut verliebt auf einen Jungen neben ihr.

Im Jahr 2012 ist eine andere Aufnahme entstanden, in der Justizvollzugsanstalt Köln-Ossendorf. Beate Zschäpe, 37 Jahre alt, steht im pinkfarbenen T-Shirt vor der Kamera. Die Haare sind streng nach hinten gebunden, kraftlos hängen ihre Arme herab. Resignation liegt in ihrem Blick, Unsicherheit, Trotz.

21 Jahre liegen zwischen diesen Bildern. Sie markieren ein Davor und ein Danach. Vor und nach dem Hass, der Flucht, dem Verschwinden. Vor und nach dem Morden. Welchen Weg ist Beate Zschäpe in diesen 21 Jahren gegangen? Ist aus dem unbeschwerten Teenager von 1991 tatsächlich eine eiskalte Terroristin und Mörderin geworden, die zusammen mit ihren Jugendfreunden Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zehn Menschen ermordet hat? Und wenn ja – wie konnte das geschehen? Antworten auf diese Fragen wird ab Montag das Münchner Oberlandesgericht finden müssen. Zunächst ohne Hilfe der Angeklagten: Zschäpes Anwälte haben angekündigt, dass ihre Mandantin sich weiterhin nicht erklären wird.

Schüchtern als Teenager

Will man sich ein Bild von Beate Zschäpe machen, bleiben bislang nur die Aussagen derjenigen, die sie gekannt und eine Zeit lang begleitet haben. Das ist zu wenig, um ein Urteil über diese Frau zu fällen. Aber genug, um eine von mörderischem Hass und Sehnsucht nach Liebe zerrissene Persönlichkeit zu skizzieren.

Thomas Grund, Sozialarbeiter im Jugendklub „Hugo“ in Jena-Winzerla, schüttelt noch immer ungläubig den Kopf, wenn er über Beate Zschäpe und die Morde des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) spricht. „Klar war sie damals, in den Neunzigern, in diese Ecke abgedriftet, sie hatte einen großen Mund und hat wohl auch mal zugelangt, weil sie ihren rechten Freunden imponieren wollte“, sagt der 60-Jährige. „Aber eine Mörderin…“ Grund lässt den Satz unvollendet. Er hat 1991 den Film aufgenommen, der Beate Zschäpe als Teenager zeigt. „Ich hatte sie damals auf eine Bank gesetzt mit zwei Freunden und sie ausgefragt, über ihren Alltag und was man auf die Beine stellen sollte für die jungen Leute hier“, erzählt er. Schüchtern sei sie gewesen. „Ich hatte sie und ihre Freunde an den Garagen am alten Hugo-Klub aufgegabelt, wo sie Bier getrunken und Musik gehört hatten. Das waren keine Linken, keine Rechten. Sowas spielte bei denen keine Rolle.“

Gehört habe er damals, dass sie viel klaue, auf Vietnamesen-Märkten etwa. Ein Sport sei das für sie gewesen, glaubt Grund. Einmal sei sie mit einem Freund in den Keller des „Hugo“ eingestiegen, habe Schnaps gestohlen. Aber sie habe eben auch angepackt, als man den abgebrannten Klub herzurichten begann. „Sie und die anderen waren damals 15, 16, 17 Jahre alt“, sagt Grund. „Alles schien möglich für sie.“

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Alles? Die Jahre nach dem Ende der DDR waren für die Ostdeutschen wohl eher eine Zeit des Umbruchs als des Aufbruchs. Die alte Ordnung war verschwunden, neue Gesetze kamen. Tausende verloren ihre Arbeit. Die Orientierungslosigkeit vieler Eltern ließ Jugendliche den Halt verlieren, die Lehrer taugten nicht mehr als Bezugspersonen. Eine Generation Heranwachsender suchte nach neuen Autoritäten und Werten und blieb dabei allein.

So war es auch in Jena, so ging es auch Beate Zschäpe. Ihre Mutter wird 1991 arbeitslos, lässt sich treiben, trinkt. Das ohnehin angespannte Mutter-Tochter-Verhältnis wird dadurch immer schwieriger. Beate Zschäpe wohnt jetzt wieder häufiger bei der Großmutter, wo sie schon als Kind mehr Geborgenheit als bei der Mutter fand. Als „Omakind“ hat sie sich selbst bezeichnet.

Die Mutter gibt sich heute selbst die Schuld an dem Zerwürfnis mit ihrer Tochter. Der Polizei sagte sie, ihre Beate sei „ein liebes, nettes Mädchen“ gewesen, das viele Freundinnen in der Schule gehabt habe. Leicht beeinflussbar sei sie nicht gewesen, sagt die Mutter noch, aber wenn sie von etwas überzeugt gewesen sei, dann habe sie diese Sache konsequent vertreten.

Im Juni 1991 beendet Beate Zschäpe die 10. Klasse an der Goethe-Oberschule in Jena. Auf dem Zeugnis stehen nur Dreien und Vieren, lediglich im Sport hat sie eine Zwei. Ihr Traum, Kindergärtnerin zu werden, erfüllt sich nicht. Ein Jahr hängt sie herum, am „Hugo“ und an den Garagen von Winzerla. Dann fängt sie als Malergehilfin in der Jugendwerkstatt der Stadtverwaltung an, für fünf Monate. Fleißig soll sie gewesen sein und hilfsbereit.

1993 verliebt Beate Zschäpe sich in Uwe Mundlos. Der Professorensohn ist 20, zwei Jahre älter als sie. Gut aussehend, intelligent, redegewandt, auftrumpfend – und ein Nazi durch und durch. Beate Zschäpe, die bis dahin mit einem Punker liiert war, wechselt nun auch politisch die Front. Eine Lebensentscheidung.

Die Liebe hält zwei Jahre. Als Mundlos zur Armee kommt, verliebt sie sich in Uwe Böhnhardt. Auch er ist ein Neonazi, ein Schläger. Böhnhardt ist zwei Jahre jünger als Beate Zschäpe, ein stiller, sanfter Junge eigentlich, wenn er nicht mit seinen rechten Kameraden Linke und Ausländer jagt, den Hass auf Demonstrationen herausschreit.

In dieser Zeit absolviert Zschäpe eine Ausbildung als Gärtnerin, die sie im August 1995 abschließt. Der Beruf machte ihr Spaß, erzählt Brigitte Böhnhardt. „Ich weiß noch, wie sie immer krumme Gurken mitbrachte, wenn sie Uwe und uns besuchte.“ Wir stehen in dem kleinen Balkonzimmer ihres Sohnes in der Neubausiedlung von Jena-Lobeda. Hier, bei seinen Eltern, hat Uwe Böhnhardt gelebt, bis er mit seinen Freunden am 26. Januar 1998 vor der Polizei floh und in den Untergrund ging. Zeitweise wohnte Beate Zschäpe mit ihm in diesem Zimmer. 1996 war das, erinnert sich Brigitte Böhnhardt. „Ihre Mutter hatte damals die Wohnung verloren, und so nahmen wir die Beate bei uns auf“, sagt sie. Zschäpe ist zu jener Zeit arbeitslos, nach der Gärtner-Ausbildung wird sie nicht übernommen. Einmal noch, 1996, arbeitet sie für ein Jahr als Malergehilfin, dann steht sie wieder auf der Straße. Niemand außer ihren rechten Freunden braucht sie.

Sie hätten damals viel zusammengesessen in der Familie, erzählt Brigitte Böhnhardt. Auch über Politik habe man gesprochen. „Ich hätte nie gedacht, dass die Beate rechts eingestellt ist“, sagt sie. Ihr Sohn sei sehr verliebt gewesen, die Beate auch. Es gibt ein Bild, da sitzt das Paar mit den Böhnhardts zusammen am Wohnzimmertisch. Beate Zschäpe hält die Hand ihres Freundes, lächelt ihn an. Die Aufnahme, 1996 oder 1997 entstanden, zeigt eine heile Welt – aber nicht die andere Seite von Beate Zschäpe.

Denn seit 1995 geht Zschäpe mit Böhnhardt und Mundlos regelmäßig zu den Treffen der „Anti-Antifa Ostthüringen“, einer militanten Nazi-Truppe. Sie schließt sich der Neonazi-Kameradschaft Jena an, wird Aktivistin des „Thüringer Heimatschutzes“, einem losen Verbund rechtsextremer Gruppen. Am Gedenktag zur Reichspogromnacht 1996 wird sie festgenommen, sie trägt dabei ein Schulterholster mit einer Schreckschusswaffe. Sie ist bei Demonstrationen gegen die Wehrmachtsausstellung dabei, marschiert bei NPD-Aufmärschen mit, besucht Konzerte von Nazi-Bands. Einmal schlägt sie einer Punkerin die Faust ins Gesicht, einfach so. Als Polizisten nach der Flucht des Trios 1998 Zschäpes Wohnung durchsuchen, finden sie dort neben Waffen das wohl von ihr mitgestaltete antisemitische Brettspiel „Pogromly“.

War es nur die Liebe und Freundschaft zu den beiden Uwes, die sie immer rechtsradikaler werden ließ? Zschäpes Cousin, Stefan Apel, schließt das nicht aus. „Hätte sie damals andere Freunde gefunden, dann hätte sie auch eine andere politische Einstellung gehabt“, glaubt er. Apel kennt seine Cousine sehr gut, wie Geschwister seien sie in der Kindheit gewesen, und auch später, bis zur Flucht des Trios, sei der Kontakt eng geblieben. Beate, so sagte er in einer Vernehmung aus, sei sehr beliebt gewesen, lustig, immer gesellig, robust im Umgang, ein offener, selbstbewusster Mensch.

Normalität als Fassade?

Ähnliche Sätze hört man von Menschen, die Beate Zschäpe in den letzten zehn Jahren kennengelernt haben, als sie unter falscher Identität mit ihren beiden Freunden in Zwickau wohnte und regelmäßig zum Campingurlaub auf die Insel Fehmarn fuhr. In der gleichen Zeit soll sie, wie es ihr die Bundesanwaltschaft vorwirft, aus Rassenhass und politisch-ideologischer Überzeugung mit Böhnhardt und Mundlos die Morde an zehn Menschen geplant und durchgeführt haben.

In der Zwickauer Polenzstraße etwa, wo das Trio von 2001 bis Anfang 2008 wohnte, beschreiben die Nachbarinnen Zschäpe bis heute als eine hilfsbereite Frau, mit der man über alles reden konnte, die den Kontakt zu den Freundinnen nicht abreißen ließ, als sie Anfang 2008 in die Frühlingsstraße umzog. Auch dort, in einem gutbürgerlichen Viertel sprechen die Nachbarn gut von ihr. Und die Urlaubsbekanntschaften von Fehmarn kennen ebenfalls nur die fröhliche Beate Zschäpe. Den Ermittlern sagten sie, die junge Frau und ihre Freunde seien in ihren Augen ganz normale Leute gewesen.

Hatte Zschäpe, wie es die Bundesanwaltschaft behauptet, dieses normale Leben nur als Fassade errichtet, um die Verbrechen der Gruppe zu tarnen? Oder war diese Normalität für sie auch eine Art Zuflucht in einem immer auswegloser werdenden Leben? Beate Zschäpe könnte darauf eine Antwort geben. Wenn sie es denn will.