München - Wolfgang Heer und Anja Sturm können heute auf das aberdutzendfach praktizierte Ritual zu Beginn jedes Verhandlungstages verzichten. Sie brauchen sich nicht schützend vor Ihrer Mandantin aufzubauen, während sie den Kameraleuten und Fotografen den Rücken zuwendet. Am 191. Verhandlungstag sind keine Bildjournalisten im Gerichtssaal. Nur noch zweimal im Monat  sind Aufnahmen gestattet. So hat es der Strafsenat unter Vorsitz von Manfred Götzl auf Antrag der Zschäpe-Verteidigung angeordnet und im Konflikt zwischen Pressefreiheit und Persönlichkeitsschutz zugunsten der Hauptangeklagten entschieden. Und zunächst bis zur Osterpause wird statt dreimal nur zweimal verhandelt - ein Zugeständnis an die offenbar labilen psychischen Zustand der „Terroristen-Braut“, wie die 40-Jährige zu Beginn des NSU-Prozesses  vor 22 Monaten von manchen Medien tituliert worden ist.

Selbst ein Nicken ist selten

Mit dem Beschluss ist das Gericht, sorgsam darauf  bedacht, der Verteidigung keinen Anlass für denkbare Revisionsgründe zu liefern, einer Empfehlung des renommierten Psychiaters Professor Norbert Nedopil gefolgt. Beate Zschäpe sei verhandlungsfähig, aber im Sinne einer Stress-Verringerung seien zumindest vorübergehend verkürzte Verhandlungswochen angeraten, befand Nedopil nachdem er die Angeklagte im  Gefängnis untersucht hatte. Im Februar musste der Prozess mehrfach unterbrochen werden, weil Zschäpe sich nicht gewachsen fühlte, der Verhandlung zu folgen. Wenn Richter Götzl sie auf ihr Unwohlsein ansprach, reagierte sie immerhin mit Kopfnicken. Selbst solche nonverbalen Kommunikationsansätze sind ausgesprochen selten. Eisern hält sie ihr Schweigen durch.

Über eine derart lange Zeit auf jegliche Äußerung zu verzichten, erzeugt nach Ansicht von Fachleuten einen erheblichen psychischen Druck.   Wenn sie mit ihrem Verteidiger Heer in Verhandlungspausen scherzt, sagt das wenig darüber aus, was in ihr vorgeht.  Dass das Großverfahren sie  belastet und Spuren hinterlässt, steht außer Frage. Zur öffentlichen Aufmerksamkeit  kommen  die  extrem strengen Sicherheitsvorschriften, etwa die  kleine Zelle, in die sie während der Pausen geführt wird oder   die  Kontroll-Prozedur bei der Rückkehr in die  Justizvollzugsanstalt Stadelheim, entkleiden bis auf die Haut eingeschlossen. 

Keine Kameras, weniger Anspannung

Als Beate Zschäpe in den Saal geführt wird, wirkt sie auf den ersten Blick weniger angespannt als sonst, wohl auch wegen der fehlenden Kameras. Täuscht der Eindruck oder kümmert sich Anwalt  Heer heute besonders fürsorglich um sie? Er hält ihr sein Smartphone hin, weist  auf irgendeine Textpassage hin, die sie offenbar amüsiert. Vermutlich eine Art  Entspannungstherapie. Sie trägt einen Hosenanzug in zarten Fliedertönen, in dem sie schon häufiger im Prozess erschienen ist, und ein farblich abgestimmtem Halstuch. Ab und zu füllt sie einen Plastikbecher mit Wasser aus einem mitgebrachten Tetrapak.  Eine - allerdings schon länger gewährte - Sondervergünstigung auch dies.

Dafür dass er, wie er angibt, „in der Kommunikationsbranche“ arbeitet, verhält sich der Zeuge Marcel D. ausgesprochen maulfaul. Nur   zuzugeben, was sich aufgrund von Vorhalten aus früheren Vernehmungen durch das BKA absolut unvermeidlich scheint, ist fast schon ein durchgängiges Markenzeichen von Zeugen aus der rechten Szene. Und Ermahnungen des Vorsitzenden, den Senat nicht mit Ausflüchten und Halbwahrheiten abzuspeisen, gehören genauso dazu. Der Mann im hellblauen Kapuzenpulli, der heute Rede und Antwort stehen soll,  scheint von besonderem Kaliber zu sein, denn es lässt ihn nicht nur sein Gedächtnis häufig im Stich, er  sagt offenkundig in einigen Punkten nicht die Wahrheit.

Warum sollte das Thüringer Innenministerium einem  früheren V-Mann eine „vollständige Aussagegenehmigung“ für seine Vernehmung vor dem Oberlandesgericht München erteilen, wenn er gar kein V-Mann gewesen ist? Diese Frage schwebt über der stundenlangen Vernehmung. Auch die unmissverständliche, mehrfach wiederholte Zurechtweisung von Richter Götzl, der Zeuge müsse mit einem Ermittlungsverfahren wegen Falschaussage rechnen, macht ihn kaum auskunftswilliger. Am ehesten noch lässt er sich auf seine Mitarbeit in der rechtsextremen Vereinigung „Blood and Honour“ (Blut und Ehre) festlegen, deren Thüringer „Sektionschef“ er war. Wie sämtliche zuvor aufgetretenen Kameraden versucht D. die Gruppierung als „reine Musikbewegung“ zu verharmlosen. Beharrlich bestreitet er, von 1997 bis 2000 V-Mann des Landesverfassungsschutzes Thüringen gewesen zu sein, obwohl aus den Prozessakten eindeutig hervorgeht, er sei als „Quelle 2100“ geführt worden. Zschäpe und ihre Kumpane Böhnhardt und Mundlos will er nur aus den Medien kennen, den Mitangeklagten Wohlleben flüchtig. Mehrfach wird er vom Richter und von Nebenklage-Vertretern  insistierend gefragt, ob er seine Aussage nicht korrigieren wolle. Kopfschütteln. Ahnungslos gibt D. sich, als ihm Fotos seiner V-Mann-Führer vorgelegt werden. „Die haben Sie geführt“.-“Was sollen die gemacht haben - mich entführt?“